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Münster, 20.10.2017
Von der Neugier zur Verbundenheit: Austauschschülerin Jana Wieser in Lettland PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 13. August 2010 um 10:00 Uhr
Vor dem  Schwarzhäupterhaus in RigaEin solcher Wagemut verdient Respekt:  Vor dem Abitur hatte sich Jana Wieser dazu entschlossen, ein Jahr in Lettland zu verbringen. Sie erhielt dafür ein Stipendium der deutschen Sektion des Youth for Understanding (YFU) Komitees. Für die Schülerin war es eine Reise in ein nahezu unbekanntes Land. Inzwischen hat sich ihre Neugier nach einem Jahr in lettischen Gastfamilien in enge Verbundenheit verwandelt. Die Bremerin, die in diesem Frühjahr ihr Abitur machte, hat lettische Freunde gefunden und sehnt sich nach den Reizen der lettischen Landschaft zurück. Die Lettische Presseschau sprach mit ihr über ihre Erfahrungen als Schülerin und Gast in der lettischen Hauptstadt Riga.
Jana Wieser in Lettland, Foto: www.yfu.de

 

LP: Bei Schüleraustausch denkt man an Großbritannien, USA oder Frankreich. Wie kamen Sie auf die Idee, Lettland zu wählen?

Jana Wieser: Das ist eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird. Als ich anfing, mich mit dem Thema Schüleraustausch zu beschäftigen, war das Land gar nicht so wichtig für mich. Ich wusste nur, in die USA möchte ich nicht. Meine Organisation YFU e.V. bot für ein Austauschjahr nach Osteuropa Vollstipendien an, das war dann am Ende entscheidend für mich.

LP: War Lettland Thema an Ihrer Bremer Schule, z.B. im Geschichtsunterricht? Was wussten Sie über dieses Land?

Jana Wieser: Ich muss sagen, ich wusste wirklich sehr wenig über Lettland. Lediglich Riga als Hauptstadt war mir bekannt. Sobald aber fest stand, dass ich dort ein Austauschjahr verbringen würde, fing ich an, mich zu informieren.

LP: Wo haben Sie in Bremen Lettisch gelernt?

Jana Wieser: An der Schule meiner Schwester war zu der Zeit ein lettischer Schüler, der zu seiner in Bremen lebenden Mutter gezogen war und noch wenig Deutsch sprach. Über eine Lehrerin kamen wir in Kontakt und trafen uns regelmäßig, um Deutsch und Lettisch zu lernen.

LP: Wie fühlten Sie sich am ersten Tag in Riga?

Jana Wieser: Überwältigt! Ich war unglaublich aufgeregt und es war alles neu für mich. Der Flughafen war sehr klein, meine Gastfamilie verstand ich nicht und sie mich nicht.

LP: Man sagt, die Letten seien Fremden gegenüber erst einmal zurückhaltend. Wie wurden Sie in Ihren Gastfamilien aufgenommen?

Jana Wieser: In meiner Gastfamilie wurde ich sehr gut aufgenommen. Ich war von YFU e.V. sehr gut vorbereitet worden und wusste in etwa, was auf mich zukommen würde. Die Zurückhaltung der Letten bekam ich erst in der Schule zu spüren.

Vergnügungen im lettischen Herbst

Die lettische Landschaft entfaltet auch im Herbst ihre Reize, Foto: Jana Wieser

 

LP: Haben Sie Ihre Lehrer und Mitschüler verstehen können?

Jana Wieser: Am Anfang nur sehr schwer. Die ersten zwei Monate habe ich noch viel Englisch gesprochen, aber mit der Zeit wurde mein Lettisch immer besser und ich habe immer mehr verstanden.

LP: Welche Schulfächer mochten Sie besonders?

Jana Wieser: Russisch und Deutsch. Ich fand es unglaublich spannend, Russisch zu lernen, da ich nicht von Russisch auf Deutsch übersetzt habe, sondern von Russisch auf Lettisch, dann auf Englisch und im Kopf noch mal auf Deutsch. Das war eine sehr interessante Erfahrung, leider habe ich sprachlich nicht viel lernen können. Und der Deutschunterricht war für mich als Muttersprachlerin unterhaltsam. Meine Klasse fing in dem Jahr an, Deutsch zu lernen.

LP: Wie verlief der Unterricht? Haben Sie Unterschiede zu Ihrer deutschen Schule bemerkt?

Jana Wieser: Mir fiel auf, dass es eigentlich nur den Frontalunterricht an meiner Schule gab. Handys gehörten an meiner Schule auch zum Inventar. Ständig klingelte irgendein Handy und der Besitzer nahm einfach ab und verließ langsam den Klassenraum. Hier, in meiner deutschen Schule, wäre das unvorstellbar.

LP: Wurde in der Schule über politische und aktuelle gesellschaftliche Themen diskutiert?

Jana Wieser: Wir hatten mehrere Kampagnen zum Thema Drogen und Alkohol und, für mich sehr interessant, einen Vortrag über die Sicherheitsvorkehrungen für Strom(-leitungen).

LP: Im Ausland machen Streitigkeiten mit der russischstämmigen Minderheit zuweilen immer noch Schlagzeilen. Hatten Sie russischstämmige MitschülerInnen? Gab es Diskussionen über das Zusammenleben von Letten und Russen?

