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Münster, 27.5.2018
Wo die Venta einen Sprung hat - Die lettische Kleinstadt Kuldīga und ihre deutschbaltische Vergangenheit PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 28. September 2013 um 00:00 Uhr

Fisch-Ornament an der Venta-BrückeVentas Rumba - das klingt nach heißem Tanz mit einer wilden Latina-Schönheit. Doch das ist weit gefehlt, die Venta ist weitaus kühler und gemäßigter. Eine deutsche Übersetzung einer Touristenbroschüre erweckt ebenso falsche Vorstellungen: Ventas Rumba bedeute Windauer Rummel. Aber die Rumba ist auch kein windiger Kirmesplatz. Im Wörterbuch des barocken Sprachforschers Johann Christoph Adelung findet sich eine Erklärung, die auf diesen Rummel irgendwie passt: Eine Menge mehrerer Dinge ohne Wahl, wo Schlechtes und Gutes unter einander ist.“ Dieser Satz stimmt fast überall. Die Deutschbalten benutzten ihr spezielles Rummel-Verständnis für Unordnung in einem Gewässer. Die norddeutschen Nachfahren der Ordensritter und Hanse-Kaufleute waren ehemals die Mitbewohner Lettlands und sprachen ein Deutsch, das zuweilen vom Duden abweicht. Die Ventas Rumba ist die breiteste Stromschnelle Europas, behaupten andere Broschüren. Die Venta ist ein 343 Kilometer langer Fluss, also längst kein Strom. Laut Duden ist eine Stromschnelle aber eine Strecke, auf der ein Fluss plötzlich schneller, reißend fließt.“ Also kann ein Fluss an manchen Stellen doch ein Strom sein, trotzdem erweckt auch das falsche Vorstellungen. Die Venta ist kein Alpenfluss, der über Geröll zu Tal stürzt.

Blick von der Brücke auf Ventas Rumba, Foto: LP

 

Die Venta fließt über den breitesten, zugleich aber einen der niedrigsten Wasserfälle Europas. Bilder von den tosenden Niagara-Fällen oder vom zünftigen Rheinfall sind abwegig. Deshalb verkündet ein weiterer lettischer Werbetext auf Deutsch zurückhaltend: „Obwohl die Rumba der breiteste Wasserfall in Europa ist (249 m), sie hat nicht die fesselnde, wilde Schönheit der weltgroßen Wasserfälle. Ihre echte Schönheit kann man nur dann einschätzen, wenn man mindestens zehn Minuten auf sie schaut und hinunter zum Fluss geht.“ Zurückhaltung gilt als lettische Nationaleigenschaft, selbst in der Tourismusbranche. Weder Stromschnelle noch Wasserfall beschreiben das Naturphänomen im Westen Lettlands angemessen. Eigentlich ist die Rumba ein Wassersprung, keine zwei Meter hoch. Dieser ist eine landschaftliche Attraktion der Stadt Kuldīga (das lettische “ī” ist ein langes). Das Städtchen wird von der Venta umkurvt. Ihr Wassersprung war für die Händler früherer Epochen ein Ärgernis, für die Wanderfische aus der Ostsee ist er eine Herausforderung und für die Bewohner Kuldīgas und ihre Gäste ein vergnügliches Spektakel, das sogar den Festkalender des Jahres bestimmt. Der städtische Tourismusmanager spricht von steigenden Besucherzahlen. Die historische Kleinstadt, die die Deutschbalten Goldingen nannten, hat mehr als nur einen Sprung im Relief zu bieten. Schauen wir zunächst zehn Minuten auf die Rumba und gehen dann zum Fluss hinunter.

