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Münster, 05.6.2020
Die Seuchenerfahrungen der Vorfahren, Teil 2 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Sonntag, den 12. April 2020 um 00:00 Uhr

Wie man dem Tod entkommt

Juan de Flandes: Jesus weckt Lazarus aufDie Vorfahren ahnten bereits, wer unbekannte Krankheiten, damit Not und Elend ins Land brachte: Reisende und Tiere aus der Ferne, also vor allem Reiter und Vögel, die als die Seuchen selbst personifiziert wurden. Die Bewohner von Landstrichen, die von der Pest und der Cholera überfallen wurden, rangen nach Mitteln, der tödlichen Gefahr zu entkommen oder aber, sich ihr zu stellen. Sie waren bestrebt, den Absichten der Krankheiten auf die Spur zu kommen und entwickelten spezielle Behandlungen, um sie abzuschrecken. Die überlieferten Sagen künden davon, wie die Letten es schafften, mit dem Leben davonzukommen.

Juan de Flandes: Jesus weckt den toten Lazarus auf, Foto: 1. The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202. 2. Museo del Prado, Galería online, Gemeinfrei, Link

 

Abhorchen der bösen Pläne und Tierexperimente

Wie kann man Krankheit und Tod entkommen? Als vorteilhaft erwies sich, dass die Seuchen damals ziemlich geschwätzig waren. Während Wissenschaftler heutzutage Mikroskope und Experimente benötigen, um Viren und Bakterien auf die Spur zu kommen, mussten die Vorfahren die Unterhaltung zwischen den Krankheiten nur heimlich abhören. Das Gespräch zwischen Husten und Fieber, das J. Jerums aus Valka zitiert, wird heimlich von einem Jäger belauscht (lfk.lv). Er beschloss, dem Opfer des Fiebers zu helfen, denn Fieber sei schwerer zu ertragen als Husten. Er begab sich auf den Hof, wo das Fieber in einen Krug gekrochen war, aus dem der junge Bauer trinken wollte. “Der Bauer kam von der Badstube zurück und setzte sich hin: Man möchte ihm doch einen Krug Wasser reichen. Der Krug wurde gebracht. Aber sobald der Bauer sich anschickte, das Wasser zu trinken, ergriff der Jäger den Krug und schüttete das Wasser in eine Schweinsblase, die er sorgfältig zuband.” Das Fieber wurde also gefangengenommen, der Jäger befahl, “die Blase in dem Rauchabzug über der Feuerstelle aufzuhängen, denn Fieber sei darin. Gut, man hing die Blase auf. Das Fieber begann zu zittern und sich zu schütteln und schüttelte sich in der Blase ein ganzes Jahr lang.”

Die Vorfahren benutzten wie heutige Forscher umstrittene Tierversuche, um zu erkennen, ob Lebensmittel verseucht waren. Karlis Blaubergis erzählt, wie sieben Brüder sich vor der Pest schützten: “Die Brüder begaben sich jeden Abend in den Wald, wo sie die Nacht verbrachten. Zu Hause ließen sie einen Brotlaib und eine Schüssel Milch auf dem Tisch stehen. Als sie morgens aus dem Walde heimkamen, gaben sie zuerst dem Hund, dann der Katze und dem Hahn von der Milch und dem Brot zu fressen. Als sie sahen, dass die Tiere am Leben blieben, aßen sie auch selbst davon.” (lfk.lv)