Jana Wieser: Ja, ich hatte russische Mitschüler und zu meinen engsten Freunden gehören auch zwei russische Mädchen. Mir wurde von meinen Freunden, Mitschülern und auch der Gastfamilie viel zu dem Thema erzählt und ich habe sehr viel darüber gelernt. Mein Umfeld in Lettland war in diesem Bezug unglaublich tolerant, was ich so gar nicht erwartet hatte.

LP: Sie schreiben in Ihrem Bericht für das YFU, dass Sie das Fußballtraining besuchten. War Frauenfußball unter Ihren Mitschülerinnen populär?

Jana Wieser: Bei dieser Frage muss ich schmunzeln. Als ich in Lettland ankam, wurde mir von allen Seiten bestätigt, dass es keine Mädchenmannschaft in meinem Stadtteil, Imanta, gibt und ich war recht enttäuscht. Als ich jedoch die Gastfamilie wechselte, erzählte meine neue Gastmutter mir, dass es eine sehr gute Mädchenmannschaft am anderen Ende der Straße gibt. Ich glaube Mädchenfussball ist einfach so unpopulär, dass viele nicht einmal von der Existenz wissen.

LP: Was haben Sie in Ihrer Freizeit unternommen?

Jana Wieser: Ich hab in der Musikschule in einem Orchester gespielt, in der eben erwähnten Fussballmannschaft trainiert und habe sehr viel in der Rigaer Innenstadt unternommen. Ich liebe es auch heute noch, einfach durch die Innenstadt zu schlendern und am Bastejkalns spazieren zu gehen.

LP: Haben Sie lettische Freundinnen und Freunde gefunden, mit denen Sie etwas unternehmen konnten?

Jana Wieser: Ja, das habe ich. Ich muss sagen, während meines Austauschjahres hatte ich eher lockere Bindungen zu vielen Mitschülern und bin mit ihnen ins Kino gegangen und zum Galerijs Centrs, oder haben einfach die Nachmittage bei ihnen oder mir zu Hause verbracht. Freunde wurden viele jedoch erst nach meinem Austauschjahr.

LP: Sie schreiben, dass Ihnen die lettische Landschaft sehr gefällt. An welche Orte denken Sie dabei?

Jana Wieser: Ich kann gar keinen genauen Ort nennen. Durch Verwandte meiner Gastfamilie war ich viel in Viljaani und Limbazhi, das waren für mich wirklich tolle Erfahrungen. Kolka hat mich zum Beispiel ganz besonders beeindruckt. Die Lettische Landschaft ist einfach anders als in Deutschland und für mich sehr schwer in Worte zu fassen.

LP: Schweinebraten mit Borsten mögen Sie nicht. Haben Sie lettische Spezialitäten entdeckt, die Ihnen schmecken?

Jana Wieser: Pankuukas!!! Mein Gastvater hat jeden Samstagmorgen Pankuukas gemacht, die fehlen mir wirklich sehr! Ich vermisse die Lettische Küche tierisch. Ich habe schon versucht,  viele Gerichte nachzukochen, aber in Lettland schmeckt es einfach besser. Das Erste, was ich in Lettland esse, wenn ich da bin, ist Kaarums [eine kleine lettische Quark-Süßigkeit, die mit Schokolade überzogen ist]. So was brauchen wir in Deutschland!

LP: Die Letten sind ein Volk der Sängerinnen und Sänger. Haben Sie lettische Lieder gelernt?

Jana Wieser: Ja das habe ich. Auf meinem Vorbereitungsseminar von YFU e.V. in Lettland, haben wir viele traditionelle Lieder gelernt und versucht, sie zu singen. Meine Freunde haben mir auch ein paar Lieder beigebracht, das fand ich echt gut.

Lettland ist immer noch relativ schneesicher

Jana Wieser vergnügte sich auch in der Winterlandschaft, Foto: Jana Wieser

 

LP: Haben Sie noch Kontakte mit Lettinnen und Letten?

Jana Wieser: Mit Letten in Lettland schon. Wie ich vorher schon erwähnte, sind viele meiner lockeren Bekanntschaften erst nach meinem Austauschjahr richtige Freunde geworden. Ich habe noch zu beiden Gastfamilien Kontakt und habe einige richtig gute Freunde in Riga. Sie haben mich schon in Bremen besucht und ich war auch schon dreimal bei ihnen zu Gast. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man nach Riga kommt und sich sofort zu Hause fühlt und auch genauso aufgenommen wird. In Bremen habe ich bisher leider keine Letten kennengelernt.

LP: Könnten Sie sich vorstellen, in Lettland dauerhaft zu leben?

Jana Wieser: Ich möchte definitiv noch einmal für längere Zeit nach Lettland gehen. Ob ich dort für immer leben möchte, kann ich jetzt noch gar nicht so genau sagen. Ich werde sehen was die Zukunft  bringt.

LP: Möchten Sie Ihre Lettisch- und Lettlandkenntnisse später einmal beruflich nutzen?

Jana Wieser: Ich würde mich freuen, wenn das möglich ist. Dieses Jahr habe ich mein Abitur gemacht und werde jetzt  für 10 Monate nach Belgien gehen, bevor ich nächstes Jahr anfangen werde, European Studies zu studieren. Ich hoffe damit, einen Beruf ausüben zu können, in dem ich ab und zu Lettisch sprechen kann, um der Welt das kleine Land vom Baltikum näher zu bringen.

 

Interviewer: UB

 

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