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Münster, 05.6.2020
Die Seuchenerfahrungen der Vorfahren, Teil 1 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 09. April 2020 um 18:44 Uhr

“Man spürte das Herannahen der Krankheit kaum: Sie begann mit Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Übelkeit — und da war auch schon der Tod zur Stelle.”

Cholera-Gedenkkreut in München HaidhausenDieses Osterfest findet unter Umständen statt, die nicht weiter erläutert werden müssen. Kein lebender Zeitgenosse in Europa hat derartiges bislang erlebt. Für die Vorfahren gehörten aber Seuchen, Krankheiten und vorzeitiges Ableben zum brutalen Alltag. Was erzählten sie sich über Pest, Fieber und Cholera? Und wie konnte man diesen Plagen entkommen? Darüber geben verschiedene Überlieferungen aus der lettischen Märchen- und Sagensammlung von Peteris Smits Auskunft, die zum Teil digital auch in deutscher Sprache verfügbar ist (lfl.lv). Unter der Rubrik “Slimibas” (Krankheiten) erzählen Lettinnen und Letten, wie Seuchen die Menschen heimsuchten. Da häufig Orte oder Landstriche genannt sind, entspricht die formale Erzählform meistens den Sagen. Diese sind aber nicht literarisch ausgeschmückt und überarbeitet, sondern meistens kurz und bündig, so wie sie eben mündlich überliefert wurden. Die verknappte Form lässt das eigentlich Tragische zuweilen fast ein wenig komisch erscheinen, wenn zum Beispiel die Pest fast alle Bewohner eines Bauernhofs tötet: “Die Mägde prahlten stolz, gar nicht ans Sterben zu denken, aber beim Abendessen fielen ihnen die Löffel aus der Hand. Nur ein ganz alter Mann blieb am Leben. Alle anderen — der Bauer, die Bäuerin, drei Mägde, zwei Knechte und der Hirtenknabe — alle waren gestorben,” so erzählt es Karlis Blaubergis aus der Gegend von Serpils (lfl.lv). Ebenso tragikomisch bahnt sich in Blaubergis` Pesterzählung noch eine Liebesgeschichte an: “Es wird erzählt, dass in einer anderen Gemeinde nur zwei Menschen am Leben geblieben waren. Der eine begann aus vollem Halse zu schreien. Als der andere das hörte, antwortete er mit Schreien. So fanden sie sich: der eine (Mensch) war ein Mädchen, der andere ein Jüngling.” Das Verhältnis zwischen Menschen und Seuchen war in alten Zeiten ein enges, fasst zutrauliches. Smits` Sagensammlung kündet von den Versuchen, sich wechselseitig zu überlisten, manchmal mit Happy End für den Menschen.

Cholera-Gedenkkreuz in München-Haidhausen, Foto: Evergreen68 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

 

Die Pest als Reiter und Fährpassagiere

Die Pest hatte in Livland noch am Ende des Nordischen Kriegs gewütet, also noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts. In der lettischen Sprache ist die Pest grammatisch männlich (meris). Ihre personifizierte Erscheinung ist ebenfalls ein Mann, ein schwarz- oder weißgekleideter Reiter eines Rappens oder Schimmels, der aus der Ferne kommend das Land heimsucht, manchmal von Vögeln begleitet. Jeder Pestausbruch kann seine eigene Gestalt haben, die eine Pest kann eine andere daran hindern, einen Hof zu überfallen: Ein Audzis aus Valtenberga erzählt einen solchen Kampf aus alter Zeit, als die Pest in Livland wütete - und zwar nicht nur eine. Damals mussten die Einwohner schon sterben, wenn sie bloß kleine weiße, umherfliegende Vögelchen anschauten. Eine Pest war ein weißer Reiter auf weißem Pferd, von einem weißen Vögelchen begleitet. Weiß steht hier für das Üble, Rot und Blau stehen für die Rettung - gute Pest gegen böse Pest: “Die andere Pest, die ein bläuliches Pferd hatte und rot gekleidet war, ließ den weißen Reiter nicht auf den Bauernhof. Sie kämpften so lange, bis der bläuliche Reiter gesiegt hatte. Auf den genannten Bauernhöfen ist danach niemand an der Pest gestorben.” (lfk.lv)