Ein Bauer, so schildert es Peteris Gilucs aus Preili, erfuhr bei einem Ausritt, dass in seinem Dorf die Pest wütete (lfk.lv). Er kehrte gleich um. Auf seinem Hof zurückgelangt traf er sonderbare Vorkehrungen, für die er seine Haustiere opferte: “Er schlachtete drei schwarze Tiere — einen Hund, eine Katze und einen Hahn. Mit dem Blut der Tiere beschmierte er einen verkehrt gedrehten Strick und spannte den Strick um sein Haus (und um seinen Hof) herum. Dann, zog er seine Kleider aus und legte sie auf die Erde außerhalb des mit dem Strick umspannten Gartens. Nachdem er das getan hatte, ging er in sein Haus und legte sich schlafen. In der Nacht kam die Pest. Als sie den Strick erblickte, der um das Haus gespannt war, sagte sie: `Das ist ein kluger Mann, der hat einen eisernen Zaun um sein Haus errichtet.` Und er blieb vor dem Zaun stehen. Auf diese Weise blieb der Bauer am Leben, aber im Dorf, wo niemand an Schutzmittel gedacht hatte, wurden alle Leute abgeschlachtet.”

 

Mutige Taten

Sich-die-Kleider-vom-Leib-reißen galt als ein Mittel, sich vor der Pest zu schützen. Die Bäuerin der kurzen Begebenheit, die J. Kalnins in Druviena überlieferte, scheint couragiert, sie dürfte allerdings auch Stoff für unösterliche Herrenwitze liefern (lfk.lv). Als die Pest sich dem Hof näherte, eilte sie zum Tor: “Da riss sich die Bäuerin alle Kleider vom Leibe und legte sich quer vor das Tor auf die Erde. Der Herr (die Pest) wendete sogleich die Pferde und fuhr schnell davon. So wurde das Hofgesinde vor der Pest gerettet.”

Ein dreijähriges Kind zeigte vor der Pest keine Furcht, worüber ein Unbekannter aus Berzaune zu erzählen weiß (lfk.lv). Jedesmal, wenn die Seuche zur Frühstückszeit auf den Hof kam, warf es sie über den Zaun zurück. Der Pest gelang eines Morgens dennoch, ins Haus einzudringen, weil das Kind noch schlief. Außer ihm tötete die Krankheit alle Bewohner.

Die Pest verschont jene, die nicht egoistisch nur um das eigene Leben bangen. In der Geschichte, die Blaubergis erzählt, verweigert ein Fährmann ihr die Überfahrt, weil er kein Unglück bringen will. Die Pest lässt ihn leben, tötet aber seinen Kollegen, der ihr aus Furcht gehorcht und sie über den Fluss bringt.

Vom Fieber geheilt wird ein junges Mädchen, das sich dem mitternächtlichen Spuk auf dem Friedhof aussetzt. Die junge Frau hatte in der Nähe des Moores das Vieh gehütet, als sie ein Wirbelwind umkreiste, danach wurde sie krank und blieb es drei Jahre lang. Im Traum empfiehlt ihr ein alter Mann: “Morgen ist — Samstag. Geh zur Badstube und wasche dich. Dann begib dich auf den alten Friedhof auf dem Buliņa kalns (Gemeinde Aumeisteri) und leg dich zwischen zwei Gräber hin. Um Mitternacht werden die Toten von der alten Kirche singend zu der neuen Kirche (jetzige Kirche von Aumeisteri) ziehen. Zu derselben Zeit wird von Ķempu kalns (auch in der Gemeinde Aumeisteri) der Teufel mit der Fieberfuhre gefahren kommen. Er will dir noch sieben Fieber bringen, das wäre dann dein Ende. Du sollst dann sogleich die Flucht ergreifen, dann ward auch das Fieber, das dich jetzt plagt, auf die Fuhre des Teufels zurückkehren." Das Mädchen macht, wie ihm geraten wird und kann sich tatsächlich vom Fieber befreien, so erzählt es H. Skujina aus Aumeisteri (lfk.lv).


