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Münster, 15.11.2018
"Die Schiffe liegen schon vor Riga! - Rigenser gedachten der deutschbaltischen "Umsiedlung" PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 14. Oktober 2009 um 23:43 Uhr

Umsiedlung ins besetzte Land Polen

War es freiwillige „Umsiedlung“, wie die Nazis beschönigend propagierten, oder nicht doch eher erzwungener Verlust der Heimat? Das geheime Zusatzprotokoll, das Hitler und Stalin im August 39 vereinbarten, um Osteuropa im nächsten Krieg unter sich aufzuteilen, ließ in Lettland und Estland keinen Raum für Deutschbalten, denn dort planten die Sowjets den Einmarsch. Hitler hingegen, der völkisch homogene Territorien wünschte, plante die „Rückführung der Völkersplitter“ aus den Ländern, die er zunächst einmal seinen bolschewistischen Feinden überließ. Mehr als 60.000 Deutschbalten sahen sich gezwungen, ab Oktober 1939 Lettland und Estland zu verlassen. Die Deutsche Evangelisch-lutherische Kirche in Lettland und das deutschbaltisch-lettische Zentrum Domus Rigensis gedachten am 14.10.2009 ihrem Schicksal.

Ungewisse Zukunft für Deutschbalten in Polen, Foto: Bundesarchiv Koblenz

 

Zunächst erinnerten die Pfarrer Martin Grahl und Klāvs Bērzinš in der Petri-Kirche gemeinsam an die Zeit vor 70 Jahren, als die Deutschbalten aufgefordert wurden, ihren Besitz zu verkaufen und in die besetzten polnische Gebiete umzusiedeln. Der Vorsitzende von Domus Rigensis, Eižens Upmanis, wies darauf hin, dass die Kapelle der Petrikirche allen Opfern der Gewaltherrschaft gewidmet sei. Zu ihnen zählten auch die zwangsemigrierten Deutschbalten. Anschließend luden Herr Grahl und die Zeitzeugin Renate Adolphi zu Bild-Vorträgen ins Mentzendorffhaus.

Ein Vortrag über deutschbaltische Umsiedler

Pfarrer Martin Grahl erläuterte
die historischen Hintergründe, Foto: UB

Die Zuhörer erfuhren viele historische Details. Martin Grahl beschrieb das schwierige Los der osteuropäischen Länder zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, erläuterte die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der faschistischen und bolschewistischen Ideologie. Er verhehlte dabei nicht, dass bis heute unterschiedliche Sichtweisen auf diese beiden totalitären Regime bestehen. Doch Grahl sieht darin eher einen Vorzug. Nur ein totalitär geführter Staat könne dem Einzelnen eine einheitliche Interpretation verordnen.

Frau Adolphi erlebte ihre Umsiedlung als Teenagerin. Sie berichtete vom Jahr 1939, als auch sie Riga verlassen musste. Sie beschrieb den unbeschwerten Sommer, den sie erstmals mit Gleichaltrigen in einem estnischen Ferienlager verbrachte. Im September 39 glaubte sie der Nazi-Propaganda, dass die Polen den Krieg begonnen hätten. Noch ahnte sie nicht, was der Zweite Weltkrieg für sie bedeutete. In Berlin und Moskau war über ihre Zukunft längst entschieden worden. Im Oktober einigte sich Hitler mit der lettischen Regierung über das Ende der deutschbaltischen Geschichte: Die Betroffenen sollten ihr Hab und Gut verkaufen, deutsche Einrichtungen wurden geschlossen. Das Mitgefühl des lettischen Diktators Kārlis Ulmanis mit seinen deutschsprachigen Mitbürgern hielt sich in Grenzen. „Wenn sie gehen wollen, sollen sie gehen,“ so erinnert sich Frau Adolphi an seinen Kommentar.

Als die junge Deutschlettin aufgefordert wurde, der lettischen Staatsbürgerschaft zu entsagen, überlegte sie einen Augenblick, dies zu verweigern. „Doch was hätte ich als junges Mädchen tun sollen?“ war ihre rhetorische Frage. Als 16-jährige blieb ihr nur die Möglichkeit, mit den anderen die Heimat zu verlassen.

Eižens Upmanis` Frage, warum die Deutschletten so widerstandslos dem Führerbefehl folgten und Lettland verließen, konnte nicht eindeutig geklärt werden. Frau Adolphi erwähnte die These, dass viele Deutschbalten die Rückkehr der Bolschewisten fürchteten. Deren Gewaltherrschaft hatten sie bereits 20 Jahre zuvor bitter erfahren müssen, als die Roten für einige Monate Riga erobert hatten. Vermutlich sympathisierten manche Deutschbalten mit den Ideen Hitlers. Doch kaum einer von ihnen empfand Freude, als sie von der bevorstehenden Emigration erfuhren. Und alles ging sehr rasch. Die großen KDF-Schiffe ankerten bereits vor Riga, Ventspils und Liepāja, als sich die Nachricht von der Umsiedlung noch nicht überall verbreitet hatte.

Kein leichtes Schicksal: Abschied von Riga

Frau Renate Adolphi berichtet über den Abschied von Riga 1939, Foto: UB

Nicht alle Deutschletten akzeptierten den Umsiedlungsbeschluss. Leo Dribins erwähnt in seinem Aufsatz über die deutsche Minderheit in Lettland, dass zirka 10.000 Deutsche sich weigerten. Zu ihnen zählte der liberale Politiker Paul Schiemann. Er hatte viel dazu beigetragen, dass die ehemalige privilegierte deutschbaltische Oberschicht nach 1918 eine Zukunft als akzeptierte ethnische Minderheit im lettischen Staat hatte. Schon in den zwanziger Jahren hatte er sich gegen nationalistische Konzepte ausgesprochen und forderte a-nationale Staaten in einem vereinten Europa auf der Basis von Demokratie und Toleranz. Nun wandte er sich an die lettische Regierung, schrieb ihr einen Brief, dass er sich mit seiner Heimat verbunden fühle und sie nicht verlassen wolle. Er schloss mit den ersten Worten der lettischen Nationalhymne: „Dievs, svētī Latviju!“/ „Gott, segne Lettland!“

Nachdem die Rote Armee Lettland 1940 okkupierte, flüchteten weitere 10.000 Deutschbalten ins Reich, doch Schiemann harrte aus, erlebte noch, was die Nazis nach dem Angriff auf die Sowjetunion in seiner Heimat anrichteten. Nochmals zeigte der bürgerliche Antifaschist seine Menschlichkeit. Er versteckte die Jüdin Valentīna Freimane und rettete sie vor den Massenerschießungen. Sie wurde später als Kinokritikerin bekannt. Schiemann selbst erlebte das Kriegsende nicht mehr, er starb 1944 in seiner zerschundenen Heimat.

Dribins schreibt, dass das Los der Deutschletten nach 39 hart war. 1944 flohen sie aus den polnischen Gebieten vor der Roten Armee, in winterlicher Kälte. Er schätzt, dass ungefähr 8.000 Deutschletten als Zivilisten oder Soldaten starben. 1963 lebten in Westdeutschland 42.000 Menschen deutschlettischer Herkunft, in Ostdeutschland mehr als 10.000. Und in Lettland behauptet sich eine kleine deutschbaltische Gemeinde, die noch vieles zu erzählen hat.

Informationen stammen aus dem Aufsatz: Leo Dribins, Vācieši, In: Juris Goldmanis (Hg.), Mazākumtautību Vēsture Latvijā, Riga 1998, 134-156.

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