Ziegelbrücke von Kuldiga

Kuldīgas Ziegelbrücke wurde jüngst renoviert, Foto: LP

 

Die rotbraune Ziegelbrücke steht mit ihren sieben Bögen recht lauschig da. Von ihr aus hat der Vergnügungsreisende einen weiten Blick über die Flusslandschaft und die etwa 200 Meter entfernte Rumba. Dort fließt, strömt, fällt, springt das Wasser über die steinerne Kante. Sie erstreckt sich wie eine gekrümmte Linie von Ufer zu Ufer. Zur Stadtseite hin verläuft sie hufeisenförmig. An heißen Tagen stellen sich Jung und Alt mit hochgekrempelten Hosen auf den Klippenrand. Sie kühlen sich ihre Füße im Nass. Man kann über die Rumba waten, um an das andere Ufer zu gelangen. Der Fluss bequemt sich in einem flachen, breiten Bett. Am östlichen Rand säumt eine hohe Böschung die Landschaft. Am westlichen Gegenüber grenzt der Ortskern Kuldīgas an. Von dort aus, in Brückennähe, stürzt sich ein Bächlein an einer alten Mühle vorbei in den Fluss. Mit mehr als vier Metern Höhe wagt das kleine Alekšupīte (das lettische „š” ist ein “sch”) einen mächtigen Satz, bekommt an seinem Ende einen richtigen kleinen Wasserfall zustande. Auf der Höhe der Rumba befand sich einst die Ordensburg, die im polnisch-schwedischen Krieg zerstört wurde. Benachbarte Großmächte schauten immer wieder mal bei den Bewohnern Westlettlands, des früheren Herzogtums Kurland, vorbei, veranstalteten hier so manchen Rummel, mehr schlechten als guten. Die Venta hat viel Platz in ihrem Bett, das Bächlein fügt sich unmerklich hinzu. Da bleibt Raum für viele Inselchen. Sie sind dicht mit Gras bewachsen, das in der Sonne leuchtet. Auf der anderen Seite der Brücke schaut man gen Nordwesten, wo die Venta zum Horizont fließt. Etwa 60 Kilometer weiter wird sie in Ventspils als Ölhafen enden und in die Ostsee münden.

Blick auf die Ventas Rumba

Blick auf die Ventas Rumba, Foto: LP

 

Ein Hinweisschild lobpreist auf deutsch die Ziegelbrücke als „Visitenkarte der Stadt“. Auf ihr lässt sich fein flanieren und verweilen, Autos kommen selten vorbei. Sie ist gerade frisch erneuert worden. Bauarbeiter reinigten die Ziegel, ersetzten den hässlichen Asphalt durch ein beschauliches Pflaster. Der Flaneur wandelt zwischen schwarzen Leuchtern, es sind zweibirnige Armleuchter im passend altmodischen Stil. Am Anfang und Ende des Bauwerks werden die Laternenpfeiler von den Schwänzen eiserner Fische gehalten. Ihre mythischen Fantasieköpfe pressen sich auf den Brückenboden. Sie schauen recht gequält drein. Das Anbringen von Vorhängeschlössern zu Hochzeitszwecken, so liest man nebenbei, ist verboten. Die Haltung der Laternenfische ist schon mühsam genug, sie benötigen nicht noch ein Schloss um den Schwanz. Der in Chemnitz geborene Otto Dietze entwarf 1874 Kuldīgas steinerne „Visitenkarte“. Damals waren Deutsche noch die Herren und Gelehrten, auch die Architekten des Landes. Die Letten lernten noch - auch, wie man sich von den Deutsch sprechenden Herrschaften emanzipiert. Schätzen wir nun die Schönheit, zum Ufer hinuntergehend, weiter ein, von Kuldīgas kleiner Promenade aus betrachtet.