Ekel überwinden

Auch heutzutage machen Patienten häufig die leidige Erfahrung: die Medizin, die hilft, schmeckt häufig bitter, die Behandlung, die lindert, quält zunächst einmal. Für die Vorfahren bot das Widerwärtige, Eklige an sich schon die Möglichkeit, Krankheiten in die Flucht zu schlagen. So erzählt K. Milnus aus Zeime von einer Frau, die beim Grützeessen Fieber bekam. Als sie das bemerkte, beschloss sie, die ganze Schüssel davon aufzuesssen, bis es ihr ekelte: “und kaum war die Schüssel leer, da hatte auch schon das Fieber sie verlassen.” (lfk.lv)

Doch Ekel hilft nicht immer, davon weiß J. Krikis aus Starti zu erzähen. Marcis vom Tiltini-Hof bei Cesis hatte einen Iltis erschlagen und verkaufte ihm am Georgstag einem Bauern, der an Fieber erkrankt war. Die Mägde des Hofs hatten angeblich gehört, dass sich das Fieber vor diesem Fleisch ekele, wenn man es braun und mit Fell anbriet. Die Mahlzeit stank schon von weitem. Der Bauer aß bis Pfingsten davon, ekelte sich selbst am meisten, doch er wurde das Fieber nicht los. Schließlich erhöhten die Frauen die Ekel-Dosis noch: “Als es Sommer wurde, musste er Frösche essen. Hundekot-Tee trinken, er schwamm in der Jauche und ließ sich an den Beinen am Baum aufhängen. Aber das alles war vergeblich — im Winter schüttelte ihn das Fieber noch heftiger.” (lfk.lv)

J. Krikis kennt einen weiteren sonderbaren Versuch, sich mit Ekel zu therapieren und wiederum ist es eine Frau, die diese Behandlung einem fieberkranken Knecht empfiehlt. Auf dem Kalkberg hatte man ein totes Pferd zurückgelassen. Es lag dort mit einem großen Loch im Bauch, das die Füchse hineingefressen hatten. Die Bäuerin hatte gehört, dass man etwas Ekelhaftes tun müsse, um vom Fieber verlassen zu werden: Zum Beispiel sich in den löchrigen Bauch eines toten Tieres hineinlegen. “Der Knecht des Hofes, der an Fieber erkrankt war, überlegte nicht lange, er eilte zum Kaļķu kalns (Kalkberg) und legte sich in den Bauch zwischen die Rippen des verendeten Pferdes. Da er noch wach war, merkte er ganz deutlich, dass ein Herr an ihn herankam und ihm einen kräftigen Schlag mit seinem Spazierstock auf den Hintern gab. Als der Herr fortgegangen war, packte das Fieber ihn und schüttelte den Armen so, dass die Rippen des Pferdes klapperten. Das Liegen im Bauch des toten Pferdes hatte ihm nichts genutzt, das Fieber packte ihn noch heftiger.” (lfk.lv)

Krikis, ein Spezialist für Ekel-Geschichten, kennt noch einen weiteren nutzlosen Versuch, durch eine unangenehme Tätigkeit, zu der die Männer von den Frauen gedrängt werden, das peinigende Fieber wieder loszuwerden. Auch die Werkzeuge der damaligen Intellektuellen, Papier und Tintenfeder der Juden und Zauberer, konnten dem Fieber nicht beikommen, auch zu Ostern brachte das keine Linderung: “Ein Fieberkranker musste ein großes Papierknäuel aufessen, das er von einem Juden aus Šņauka bekommen hatte! Wohl wollte der Kranke das Papier nicht essen, aber die Frauen sagten zu ihm: `Das macht nichts, iss es nur — es ist gut gegen das Fieber, dann wird es nicht noch einmal versuchen, dich zu packen!` Schließlich fuhr der Bauer zu einem alten Zauberer nach Smiltene, der weit und breit als Fieberbesprecher bekannt war. Der Zauberer hatte alle Papiere mit großen Buchstaben beschrieben. Nun hatte er seine Mühe damit, das ganze Papier aufzuessen. Es wollte und wollte nicht rutschen. Er aß die ganzen Ostertage davon, aber es wurde und wurde nicht besser.” (lfk.lv)

