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Münster, 15.11.2018
Mit historischen Quellen die Geschichtsschreibung überprüfen - Manfred von Boetticher im Interview PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 27. Februar 2014 um 00:00 Uhr

Historische Karte der Region LivlandManfred von Boettichers Leitspruch "ad fontes - zurück zu den Quellen" führte ihn in die historischen Archive. Der Historiker und Slawist schloss seinen beruflichen Werdegang als Leiter des Hauptstaatsarchivs Hannover ab. Doch an Ruhestand denkt der unermüdliche Forscher keineswegs. Nun hat er Zeit, in einem weiteren Sinne zu den Quellen zurückzukehren. Er erinnert sich an die Herkunft seiner Familie aus der baltischen Region, erforscht Quellen zur baltischen Geschichte, lehrt u.a. lettische Germanisten und Historiker in Riga, diese alten Handschriften zu entziffern. Als Göttinger Student war ihm in den sechziger Jahren, der Zeit des Generationenkonflikts, die deutschbaltische Nostalgie zuwider. Doch auch damals galt sein Interesse dem Osten. Er lernte Russisch, konnte nun in historischen Seminaren Dokumente lesen, die seine Kommilitonen nicht verstanden. "Ad fontes" bedeutet, gängige Vorstellungen zu überprüfen, ob wohlfeile, vielfach abgeschriebene und ideologisch verbrämte Interpretationen überhaupt mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmen. Es bedeutet auch, Neues in den alten Papieren zu entdecken, Geschichte immer wieder neu zu re-konstruieren.

Livland-Karte von Abraham Ortelius, erschienen in Antwerpen im 16. Jahrhundert, Foto: Wikimedia Commons, Quelle

 

Stalins fragwürdiger Antifaschismus

Bei seiner Dissertation bemerkte Boetticher, dass es sich beim angeblichen Antifaschismus Stalins um nachträgliche sowjetische Propaganda handelte:

"Das Thema der Dissertation war die Sowjetunion und ihr erster Fünfjahresplan, im Zusammenhang mit der Komintern, Außenpolitik und Fragen der Industrialisierung. (Titel: Industrialisierungspolitik und Verteidigungskonzeption der UdSSR 1926-1930). Das war der Beginn des „Stalinismus“ und es stellte sich mir die Frage, inwieweit der Druck aus den kapitalistischen Ländern die Sowjetunion zwang, nach Innen repressiv zu werden, vor dem Hintergrund, ob diese Spannungen eine objektive Kriegsgefahr bedeuteten. Das untersuchte ich und kam zu einem negativen Ergebnis, denn es ergab sich damals vom Ausland keine Gefahr. Das war ein bisschen schade. Eine Freundin von mir, die danach den Hitler-Stalin-Pakt erforscht hat, brachte viel brisantere Ergebnisse zutage, die noch heute für die Letten interessant sind. Bis heute glauben die Russen, der Weltkrieg habe 1941 begonnen. Wenn die Sowjetunion doch eine vernünftige Außenpolitik gemacht hätte! Im Nachhinein wird die Volksfrontstrategie des 7. Kongresses der Komintern von 1935 hochgejubelt, dessen Beschlüsse eine Einheitsfront der Kommunisten mit der Sozialdemokratie und bürgerlichen Parteien gegen den „Faschismus“ vorsahen.

Aber dann ging die Sowjetunion einen ganz anderen Weg: Zwischen 39 und 41 hatte Hitler kaum einen größeren Verehrer als Stalin. Es ging ihm nicht nur um den Pakt, der Auswirkungen für Osteuropa hatte, sondern auch um Hitlers Führungskultur. Zum Röhm-Putsch 1934 soll Stalin über Hitler gesagt haben: "Kluger Mann! [„Molodec“]". Hitlers Vorgehen entsprach den Säuberungen innerhalb der UdSSR. Die Affinitäten waren also viel größer, als später eingeräumt wurde, auch wenn ich Stalinismus und Faschismus niemals gleichsetzen würde. Das bedeutet also, dass die Sowjetunion bis zum Kriegsausbruch gar keinen „antifaschistischen Kampf“ geführt hat. Sie wurden dann überraschend von Deutschland angegriffen. „Antifaschistischer Kampf“? Was blieb der Sowjetunion anderes übrig als sich zu verteidigen? Selbst wäre sie nicht auf die Idee gekommen, mit einem Angriff zu beginnen. Dann haben sie gewiss fürchterliche Opfer gebracht. Viele wurden völlig ohne Sinn und Verstand ins Feuer gejagt. Also eine Dummheit der Entscheidungsträger nach der anderen.