Traute Zweisamkeit am Venta-Ufer

Am Venta-Ufer in Kuldīga, Foto: LP

 

Armleuchtereien an der Venta

Es wird Zeit, mit Einheimischen zu sprechen. So kommen wir am Ufergeländer mit einem grauhaarigen, schlanken Letten mit dünner langer Nase ins Gespräch. Natürlich liebt er wie alle seine Mitbürger sein Land und die Landschaft und die Venta und ihren Sprung im Besonderen. Und er verkündet zur Entstehung der Rumba eine „nostāts”, was auf Lettisch sowohl Bericht als auch Erzählung bedeuten kann. Sie, die Rumba, sei gar nicht natürlichen Ursprungs. Die norddeutschen Ordensritter hätten sie erst vor ein paar Jahrhunderten geschaffen, weil sie den Flussgrund als Steinbruch zum Burgenbau benutzt hätten. Man staunt nicht schlecht. Fremden lässt sich viel erzählen. Viele solcher „nostāti” erweisen sich als Armleuchterei, nicht wahrer als Geschichten vom Teufel. Dieser habe die Venta mit Steinen zugeschüttet, um die Stadt zu überschwemmen. Eine andere „nostāts” kündet davon, dass Herzog Jakob von Kettler, der Star der Goldinger Stadtgeschichte, einst die Rumba habe sprengen wollen. Jakob, ein protestantischer Vasall des polnischen katholischen Königs, lag der Handel mit der Ferne am Herzen. Er entwickelte - und das ist kein Scherz - das Herzogtum Kurland im barocken 17. Jahrhundert zur kleinsten Kolonialmacht des Kontinents, nahm die südamerikanische Insel Tobago und die Ufer des afrikanischen Flusses Gambia in Besitz. Mit der Ferne handelte es sicht prächtig. Eher schwammen seine Schiffe über den Atlantik an ferne Küsten als über die Venta nach Litauen. Der Herzog war ein geborener Goldinger, residierte gern in der Stadt, aber auch in Mitau, dem heutigen Jelgava. Die Hauptstadtfrage Kurlands war zu dieser Zeit noch offen. Kuldīga, das deutschbaltische Goldingen, verlor die Konkurrenz mit den anderen Städten, es blieb klein und beschaulich, auch weil die Rumba nach wie vor den Wasserweg versperrte. Die Sprengung habe nur ein hufeisenförmiges Loch in der Felsenklippe hinterlassen und fliegendes Gestein die nahe Burg beschädigt, so heißt es.

Kuldigas Museum

Das Stadtmuseum wird derzeit renoviert und wird nächstes Jahr eröffnet, Foto: LP

 

Dann wies Jakob seine Untertanen an, einen Umgehungskanal zu graben. Des Herzogs Arbeiter hatten für die Plackerei nur Spaten zur Verfügung. Auch dieses Projekt scheiterte, ist noch heute als morastiger Graben jenseits der Venta zu finden. Ganz in der Nähe der Uferpromenade, am neu gestalteten Stadtpark, steht eine alte hölzerne Villa im historistischen Stil. Das dunkelgrüne Haus ist abgesperrt, Renovierungsarbeiten finden statt. Hier wird im nächsten Jahr Kuldīgas Museum für Stadtgeschichte neu eröffnet. Dem Besucher versprechen die Museumsleute spannend Interaktives, vielleicht wirds ein großes Rätselraten darüber, welche „nostāti” denn nun stimmen könnten. Einst habe diese Villa als russischer Pavillon auf der Pariser Weltausstellung von 1900 gestanden, vis-à-vis dem Eiffelturm - so heißt es. Dann habe ein Offizier des Zaren das Haus zerlegen lassen, bis zur Hafenstadt Liepāja und von dort aus über Land hierhin verfrachtet, um es seiner Zukünftigen zum Hochzeitsgeschenk zu machen - so heißt es in den Texten der Goldinger nostātsgemäß.

