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Münster, 23.5.2017
Weihnachten 2016 und Neujahr 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 24. Dezember 2016 um 00:00 Uhr

Weihnachtsmarkt Berlin-Alexanderplatz

Alles Gute für die Festtage

Weihnachten in regnerischer Zeit ist nur im Dunkeln erträglich, wenn die Grauschleier am Himmel nicht mehr sichtbar sind. Für angenehm dunkle Stunden bleibt am 24.12.2016 in Riga eine Menge Zeit. Der Sonnenaufgang ist erst für 9.01 Uhr berechnet und die Sonne geht, vermutlich hinter dickem Gewölk,schon um 15.44 Uhr unter. Immerhin dauert die Tageshelle ganze 6.43 Stunden. Der Tag ist bereits eine Minute länger hell als der vorhergehende. (vgl. sunrise-and-sunset.com) Bleibt Zeit, sich nach Geschenkstress und vor Familiengeselligkeiten, oder auch -zwistigkeiten (wann haben Polizisten mehr zu tun?) sich dem Früheren zuzuwenden, als alles besser war, als die Paten zur Weihnachtszeit noch durch bittere Kälte und weißen Schnee zur Taufe eilten und das Kind frech war, also vom Teufel besessen, sich ständig verwandelte und wie ein Eisklümpchen knackste,  wie Stroh raschelte und zickenhaft "Meh, meh" sprach. Dieses Märchen wird Ihnen neu nacherzählt, da bei der deutschsprachigen Übersetzung, die auf der Webseite des Lettischen Instituts für Folklore zu finden ist, die Urheberrechte nicht geklärt sind. Lettische Volkserzählungen künden vom Widerstreit zwischen heidnischen und christlichen Mächten. der Ausgang ist häufig weder tragisch noch komisch, eher auf eine etwas bizarre Art realistisch, oder eben auf eine realistische Weise bizarr...

Weihnachtsmarkt Berlin-Alexanderplatz, Foto: LP

 

Die Geschichte vom raschelnden, knackenden und zickenden Kind

Ein junger Kerl und ein Mädchen trieben sich durch das litauische Gefilde, dort, wo die Katholiken leben, die viel wert auf das Brauchtum und auf die Meinung des Papstes jenseits der großen Berge legen. Es weihnachtete und die beiden waren mit einem Neugeborenen unterwegs zum Pfarrer, damit es getauft werde. Die Straßen und Wege waren damals noch tüchtig verschneit. Es war bitterkalt, der Säugling war in einer Kugel wärmender Wäsche verschwunden. Nach der anstrengenden Reise fanden die Paten endlich den Weg ins erleuchtete Pfarrhaus. Sie zogen Mützchen, Mantel, Pullover, Höschen und Söckchen von der Kugel ab und wunderten sich: Das Kind war verschwunden. Statt dessen blökte ein Zicklein dumm aus der Wäsche: “Meh, meh!” Der Pastor glaubte, die beiden wollten sich über ihn lustig machen und verbat sich den Unsinn: “Was soll das? Ein Tier kann ich nicht taufen. Haut ab!” So trieb der Geistliche die jungen Leute aus seinem Haus. Verbittert gingen sie durch die kalte Nacht heimwärts, als sie auf halbem Wege das Licht eines Wirtshauses erblickten, an der Stelle, wo sich zwei Wege kreuzen. Sie wollten sich erholen, einen guten Humpen Bier und einen Laib Brot munden lassen und endlich anderen erzählen, was geschehen war. Im Gasthaus zeigten sie dem Wirt und den anderen Gästen ihre Wäschekugel, von der nun alle glaubten, dass sich ein Zicklein in ihr verberge. Doch nun kam wieder das Kind zum Vorschein und die beiden wurden von den anderen ausgelacht. Sie machten kehrt, begaben sich wieder zurück zum Pfarrhaus. Der Pastor hörte sich ihre Geschichte an und die Paten durften die Kugel erneut zur Taufe bereit machen. Doch diesmal enthüllten sie weder einen Säugling, noch ein Zicklein, sondern nur ein Eisklümpchen. Jetzt war der Pfarrer noch wütender: “Was fällt euch ein, mich zum Narren zu halten, ihr schamloses Pack. Raus aus meinem Haus!”

berlin

Sternemarkt in Berlin, Foto: LP

Die beiden zogen wieder hinaus in die finstere Kälte. Abermals kehrten sie im Wirtshaus an der Wegkreuzung ein. Sie wollten den anderen das Eisklümpchen zeigen. Doch wieder lag das Kind in den Windeln, kein Eisklümpchen. “Ist das nicht eine Strafe Gottes?” fragten die Paten sich resigniert. “Der Teufel mag uns den Streich spielen. Was sollen wir machen?” Ein Besprecher und Wohltäter erhob sich vom Stammtisch. Besprecher und Wohltäter waren in alten Zeiten keine Sozialpädagogen, sondern Weise, die mit der alten heidnischen Zauberkunst vertraut waren. Er riet dem Burschen und dem Mädchen, einen Ferding auf die Wegkreuzung vor den Toren des Wirtshauses zu legen, sich nicht umsehen und auf Umwegen zum Pfarrer zurückgehen. Der Ferding war damals eine Münze, der Euro Livlands. Der Pfarrer erbarmte sich und ließ die Paten in sein Haus. Die jungen Leute schwörten bei Gott und wickelten die Stoffkugel wieder aus. Und, wie zu erwarten war, auch diesmal kam kein Kind zum Vorschein, sondern eine Handvoll Roggenhalme. Der Pfarrer war aufgebracht und hatte schon so manchen sündigen Fluch auf den Lippen. Doch er besinnte sich, bat um Bedenkzeit, ging ins Nebenzimmer und zündete sich seine mannshohe Meerschaumpfeife an, so eine, wie sie Max und Moritz in einer anderen Geschichte zur Explosion brachten. Bald füllte sich das ganze katholische Haus mit kunstvoll geblasenen Rauchkringeln. Schließlich taufte der Geistliche die Halme auf den Namen Stepiņš (Stephan). Er bespritzte sie mit Weihwasser, rieb sie mit geweihtem Öl ein und bekreuzigte sich vor ihnen und tatsächlich verwandelte sich das Stroh in ein Kind. Die Paten waren nun froh und bedankten sich herzlich. Sie machten ihm Geschenke und machten sich auf den Heimweg. Ab und zu machte das Kind “meh, meh” wie ein Zicklein, raschelte wie Stroh und es krachte und knackte wie Eis im Frühjahr. An der Wegkreuzung sahen sie, dass das Kind ruhig schlief. Es wurde Stepiņš Vīkšķītis (Strohwisch) genannt. Ob es groß geworden ist, vermag niemand zu sagen.

 

Link zum Original auf ltk.lv

 

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