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Münster, 24.6.2018
Weihnachtsgeschichte PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 23. Dezember 2017 um 00:00 Uhr

Ligatne

Am Ligatne-Fluss, Foto: LP

Wie die Venta entstanden ist, eine Weihnachtsgeschichte

Oder: Weil Frauen stets an allem schuld sind und Gott dies wohlweislich für sein Strafgericht einkalkuliert

Oder: Pikante Vorgänge finden lieber im Nachbarland statt

Es ist nicht ganz leicht, lettische Weihnachtsgeschichten zu finden, denn in der großen Märchen- und Sagensammlung von Peteris Smits (LP: hier) besteht dafür keine eigene Kategorie. Aber der lettische Volksmund überlieferte so manches Erscheinen Gottes unter den Menschen, das sich zum Weitererzählen unter dem festlich geschmückten Tann empfiehlt. In der folgenden Geschichte wird die göttliche Gerechtigkeit demonstriert. Sie zeigt Gott als großen Humoristen, der den lausigen Arbeitsbegriff des Bürgers in Frage stellt. Was der Deutsche "Arbeit" nennt, bezeichnet der Lette als "darbs". (Ob die lautliche Ähnlichkeit des lettischen Hauptworts "darbs" mit dem deutschen Tätigkeitswort "darben" wieder nur etymologischer Zufall ist?) Es missfällt Gott gewiss sehr, was der Bürger seit der Erfindung der Dampfmaschine als Arbeit und was er als Vergnügen bezeichnet. Für den emsigen Bürger zählt nur das als Arbeit, womit er Geld scheffelt, und alles andere, auch das leiblich Notwendige, ist ihm bloßes Freizeit- und Privatvergnügen. Das leiblich Notwendige kann allerdings aus pikanten Details bestehen. Deshalb konnte folgende Geschichte nur mit darbender Mühe vom Schreiber dieser Zeilen in eine Weihnachtsgeschichte umgemünzt werden. Die Geschichte zeigt aber auch, dass der liebe Gott männlich ist und natürlich wieder mal die Frau auf eine verhängnisvolle Idee kommen lässt. Janis Bullis aus Ventspils erzählte diese Geschichte in seiner Fassung 1952 einem Schreiberling. Doch im Internet ist auch von einer Una Jansone (pasakas.net) die Rede.

Wie die Venta entstanden ist

Es begab sich einst zur Weihnachtszeit im Litauischen. Dort hatte ein Vater zwei Söhne. Dem einen war das Leben nicht recht gelungen. Er war arm. Oft wussten er und seine Frau nicht, was sie essen und anziehen sollten. In ihrer kleinen dunklen Hütte brannte in der dunklen Jahreszeit nur ein Kienspan. An Weihnachtsschmuck und Kerzen war nicht zu denken. Heiligabend würde, wie an jedem Tag, gesalzener Haferbrei auf den ungedeckten Tisch kommen. Zur Festzeit würde man sich dazu noch ein paar salzige Heringsenden auf der Zunge zergehen lassen. Der andere Bruder war dagegen reich und wohnte in einem riesigen Landhaus. Er half dem armen nie und konnte ihn auch nicht leiden.

Vor dem Heiligen Abend kam ein Alter daher und klopfte an der prächtigen Pforte an, die zum steinernen Herrensitz des reichen Bruders gehörte. Er war eigentlich Gott, aber heutzutage sagt man "Alter". Was bildete sich der Greis eigentlich ein, die Leute zu belästigen? "Wir haben hier keinen Platz," antwortete der Besitzer: "Versuchs mal in der kleinen Hütte da hinten!" Dort wohnte der arme Bruder mit seiner Frau. So jagte er den Alten davon.

Der ging zum armen Bruder und fragte ihn, ob er bei ihm übernachten könne. Der Arme sagte "Ja", ließ ihn hinein, gab ihm von dem wenigen Essen, das er hatte und bereitete ihm ein Bett. Am Morgen verabschiedete sich der ungebetene Gast mit den Worten: "Ich kann dir das Nachtlager nicht vergelten, denn ich bin selber ein Habenichts. Aber weil Du mich so gütig aufgenommen hast, will ich dir etwas wünschen: Die Arbeit, die du als nächste beginnen wirst, sollst du an Ort und Stelle drei Tage und drei Nächte lang verrichten."

Der Arme dachte bei sich: "Was soll der Quatsch? Er will wohl das Beste für mich, aber er ist genauso arm wie ich und redet ein wirres Zeug daher." Er wollte in die Stadt gehen, um sich einen Flicken für seine alten zerzausten Bauernstiefel zu besorgen. Für ein neues paar Stiefel war natürlich kein Geld da, für einen Flicken reichte die dürre Geldkatze aber noch. Er nahm sie und wollte seine letzten Groschen zählen. Er begann mit dieser Arbeit und siehe da: er zählte drei Tage und drei Nächte an Ort und Stelle ohne Unterlass, bis er ganz durcheinander war und nicht mehr wusste, wieviel er gezählt hatte. Bis zum Heiligen Abend hatte sich sein ganzes Zimmer mit Gold- und Silberdukaten angefüllt. Er wusste gar nicht mehr wohin damit. Auch seine Frau wollte wissen, wieviel Geld sie nun plötzlich hatten. Sie überlegten, wie sie ihren Schatz überhaupt noch messen konnten, zum Zählen war es viel zu viel. Man konnte den Geldhaufen nur noch scheffeln. Dafür gab es in alter Zeit bestimmte Messbehälter, die Scheffel genannt wurden. Die meisten scheffelten damit Getreide oder Kohle. Geld scheffelten nur die allerwenigsten, Dagobert Duck in seinem Geldspeicher und seltsame Briefkastenbesitzer jenseits der Küste vielleicht.