 

Hinterhof

Hinterhof in Kuldīga, Foto: LP

 

Fischstrapazen an der Wasserstiege

Glaubwürdiger ist das weitere Unterfangen des frühen Freihandelsfreundes Jakob, der mit der Rumba, die sich weder sprengen noch umschiffen ließ, doch noch sein Geschäft zu machen wusste. Er ließ auf der Klippe reihenweise Körbe anbringen, die in die Luft ragten, um „fliegende Fische“ zu fangen und diese auf dem Markt zu verkaufen. Die Bewohner der Venta sind nicht südseeartig beflügelt. Es sind arme, heimatverbundene Wanderfische, die, nach kräftezehrender Anreise aus der Ostsee kommend, ihren eigenen Nachwuchs an der Stätte ablaichen wollen, wo sie einst selbst das Licht der Wasserwelt erblickten. Im Frühjahr versuchen „Vimbas“, eine Karpfenart, die man laut Wörterbuch mit „Wemgallen“ übersetzt, diese steinerne Stiege flussaufwärts zu überwinden. Im Oktober sind die Lachse an der Reihe. Auch sie müssen die Ventas Rumba überspringen, um an ihrer Geburtsstätte für Nachwuchs zu sorgen. Die Strapazen der Fische sind ein willkommenes Spektakel für die Menschen. Sie schauen zu, wie Tausende der kleinen silbrigen Leiber viele Sprünge brauchen, um die Klippe zu meistern. Immer wieder verfehlen sie den Oberlauf des Flusses, prallen am Gestein ab. Bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts endeten Tausende von ihnen in den Fangkörben. Heute fasziniert die Klimmkunst der fliegenden Fische auch Vegetarier. In der Zeit, in der sich die Fische über die Rumba quälen, im April bzw. Oktober, herrscht jetzt nämlich Fangverbot.

Ventas Rumba aus der Nähe

Die Ventas Rumba aus der Nähe betrachtet, Foto: LP

 

Eine lettische Provinzstadt hat nur wenige Gassen und Straßen mit geschlossenen Fassadenreihen im Zentrum. Selbst zur Stadt gruppiert werden die Stein- oder Holzhäuser nicht aneinander gemauert oder gehämmert. Zwischen den Nachbarn bleibt Platz für Gärten und Höfe, Bäume, kleine Weiher und Parks. Im Sommer sieht man Wäsche neben Gemüsebeeten aufgehängt, Hühner gackern auf ungepflasterten Innenhöfen, Hunde bellen auf den löchrigen Gassen, Katzen dösen vor brüchigen Mauern. Gerade dort, wo Gemäuer und Pflaster bröckeln, reagieren die Bewohner mit besonderer Akkuratesse: Mit Harken und Besen wird der Unrat zusammengekratzt und gefegt, auf dem staubigen Erdboden entstehen manchmal symmetrische Linienmuster, die man nicht mit seinen Schuhabdrücken `beschmutzen` möchte. Die Blumenbeete sind immer frisch bepflanzt und Unkraut ist kaum zu sehen. Die Bewohner beharren auf Wohnlichkeit und `omulīgs` heißt auf Lettisch gemütlich. Das Alekšupīte fließt wie ein Kanal an den Mauern im Ortskern vorbei. Die historische Mühle und der Rathausplatz sind gerade Baustellen. Allenthalben sieht man neues Pflaster und Gehsteige. Sogar Fahrradwege entstehen, das ist eine Seltenheit in lettischen Ortschaften.

Liepajas iela, Kuldigas Flaniermeile

Liepājas iela, Kuldīgas Flaniermeile, Foto: LP

 