Andere Pestverkörperungen sind Passagiere von Fährleuten. Solche Fluss-Überfahrten erinnern an antike Mythen und an den heiligen Christopherus, den Lielais Kristaps, den die Rigenser als Stadtheiligen verehren. Einmal kam die Pest an die Daugava, so erzählt es Blaubergis in einer anderen Pest-Geschichte. Sie wollte sich von den Fährleuten übersetzen lassen. Doch ein Mutiger verweigerte ihr diesen Wunsch, weil er kein Unglück an das andere Ufer tragen wollte. Ein anderer Fährmann, der um sein eigenes Leben fürchtete, gehorchte ihr unter der Bedingung, dass sie ihn verschonen möge. Die Pest hatte ein Buch dabei, in dem alle verzeichnet waren, die sterben sollten: “Die Pest war schlau, bestieg das Boot und sagte, er solle nur ans andere Ufer fahren, sie werde in ihrem Buch nachschauen. Der Fährmann glaubte, alles sei in Ordnung und brachte sie über die Düna ans andere Ufer. Am anderen Ufer angekommen, schlug die Pest das Buch auf, hob die Schultern und sagte: `Es hilft nichts, mein Freund, du musst sterben.` Als der Fährmann erbärmlich zu jammern und zu schreien begann, tröstete ihn die Pest: er solle sich nicht so sehr fürchten, sie werde ihm seiner guten Tat wegen einen leichten Tod bescheren.” (lfk.lv)

Die Seuchen und Krankheiten unterhalten sich auch untereinander, verraten ihre Pläne, wen sie heimsuchen, schwächen und töten wollen. Husten und Fieber sind eigenständige Krankheiten, sie begegnen sich im Wald und besprechen ihre Arbeitspläne. Auch diese beiden sind nach lettischer Grammatik Männer: Klepus und Drudzis. Drudzis (Fieber) will einen jungen Mann aufsuchen, Klepus (Husten) einen Bauernhof mit einer jungen Bäuerin und ihren Kindern - so erzählt es ein J. Jerums aus Valka (lfk.lv). Drudzis will sich im Krug verstecken, den der junge Bauer trinken wird, Klepus im Badequast, mit dem die Bäuerin die Kinder abklopft.

Die Cholera ist auch nach lettischer Grammatik weiblich. Im 19. Jahrhundert kommt sie als fremde Frau in Bauerntracht mit einem Korb unter dem Arm nach Riga, nach Tornakalns. So schildert es K. Sulcs aus Zasulauks (lfk.lv). Cholera erkundigt sich nach dem Haus der reichen Pandiers. Am nächsten Morgen ist die Familie samt Diener und Nachbarn tot. Cholera sagt, sie habe eine Rechnung begleichen wollen. Einträge der Pest in einem Buch und offene Rechnungen deuten in einigen Geschichten an, dass überirdische Gerechtigkeit waltet; doch solche Erkrankungen werden nicht durchgehend als gerechte Strafe dargestellt, denn sie können im Prinzip jeden treffen, ob arm oder reich, alt oder jung.

 

Die Opfer

Ein Unbekannter aus Berzaune beschreibt, wie die Pest den Betini-Hof heimsucht, sie verschont das Gesinde, bringt nur einem Knecht den Tod, weil er Salz gestohlen hatte (lfk.lv). Die Pest erweist sich gegenüber ihren Opfern stets unnachgiebig: “Als die Pest dem Knecht verkündete, dass er sterben müsse, flehte er die Pest an, ihm die Todesstrafe zu erlassen, aber die Pest ließ sich nicht erweichen. Sie gab ihm aber den Rat, sich in die Badstube zu begeben, sich ordentlich zu waschen und dann seine besten Kleider anzuziehen. Dann solle er sich ins Bett legen — er werde leicht einschlafen. Und so geschah es auch.”