Und hinterher wurde alles als antifaschistischer Kampf verkauft, der am 9. Mai heutzutage auch in Riga gefeiert wird. Die Enkel kreisen dann mit großen Schlitten ums Siegesdenkmal und machen sich dicke. Von dieser historischen Betrachtung her ärgert mich das in ähnlicher Weise wie die Letten. Zum Streit um das „antifaschistische Siegesdenkmal“ in Riga würde ich aber trotzdem empfehlen: Einfach tiefer hängen, gar nicht drüber reden, sonst kann man doch hier nicht zusammenleben."

Zugleich widerspricht der Osteuropaexperte jenen Historikern, die wie Ernst Nolte meinten, die Nationalsozialisten hätten aus Furcht vor dem Bolschewismus agiert:

"Eine militärische Gefahr hat für das Nazi-Regime von der Sowjetunion bis 1941 kaum bestanden. Der Angriff auf die SU und die weitere Kriegführung wie die Blockade von Leningrad entsprach vor allem der „völkischen“ Ideologie."

Stalin-Porträt aus den 30er Jahren

Stalin - Der große Antifaschist? Foto: Wikimedia Commons

 

Familiäre Wurzeln in Petersburg

Zu Beginn seines Studiums waren Mittelalter und Latein seine Steckenpferde gewesen. Das Interesse für Russisch kam erst hinzu, als Mitstudenten ihn wegen seiner Vorliebe für mittelalterliche Lateintexte veralberten. Doch mit seinen im Westen wenig verbreiteten Russischkenntnissen konnte er sich wieder Respekt verschaffen. Nun konnte er in Seminaren zur neueren Geschichte Dokumente lesen, die den anderen verschlossen blieben. Damals lebte Boetticher zwischen zwei Welten: 1969 zog er in das Göttinger Studentenwohnheim ein. Hier herrschte revolutionäre SDS-Atmosphäre und dort, in seinem Elternhaus in Hannover, sehnte man sich nach der verlorenen baltischen Heimat. Sein Vater hatte in Haimar bei Hannover gleich nach dem Krieg eine Pfarrerstelle gefunden. Er hatte mit seiner Frau wie die anderen Deutschbalten 1939 die Heimat verlassen. Damals, nach dem Hitler-Stalin-Pakt, hatte das Nazi-Regime beschlossen, die sogenannten "Baltendeutschen" heim ins Reich zu holen. So gelangten sie zunächst nach Polen, später, nach dem Zusammenbruch des Großdeutschen Reichs, nach Westdeutschland. Doch neben Deutsch war Russisch die erste "Njanja"-Sprache des Vaters gewesen, dessen Geburtsort Petersburg ist; nach der Revolution hatte er dann Russisch vergessen und musste die Sprache in der Schule in Riga wieder neu lernen:

"Mein Vater ist 1911 in Petersburg geboren. Er sprach durch seine russische Njanja zunächst besser Russisch als Deutsch, doch zu Hause sprach die Familie nur Deutsch. Ihm war es furchtbar peinlich, als Sechsjähriger mit seiner Mutter auf den Markt zu gehen, weil sie so schrecklich Russisch sprach. Mein Großvater hat dagegen in der Behörde nur Russisch gesprochen und vor allem geschrieben, in der damaligen russischen Juristensprache, die er perfekt beherrschte. Er war im zivilen Generalsrang und hat 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs bei der Mobilmachung – natürlich auf russischer Seite - mitgemacht. Zum 1. Januar 1916 musste er als Deutscher dann aus dem Staatsdienst ausscheiden, angeblich aus gesundheitlichen Gründen.

Bis dahin war er Beamter im Petersburger Justizministerium gewesen. In seiner baltischen Heimat konnte er als Deutschbalte wegen der seit Ende des 19. Jahrhunderts geltenden "Russifizierungspolitik" - die man heutzutage lieber in Anführungszeichen setzt, weil sie zugleich auch eine Politik der „Modernisierung“ des russischen Staates darstellte - nicht Beamter werden. Das Baltikum galt als deutsch, was die Führungsschicht betraf. In dieser Vorkriegsperiode konnten Deutschbalten in ihrer Heimat nicht in den Staatsdienst eintreten, sondern mussten dafür in ein anderes Gebiet umziehen, also beispielsweise zur Russifizierung Finnlands beitragen oder sonstwo hingehen. Zunächst konnte mein Großvater gar kein Russisch, zunächst ist er ein Jahr nach Moskau gefahren, um die Sprache zu lernen, dann wurde er Staatsanwalt in Tobolsk. 1898 ist er nach Petersburg ins Ministerium gekommen. Danach konnte er erst heiraten. Seine Frau war – ebenso wie seine Mutter – eine von Sengbusch aus Riga. So gesehen bin ich mehr Sengbusch als Boetticher, Großmutter und Urgroßmutter stammen aus dieser Familie."

