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Münster, 20.4.2018
Katharina von Alexandria: Erstmals wird ein Raffael-Gemälde in Lettland gezeigt PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Sonntag, den 01. April 2018 um 00:00 Uhr

Raffael, Katharina von AlexandrienEvangelisch-Lutherische Kirche Lettlands wird die Frauen-Ordination wieder zulassen

“Wie in allen Gemeinden der Heiligen lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde; denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, daß sie reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie etwas lernen, so lasset sie daheim ihre Männer fragen. Es steht den Weibern übel an, in der Gemeinde zu reden.…,” so fordert Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther und so fordert es die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands bis heute. Sie hat wegen dieser biblischen Weisheit den Frauen untersagt, als Priesterin von der Kanzel zu predigen. Die Männer haben allen Grund, sich vor redenden Frauen zu fürchten: Ein Beispiel bietet die heilige Katharina aus der antiken Intellektuellenmetropole Alexandria.

Raffaels heilige Katharina von Alexandrien, Foto: LNMM

 

Ein unbeugsames christliches Madl

Sie, Katharina mit dem Radl, eine der drei christlichen Madl und Nothelferin für milchlose Mütter, Schutzheilige der Pariser Schneiderinnen und Patronin der Wissenschaftler, Lehrer und Schüler sowie der Barbiere, Schuster, Müller und Wagner, war bezaubernd schön, vorzüglich gebildet und beseelt von der neuen christlichen Lehre. Sie bestand das Streitgespräch mit 50 männlichen Gelehrten, die den Götzenglauben des römischen Kaisers verteidigen sollten. Diese Philosophen und Rhetoriker ließen sich alle von Katharina überzeugen, alle 50 wurden lebendig verbrannt. Als die Heilige dann auch noch das Liebeswerben des Herrschers abschlägig beschied, um sich Jesus zu vermählen, war das patriarchalische Maß voll: Der Kaiser ließ Katharina in den Kerker sperren, hungern, geißeln, doch eine von Gott gesandte Taube nährte sie und das speziell angefertigte, mit Messern versehene Folterrad zersprang, als die Knechte es in ihre Zelle schoben. Der römische Scharfrichter enthauptete die Unbeugsame, aus ihrem abgeschlagenen Kopf floss Milch statt Blut. Wahrscheinlich hat Katharina nie gelebt, doch ihre Legende inspirierte zahlreiche bekannte Maler, auch einen der prominentesten Renaissance-Künstler, Raffael. Die Galleria Nazionale, beheimatet im Palazzo Ducale seines Geburtsorts Urbino, hat zur Osterzeit den Letten anlässlich ihres 100jährigen Staatsjubiläums Raffaels Katharinen-Version als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Damit ist erstmals ein Original Raffaels in Lettland zu sehen und es bewirkte bereits eine unerwartete Kehrtwende.

Palazzo Ducale

Im Palazzo Ducale in Urbino ist die Nationalgalerie der Marken untergebracht. Sie verfügt über eine reiche Sammlung von Renaissance-Werken, Foto: LNMM

Kehrtwende in der Domsakristei

Janis Vanags, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands, ein großer Liebhaber Raffaels, bat sich vor der öffentlichen Präsentation eine private Kontemplation mit dem Kunstwerk aus. In der Karwoche ließ sich Vanags mehrere Tage und Nächte mit Raffaels Katharina in der Domsakristei einsperren. Die Zwiesprache mit der Heiligen führte am Gründonnerstag zu einem überraschenden Ergebnis: Vanags, bislang glühender Verfechter des biblischen Schweigegebots für das schwache Geschlecht, beraumte eine Pressekonferenz an und verkündete vor Journalisten, dass er sich fortan für die Wiedereinführung der Frauenordination einsetzen wolle. Die Kirche solle der segensreichen Worte weiblicher Gemeindemitglieder nicht länger entbehren, die heilige Katharina, die einst ihre Glaubensgefährten vor dem kaiserlich befohlenen Löwenfraß rettete, habe ihm die Augen geöffnet. Gerade die weibliche Umsicht bewahre die Welt vor Tod und Verderben und auch vor dem Unsinn des ewigen männlichen Ränkespiels. Vanags nannte zudem den Namen der Frau, die er voraussichtlich als erste zur Priesterin weihen wird: Die Politikerin Solvita Alboltina kehrt sich nach ihren bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen als Saeima-Abgeordnete und Parlamentspräsidentin vom äußerlichen Tand des weltlichen Geschehens ab und der Sphäre des Spirituellen zu: Alboltina bereitet sich zur Zeit auf ihr theologisches Examen vor.

Solvite Aboltina

Solvita Aboltina - demnächst evangelische Priesterin? Foto: Saeima - Flickr: Solvita Āboltiņa tiekas ar Latvijas olimpisko komandu XXII Ziemas olimpiskajās spēlēs Sočos, CC BY-SA 2.0, Saite

Ein Frühwerk des Meisters

Raffaels “Heilige Katharina von Alexandrien” wird noch bis zum 22. April im Museum Rigas Börse (Doma laukuma 6, Riga) zu betrachten sein. Es ist ein frühes Werk des Künstlers, das zwischen 1500 und 1503 entstanden ist. Die kleinformatige Arbeit ist auf der Rückseite mit einer Marmorimitation bemalt. Das Gemälde bildete den verschließbaren rechten Flügel eines Altars.

Dieser Beitrag wurde am 1.4.2018 veröffentlicht

 

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