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Münster, 12.7.2020
Lettland: Corona-Neuinfektionen und umstrittene Einschätzungen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 20. März 2020 um 10:16 Uhr

Lettland: Aktueller Stand der registrierten Corona-Neuinfektionen

seit dem ersten positiven Test am 3. März 2020, Quelle: SPKC

Corona-Neuinfektionen

Bisher wurden in Lettland 3.205 Verdachtsfälle getestet, davon sind 111 positiv. In Riga und im Umland der Hauptstadt befinden sich die meisten Infizierten. Stand: 20.3., Freitagmorgen

 

Die Zahl der registrierten Infektionen erhöht sich erwartungsgemäß auch in Lettland. Staatspräsident Egils Levits zeigte sich im Lettischen Radio vor zwei Tagen zuversichtlich, dass Lettland die Krise besser überstehe als andere Länder. Er glaubt, dass man voraussichtlich ab Mitte April die verordneten Beschränkungen verringern könne. “Und zwar deshalb, weil unsere Regierung die Beschlüsse in einem sehr frühen Stadium gefasst hat. Im Ergebnis ist die Zahl der Erkrankungsfälle geringer. Die Menschen sind sehr selbstdiszipliniert. Die Regierungsbeschlüsse sind sehr präzise, angemessen und zügig. Wir kommen schneller zu Beschlüssen als andere Länder. Gewiss müssen alle die Regeln beachten. Wenn 99 Prozent sie beachten, aber ein Prozent nicht, hat das Folgen. Wir müssen auf uns selbst aufpassen, auch die Polizei kontrolliert die Situation.” (lsm.lv) Levits schätzt, dass die Regelungen des Ausnahmezustands in zwei bis drei Monaten nach und nach aufgehoben werden könnten. Andere sind weitaus pessimistischer.

Zurückhaltender äußerte sich Baiba Rozentale, Leiterin des Lettischen Zentrums für Infektiologie, am 19. März im Lettischen Fernsehen LTV. Sie wies darauf hin, dass gerade noch tausende Rückkehrer aus dem Ausland eingetroffen sind. Alles hänge nun davon ab, wie sich die einzelnen verhielten. Rozentale betonte, wie wichtig die Beachtung der zweiwöchigen Verpflichtung zur Quarantäne ist. Drei Prozent der lettischen Bevölkerung (also etwa 60.000 Menschen, zum Vergleich: 2018 hatte Lettland 28.280 Sterbefälle zu verzeichnen, statista.com) seien besonders gefährdet: Patienten mit chronischen Krankheiten und geschwächtem Immunsystem. Rozentale schätzte die Situation als relativ ruhig ein, doch es könne sich um die Ruhe vor dem Sturm handeln.

Viel schärfer ging Ivars Kalvins, Leiter der Abteilung für medizinische Chemie am Lettischen Institut für Organische Synthese, mit Regierung und Gesellschaft im Interview mit Elita Veidmane am 18. März ins Gericht (nra.lv). Die Regierung habe eine Vogel-Strauß-Politik betrieben. Sie habe es versäumt, die Krankenhäuser für zukünftige Covid-19-Patienten zu leeren. Sie habe auch keine Verträge mit Hoteliers geschlossen, um in ihren Herbergen die Rückkehrer aufzunehmen, die in eine zweiwöchige Quarantäne müssen. “In diesem Fall wäre praktisch niemand angesteckt worden und wir wüssten, dass alle, die aus dem Ausland zurückkehrten, unter medizinischer Kontrolle sind und nicht zu den Schönheitssalons spazieren oder sich in den Supermärkten herumtreiben.” Zudem habe es die Regierung versäumt, sich um Desinfektionsmittel und Schutzmasken zu kümmern. Auch Beatmungsgeräte fehlten, selbst Ärzten und Krankenschwestern fehlten die nötigen Schutzmittel.

Laut Kalvins hätte man schon seit Ende des letzten Jahres von der Gefahr des Corona-Virus` wissen müssen, erst jetzt kümmere sich die Gesundheitsministerin Ilze Vinkele um die Einkäufe. “Wenn sie heute im Gulbja-Laboratorium einen Test auf Coronavirus beantragen, dann wird er nach zwei Wochen Wartezeit eintreffen. Wir haben keine Diagnostik-Mittel im hinreichenden Maß, uns fehlen auch Apparate, mit denen wir Diagnostik betreiben können, von Beatmungseinrichtungen und Filtern ganz zu schweigen.” Der Chemiker, der sich gerade um den Vorsitz der Wissenschaftlichen Akademie bewirbt, prognostiziert, dass Lettland noch ganz am Anfang stehe. Er hält es für leichtsinnig, dass noch tausende Rückkehrer ins Land kamen. Seiner Ansicht nach wurden die Staatsgrenzen zu spät gesperrt.

Aber auch am gesellschaftlichen Verhalten bemängelt Kalvins einiges. Das leichtsinnige Verhalten der Menschen hält er für regelrecht kriminell. “Viele haben nichts dagegen, andere anzustecken im Bewusstsein, selbst nur leicht zu erkranken.” Und die Vogel-Strauß-Politik der Regierung habe dazu geführt, dass nicht rechtzeitig gehandelt wurde. “Die Regierung hatte tatsächlich überhaupt keinen Plan! Dreimal in der Woche muss man den Krisenrat zusammenrufen, um mit dem Nachdenken zu beginnen, was nun zu tun ist.” Die Regierung habe sich nicht bei der Wissenschaftlichen Akademie erkundigt, zu deren Expertise gehöre, politische Entscheidungsträger in wichtigen Fragen zu beraten. “Wir organisierten Seminare zum Thema Covid-19, doch von der Regierung war niemand da.”

 

Keine aktuellen Veranstaltungen.


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