Das Russische lag also schon im Elternhaus begründet. Aber von der Sehnsucht zur baltischen Heimat und von deutschbaltischer Vergangenheit wollte der Sohn lange nichts wissen. "Das ganze Leben meiner Eltern spielte sich praktisch weiterhin im Baltikum ab. Und das wurde mir als Heranwachsender zu viel." Er konzentrierte sich zunächst auf die russische und sowjetische Geschichte, die baltische nahm er damals nur beiläufig zur Kenntnis. 1983 allerdings wollte er dem Wunsch seiner Eltern nachkommen, der Heimat, die nun sowjetisch geworden war, einen Besuch abzustatten. Er hatte alles vorbereitet, die Visa waren bereits besorgt, doch dann musste er sich um seine schwangere Frau kümmern, der es plötzlich sehr schlecht ging. Der Arzt riet von einer Reise ab. "Schade, denn meine Eltern wollten uns noch einmal die Orte ihrer Kindheit zeigen. In späteren Jahren hatten sie vor einem Wiedersehen Angst."

Brotze-Gedenktafel über einer Haustür

Spuren deutschbaltischer Geschichte sind an vielen Stellen Rigas zu finden, hier die lettisch-deutsche Gedenktafel für den Ethnologen und Pädagogen Johann Christoph Brotze, der im 18. und 19. Jahrhundert am Rigaer Lyzeum lehrte, Foto: LP

 

Für die Ritterschaften auf östlicher Mission und eine neue Aufgabe

Nach dem Ende der Sowjetunion eröffneten sich für Historiker neue Perspektiven, d.h. konkret: die Tore russischer und baltischer Archive. 1991 erhielt Boetticher eine Anfrage vom Verband der Baltischen Ritterschaften. Er, der Russisch lesen konnte, sollte sich in der Universitätsstadt Dorpat (Tartu) und Riga nach Dokumenten zur Geschichte der Ritterschaften und ihrer Familien umschauen. Tatsächlich konnte er viele Bestände ausfindig machen. Seitdem ist er ehrenamtlicher Archivar der Baltischen Ritterschaften. Den jähen Wandel bemerkte er augenscheinlich: "Ich war zunächst in Riga, da waren alle Straßennamen noch zweisprachig Lettisch und Russisch, dann in Dorpat, als ich nach einer Woche wieder in die lettische Hauptstadt zurückkam, waren auf einmal alle Straßennamen nur noch auf Lettisch und ich habe dumm geguckt."

Das Interesse, auch die baltische Vergangenheit zu erforschen, war geweckt. Nach der Pensionierung konnte er sein Vorhaben verwirklichen, Handschriftenlesekurse anzubieten. So wird auch anderen die "Ad-Fontes-Forschung" zu deutschen Dokumenten in lettischen Archiven und Bibliotheken ermöglicht. Ein weiterer ehrenamtlicher Posten, seine Leitung des Historischen Vereins Hannover, verhalf ihm zu entsprechenden Kontakten. Für die Hannoveraner organisierte er vor zwei Jahren eine Fahrt nach Riga und Daugavpils, um die unterschiedlichen Folgen Jahrhunderte langer deutsch-protestantischer und polnisch-katholischer Sozialisationen zu vergleichen. Dabei lernte er den lettischen Historiker Prof. Ilgvars Misāns kennen. Mit ihm besprach er seinen Plan. Misāns zeigte Interesse. Allerdings zweifelte er, ob er genügend lettische Historiker bzw. Geschichtsstudenten dafür fände. Denn obwohl die lettischen Geschichtsquellen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts größtenteils in deutscher Sprache verfasst sind, kann ein lettischer Geschichtsstudent heutzutage ohne Deutschkenntnisse auskommen. Misāns meinte, man solle solch einen Kurs den Germanisten anbieten. Boetticher bekam eine Einladung vom Germanistischen Lehrstuhl in Riga und stellte einen Antrag auf finanzielle Förderung durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst. Dieser bewilligte die Mittel durch das "Emeriti-Programm". Vor einem Jahr begann Boetticher seine Tätigkeit in Riga – als Gastdozent bei den Germanisten. Zudem bot er einen Kurs in älterer deutscher Schrift in den Räumen des Lettischen Staatsarchivs an. Beim ersten Mal kamen so viele, dass er die Gruppe in drei Kurse teilte. "Im Kurs waren auch Historiker dabei, im Wesentlichen Leute aus dem Archiv, aus Museen und Bibliotheken, also jene, die diese Kenntnisse wirklich vor Ort brauchten. Die Nachfrage nach den Lektürekursen war so groß, dass ich beim DAAD eine Verlängerung um ein weiteres Semester beantragte und bekam."