Das Paar hatte aber keinen Scheffel. Deshalb ging der arme Bruder zum Haus des reichen. Doch der war gerade auf Geschäftsreise. Aber dessen Frau öffnete dem Armen die Tür. Sie hörte seinen Wunsch und erwiderte: "Einen Moment bitte, ich muss den Scheffel erst mal suchen." Sie wusste genau, wo der Scheffel stand. So fand sie Zeit, ihn vorzubereiten: Sie schmierte klebriges Pech auf seinen Boden. Dann eilte sie zum Schwager und trennte sich vom Messgerät mit den hingezischten Worten: "Wiedersehen macht Freude".

Das Paar in seiner bescheidenen Hütte, aus der es aber nun am Heiligen Abend goldig und silbern aus den Fenstern leuchtete, vermaß nun den ganzen Geldhaufen. Dann brachte der Mann seiner Schwägerin den Scheffel zurück. Sie verschloss schnell wieder die Tür, um den Boden des Scheffels zu prüfen: Dort klebten goldene und silberne Münzen am Pech. Ihr Mann, der reiche Bruder, der gerade einen Müller übers Ohr gehauen hatte und nun am Heiligen Abend seine Christenpflicht erfüllen wollte, bevor er in die Mette ging, dachte daran, seinem erfolglosen Bruder mal ein Almosen zu spendieren, das steuerlich als Werbeaufwand absetzbar war: "Bringe den Taugenichtsen in ihrem Büdchen da hinten das Säckchen Mehl hier, damit sie was zu beißen haben." Seine Frau, zeigte ihrem Gatten, was am Pech haftete und erwiderte: "Die und arm! Die messen ihr Geld schon mit dem Scheffel." Die beiden wunderten sich, was da los war, in diesem Versagerhüttchen. Deshalb machten sie sich sofort auf, die Verwandten heimzusuchen.

Venta, goldgelb

Die Venta in ihrem goldgelben Glanz, Foto: LP

Der arme Bruder und seine Frau empfingen die beiden herzlich, Missgunst kannten sie nicht und dachten nicht daran, irgendetwas zu verbergen. So zeigten sie ihnen den Geldhaufen und erzählten von dem Alten, der bei ihnen vor drei Tagen übernachtet hatte. Nun erinnerte sich auch der Reiche an ihn und bat seinen Bruder: "Bei mir war er auch. Sollte er nochmals kommen, dann schicke ihn zu mir!"

Am Abend des ersten Weihnachtstags ging der Alte ohne langes Federlesen gleich zum Reichen. Der empfing ihn nun äußerst herzlich, lud ihn zum reichlich gedeckten Tisch und gab ihm Unterkunft. Als der Alte am Morgen wieder von dannen schritt, empfahl er sich mit den Worten: "Die Arbeit, die ihr nun beginnen werdet, die werdet ihr drei Jahre und noch länger verrichten!" Da war der reiche Bruder richtig glücklich und goldene Dukatenzeichen funkelten in seinen Augen. Er besprach sich mit seiner Frau und sie spekulierten, wie fett und riesig ihre Geldkatze heranwüchse, wenn sie mit goldenen und silbernen Dukaten drei Jahre lang und mehr ununterbrochen gemästet würde. Nun wollte man sich sogleich an die Arbeit machen. Doch der Frau fiel ein, dass man, um später die Arbeit nicht leichtsinnig unterbrechen zu müssen, erst noch die Notdurft auf der großen Wiese verrichten solle, sprich: das goldene Nierenwasser abzuschlagen.

Es fällt dem Erzähler nicht so leicht, dem gediegenen Publikum das menschlich allzu Menschliche, das nun folgen wird, in weihnachtliche Worte zu kleiden. Die beiden stellten sich am Abhang ihres Guts auf die große Wiese und erleichterten sich in Strömen, dass es seine Art hatte. Ein goldenes Rinnsal begab sich auf den langen Weg, strömte an Kuldiga vorbei und mündete in die Ostsee. Das Abschlagen des Nierenwassers wollte überhaupt kein Ende mehr finden. Es strömte und strömte immerfort, es strömte drei Jahre lang und mehr, bis aus dem schwachen Rinnsal ein kräftiger Fluss geworden war.

Und so ist die Venta entstanden, die bei Kuldiga einen Sprung hat. Beide Brüder trugen den Nachnamen Vejs. Der reiche von ihnen, der schon ein Herr war, übertrug ihn ins Deutsche und nannte sich Wind. Daher kommt auch der Flussname, deutsch Windau, lettisch Venta. Der Arme baute von seinem Geld an der Stelle, wo die Venta das Meer erreicht, Ventspils, doch diese Stadt bezeichnen die Deutschen auch als Windau, obwohl sie doch eigentlich Vejapils, also Windburg, heißen müsste. Badende, denen das Wasser der Venta im goldgelben Glanz erscheint, mögen sich dieser Geschichte erinnern.

 

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