Christliche Kreuze helfen hingegen, nicht nur Vampire zu vertreiben. Ein gläubiger Darrofenheizer legte seinen Tabaksbeutel unter das Kopfkissen, bekreuzigte sich, betete das Vaterunser und ging zu Bett. Im Halbschlaf bemerkte er, wie zwei Männer ihn heimsuchten. Der eine musterte ihn am Bett, der andere fragte “`Nun, wie war er?` `Ja, wie soll er denn schon gewesen sein! Ein Kreuz vorne, ein Kreuz hinten, Kräuterbündel unter dem Kopf.``Nun, dann ist ja nichts zu machen, dann müssen wir wieder gehen.` Und die Beiden gingen wieder davon. Das bedeutete für den Darrofenheizer ein großes Glück, denn beide Männer waren Fieber gewesen,” erzählt Martins Paegle aus Lielvarde (lfk.lv).

Blaubergis weiß von einem Fieberkranken, dem geraten wurde, nachts den Friedhof aufzusuchen, sich dort an ein Kreuz zu binden, bis ihn das Fieber verlasse. Um Mitternacht hörte er im Dämmerschlaf, wie sich zwei unterirdische Stimmen unterhielten, die ihn zum Dreschen und Mahlen aufforderten, dann aber bemerkten, dass er an ein Kreuz gebunden war. So fragte ihn eine Stimme vorwurfsvoll: "Was kommst du denn — ungestreckt — was kommst du zu den Gestreckten? Deine Knochen nicht gebleicht, Deine Augen nicht erloschen." Hier half die Wechselbehandlung aus Mut, den Friedhof aufzusuchen, und Schrecken, die Spukstimmen zu vernehmen, den Kranken zur Heilung: “In seiner Angst riss er den Strick durch, mit dem er sich angebunden hatte, und sauste wie der Wind über das Feld nach Hause. Und was denkt ihr? — Die große Angst hatte das Fieber ausgetrieben. Wenn jedoch gesunde Menschen das getan hätten, wären sie auf der Stelle tot gewesen.” (lfk.lv)

 

Humor

Die angenehmste Behandlung ist gewiss jene, die zum Lachen reizt. Augusts Briedis vom Piperi-Hof in Ergli kennt die Geschichte eines Königs, der schwer erkrankt war (lfk.lv). Da seine Hofärzte ihm nicht helfen konnten, setzte er eine hohe Belohnung für jemanden aus, der ihm Besserung verschaffen könne. Ein zerlumpter alter Mann kam sogleich an den Hof, weil er davon überzeugt war, den König heilen zu können. Doch die Wärter ließen ihn wegen seiner zerlumpten Kleider nicht hinein. Als die Königstochter die Abweisung bemerkte, gab sie dem Alten Geld für bessere Kleider. Mit ihnen gelangte er auch gleich zum König. Der seltsame Heiler verlangte, dass man ihm einen Tiegel und Kuhmist bringe. Er erhitzte den Kuhdung, bis daraus eine trockene Masse entstand, die er zu einem feinen Pulver zerstampfte. Er füllte es in kleine Tüten und reichte sie den Ärzten. Sie wunderten sich und rochen daran. “Einer der Ärzte, als er keinen Geruch wahrnehmen konnte, nahm das Pulver in den Mund, um seinen Geschmack zu prüfen. Als der König sah, dass der feine Doktor sich den Kuhmist in den Mund steckte, brach er in herzhaftes Lachen aus. Beim Lachen jedoch brach das heimliche Geschwür in der Kehle des Königs auf. Jetzt waren die Schmerzen wie weggeblasen. Der König wurde bald ganz gesund. Er dankte dem Alten und gab ihm den versprochenen Lohn.”

Auch das Virus unserer Zeit wird bereits als “Coroni, die Influenzarin” von Idil Baydar personifiziert dem Humor preisgegeben. Die Erzählungen über Seuchen sterben nicht aus.

zdf.de: Idil Baydar, Influenzarin Coroni

 

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