Herzog Jakobs Wohlfahrtsstaat

Auf der Liepāja-Straße, der Flaniermeile, ragt zwischen vielen Blumenkübeln das Gedenken an Jakob hervor. Ein neues quadratisches Denkmal erinnert an den merkantilistischen Herrscher, Holzskulpturen bilden ihn ab, vor einem Lokal ist eine übergroße hölzerne Nachahmung seines Stulpenstiefels zu sehen. Meistens sind Herzöge nur die üblichen Gestalten der Herrschaftsgeschichte, die vom Brot und der Fron der leibeigenen Bevölkerung lebten. Doch Herzog Jakob von Kettler, der Kurland von 1642 bis 1682 beherrschte, kommt in der lettischen Geschichtsschreibung recht gut davon. Er studierte bereits im jugendlichen Alter an der Universität Leipzig, reiste durch Europa und lernte viele Sprachen, unter anderem auch das Lettisch seiner Untertanen. Er ließ ausländische Handwerker mit neuen Gewerken und Gewerben ins Land. So entstanden Gießeren für die Waffenproduktion, Tuchmanufakturen, Sägewerke und Mühlen. Er warb niederländische Fachkräfte für den Schiffsbau. Die Kurländer besaßen fortan Werften und hatten mit einem Armenhospital und einer Irrenanstalt bereits einen schlanken Sozialstaat, wie er manchen heutzutage schon wieder modern erscheint.

altes Rathaus

Das alte Rathaus beherbergt heute die Tourismusinformation und ein Restaurant, Foto: LP

 

Auch der Rathausplatz wird gerade neu gepflastert. Das heutige Rathaus mit historistischer Fassade ist ebenfalls von Otto Dietze, dem Brückenbauer. Das alte in der Nähe, ein schwarzes einstöckiges Holzhaus am Alekšupīte, ist nun Sitz der Touristeninformation. Parkten keine neuen Automodelle in den Gassen, wüsste man nicht, in welchem Jahrhundert man sich gerade befindet. Werner Herzog und andere Regisseure nutzten Kuldīga als historische Kulisse. Artis Gustovskis, der Tourismusmanager, begrüßt mich freundlich. Er hat eine wichtige Aufgabe, denn seine Gemeinde ist auf Gäste angewiesen. Große Fabriken wie die Strechholzfabrik Vulkāns sind seit Jahrzehnten stillgelegt. Der Ort verliert wie viele lettische Regionen Einwohner, noch sind mehr als 12.000 Bürger registriert. An der Wand des Informationsbüros sind einige Spielsachen und Gewürzgläser ausgestellt. Das sind Produkte des hiesigen Gewerbes. Einige Kleinbetriebe produzieren Lebensmittel und Möbel. Holz ist in den Wäldern der Umgebung zur Genüge vorhanden. Ein Getränkevertrieb beliefert von hier aus Kurzeme, so nennen die Letten Kurland als ihre westliche Region heute.

Baustelle in Kuldiga

Baustelle am Alekšupīte, Foto: LP

Ein europäisches EDEN

Das Städtchen setzt aber nicht als letzte Hoffnung auf den Fremdenverkehr. Die nostalgische Schönheit und die Geschichte als kurländische Beinahe-Metropole sind vielmehr wie geschaffen für Besucher. Das bestätigte auch die EDEN-Jury. EDEN, das bedeutet European Destinations of Excellence, ein Projekt der EU-Kommission. Diese zeichnet jährlich in den einzelnen Ländern jeweils einen Ort aus, der nicht vom Massentourismus verschandelt ist, aber das Potenzial hat, Ziel eines ökologisch und sozial verträglichen Reiseverkehrs zu werden. Kuldīga erhielt den Preis für Lettland bereits 2007, im ersten Jahr des Wettbewerbs. Die Jury hielt damals nach Kleinstädten auf dem Land Ausschau. Die EDEN-Vertreter lobten das Engagement der Kommune für eine nachhaltige Entwicklung. Diese hält an, Straßen, Plätze und Gebäude sind zum Teil schon saniert. Auf die Frage, wer das alles finanziert, sagt Gustovskis: „Wir erhalten Geld aus EU-Fonds. Kuldīga gehört zu den lettischen Städten, die, relativ pro Einwohner gerechnet, das meiste Geld aus Brüssel erhalten.“ Dies bemerkt er mit einem gewissen Stolz. Journalisten werfen so mancher lettischer Kommune vor, dass Kompetenz fehle, um EU-Geld zu beantragen.