Singende Hirtenmädchen sind ein bevorzugtes Seuchenopfer. Das Fieber, Drudzis, besteigt seine Beute wie Hengste oder Stuten, so weiß es Vilis Ozolins aus Vestiena zu erzählen (lfk.lv): Ein junger Bursche vermag sich vor dem Fieber unter einer Moosdecke zu verstecken, doch Druvis findet Trost in einem anderen Opfer: "Ach, Moos, Moos, Moos des Sumpfes, jetzt ist es gut Bohnen zu säen! Nun, wenn ich ihn nicht finden kann, dann kann ich ihn eben nicht finden. Auf dem Berg wiehert eine Stute, die will ich besteigen.” Ozolins klärt auf, was gemeint ist: “Aber auf dem Berg hatte ein Hirtenmädchen geträllert und gesungen. Das Fieber überfiel sie. Der Bursche dagegen blieb gesund. Sobald er nach Hause gekommen war, säte er Bohnen aus, die ganz prächtig gediehen. Während der Fastenzeit dürfe man beim Viehhüten nicht singen, deshalb habe auch das Fieber das Hirtenmädchen überfallen.”

Die Krankheiten können Arm und Reich im gleichen Maß überfallen. H. Skujina aus der Gemeinde Aumesteri erzählt von der Verabredung zwischen Krätze und Fieber. Die Krätze sucht die Kinder eines Großherrn heim, das Fieber hingegen einen Bauernburschen. Nach einem Jahr erzählen sich die Plagen, wie es ihnen ergangen ist (lfk.lv): Die Krätze hatte es bei den wohlhabenden Leuten bequem: "Ich wurde in der Wanne gebadet und in weiße Laken gehüllt und feine Herren beschäftigten sich mit mir." Weniger gut erging es dem Fieber, das rechtzeitig in einer Milchblase erwischt worden war und das in einem Tabaksbeutel an einem Haken über dem Herd durchgeräuchert und geschwächt wurde. Die beiden Freunde beabsichtigen, ihre Opfergruppen zu tauschen. Das Fieber will die Bauern zukünftig meiden: "Jetzt werde ich die Hütten der Bauern nicht mehr aufsuchen. Ich will zum Schloss des Großherrn gehen und mich dort von den überstandenen Schwierigkeiten erholen." Die Krätze will den umgekehrten Weg gehen: “Ich werde wiederum auf Bauernhöfe gehen, der feinen Schlösser bin ich überdrüssig geworden."

Die Überzahl von Toten, die kaum noch bestattet werden können, waren auch in früheren Zeiten grausiges Thema. Marks Arins aus Stukmani erläutert, weshalb die Kiefern seiner Gemeinde Pestkiefern genannt werden (lfk.lv). Sie erhielten den Namen in der Pestzeit. “Die Menschen starben damals sehr schnell und es waren der Toten so viele, dass es nicht möglich war, sie alle zu begraben. So kamen die Leute aus der Umgebung zu den Hügeln, um sich selbst ein Grab zu schaufeln, solange sie noch am Leben waren. Sie schaufelten das Grab, setzten sich auf den Rand der Grube hin und ließen die Beine ins Grab hängen. So erwarteten sie den Tod. Man spürte das Herannahen der Krankheit kaum: Sie begann mit Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Übelkeit — und da war auch schon der Tod zur Stelle. Die Menschen fielen in das selbstgeschaufelte Grab.” Auch die Flucht half nichts: “Die Menschen flohen vor der Pest in die Wälder, aber auch das war vergeblich, denn sie fielen dennoch wie das Laub im Herbst. Zwischen den Kiefern sieht man noch heute kleine Hügel, die davon zeugen, dass sich hier Gräber befunden haben.” Der erste Teil endet karfreitagsgemäß trist. Bleibt zu hoffen, dass der zur Osterzeit erscheinende zweite Teil froher und hoffnungsvoller ausfällt.

 

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