Synagoge

Einst hatte Kuldīga einen großen Anteil jüdischer Bevölkerung, sie fiel den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg zum Opfer. In Absprache mit Rigas Jüdischer Gemeinde wurde die Synagoge als Stadtbibliothek renoviert, Foto: LP

 

Der Leiter der städtischen Info-Zentrale freut sich über steigende Besucherzahlen. Allerdings kann er sie nur vage nennen. An der Venta beschäftigte sein Büro im letzten Jahr Hilfskräfte, die zählen sollten, wieviele Menschen sich den Fluss anschauten, etwa 300 bis 400 pro Tag. Insgesamt schätzt das Büro die Zahl jener, die in der Stadt zu Gast sind, auf bis zu einer halben Million pro Jahr. Vor einem Jahrzehnt lagen noch deutsche Touristen vorn. Doch Gustovskis glaubt, dass diese inzwischen von Russen und Litauern eingeholt wurden. Den Besuchern muss im Jahr einiges geboten werden. Das Provinzstädtchen darf sich nicht zu verschlafen präsentieren, muss für Brot und Spiele sorgen. Wenn die Fische „fliegen“, finden Jahrmärkte statt, mit Tänzen in historischen Kostümen, Gauklern in mittelalterlichem Gewand, Lebensmittel und Kunsthandwerk, Konzerten und Ausstellungen. Die Sommersonnenwende, das höchste Fest der Letten aus ihrer heidnischen Vorzeit, wird hier auf nudistische Art gefeiert. Am frühen Morgen des 24. Juni treffen sich ein paar Dutzend Nackte an der alten Mühle. „Die Läufer überqueren dann die historische Ziegelbrücke, das soll eine fruchtbare Ernte bringen. Nur Mützen sind als Kleidungsmittel erlaubt. Der Lauf hat große Aufmerksamkeit, Menschen stehen am Ufer und schauen zu. Das sind erstaunlich viele.“

Aleksupite als kleiner Kanal zwischen Bauten

Das Alekšupīte, Foto: LP

Der Wasserfall des Alekšupīte sei mit 4,5 Metern der höchste Lettlands, die Ventas Rumba der breiteste Europas. Die Ziegelbrücke wiederum, nach Trierer Vorbild konstruiert, eine der längsten ihrer Art auf dem Kontinent. Das acht Kilometer lange Alekšupīte verwandele das Städtchen in das „Venedig Lettlands“. So zurückhaltend Kuldīga-Marketing manches formuliert, so befremdlich ist das Prahlen der Broschüren mit Rekorden und ihr Schmücken mit fremden Federn. Die Venta ist nicht der Canale Grande und über das Stadtbächlein führt auch keine Rialto-Brücke. Kuldīga hat überhaupt keine Rekorde und Vergleiche nötig. Es fällt aus der heutigen Zeit des beständigen Konkurrierens heraus. Am Abend sitzen Angler am Flussufer. Solange kein Regen die Landschaft verdüstert, sind Sonnenuntergänge an der Venta ein Erlebnis: Die Farbenspiele der Sonne mit Wind und Wolken schaffen bewegende Naturbilder. Das Rote kontrastiert sich in Hell und Dunkel, lässt auch Flecken für Grünes und Blaues, zeichnet glühende Eisberge, antike Ruinenstädte oder einfach einen Blumenkohl. Darunter liegt die dunkle Landschaft, allmählich werden die Fenster der Häuser zu rechteckigen Lichtern, noch schimmern die Wellen rötlich. Die Laternen der Ziegelbrücke leuchten in der Dämmerung. Sonnenuntergänge kann man überall erleben, doch nirgends so speziell wie an der Venta.

 

Hinweise für Touristen:

Webseite der Stadt Kuldīga: www.kuldiga.lv (Englisch)

Tourismusbüro (Mitarbeiter sprechen Englisch):

P/I „KULDĪGAS TŪRISMA ATTĪSTĪBAS CENTRS”

Baznīcas iela 5, Kuldīga LV 3301

Tel./Fax:+371 633 22259; +371 29334403

E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

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