Die Mühen der Kursteilnehmer, deutsche Handschrift historischer Texte zu entziffern, trägt bald erste Früchte. Demnächst soll eine Publikation erscheinen, die digitalisierte Abdrucke von Originaldokumenten enthält. Neben diesen sollen die im Kurs erstellten Transkriptionen stehen. Die Herausgabe erfolgt gemeinsam mit Mitarbeitern des Staatsarchivs. Das Buch soll durchgehend zweisprachig auf Lettisch und Deutsch erscheinen.

"Das Buch, das aus diesem Lesekurs entstanden ist, besteht aus transkribierten Texten zur Geschichte des Handwerks- und Handelsgeschichte, Stadtgeschichte, zur Landwirtschaft und zur Kirchengeschichte. Das sind Schriften aus verschiedenen Jahrhunderten, begonnen mit dem 16. Die müssen wir erst einmal transkribieren und zu schlüssigen Konzepten kommen. In einer Einleitung werde ich die baltische Geschichte skizzieren, vielleicht mit einer Landkarte, um die historischen Grenzen aufzuzeigen, die nicht die heutigen lettischen sind. Das Gebiet "Livland" erstreckte sich ja auf einer anderen Fläche. Außerdem werde ich Hinweise zu den einzelnen Kapiteln schreiben und die Quellen erläutern. Wir wollen die Entwicklung der Schrift darstellen, aber dem Leser auch einen Überblick über die verschiedenen Themen geben."

Ausschnitt einer Handschrift in einer altdeutschen Schrift

Nicht auf Anhieb zu lesen: Auszug aus einem Brief von Magdalena Elisabeth von Hallart, einer deutschbaltischen Adeligen, die die Mission der Herrnhuter in Livland förderte. Manfred von Boetticher legte diese Schrift seinen Kursteilnehmern zur Lektüre vor, Foto: LP

 

Deutschbaltische Quellen geben Aufschluss über die lettische Frühgeschichte

Derzeit wecken besonders die Konsistorialberichte evangelisch-deutscher Pastoren das Interesse des umtriebigen Historikers und Archivars. Diese Dokumente beschreiben beispielsweise zwischen den Zeilen die Glaubensvorstellungen der Letten aus vorchristlicher Zeit. "In wie weit diese zutreffen, müsste weiter analysiert werden. Erst zur Zeit der Herrnhuter werden die Letten fromme Christen und vergessen viele heidnische Rituale. Aber zuvor scheinen diese noch durchaus präsent und die Pastoren klagen darüber."

Normalerweise ist es nicht üblich und entspricht nicht der Fairness, das auf dem Diktiergerät Gehörte Wort für Wort, also ohne stilistische Bearbeitung, zu übertragen. Doch folgendes Originalzitat ist von derartiger Beschaffenheit, dass es ausnahmsweise unbearbeitet wiedergegeben werden soll. Als Beispiel für heidnische Rituale nennt Boetticher den lettischen Brautraub und sagt dazu: "Dazu gehört u.a. der Brautraub. Da wird dann ein Mädchen entführt und schwanger gemacht und die Sache ist gelaufen." Auf die Bitte, den Sachverhalt näher zu erläutern, antwortet er: "Wohl so etwa, aber so genau steht das nirgends!" Hinzu kommt der vorchristliche Glaube an Wahrsagerei, Zauberei, der Glaube an Werwölfe usw. "Zudem stellt sich die Frage nach dem Totenkult: Den bemerkt man auch heute noch in Lettland ständig. So sieht man hier auch auf evangelischen Friedhöfen zu Allerheiligen Kerzen auf den Gräbern. Das ist sonst im Protestantismus nicht üblich. Unabhängig vom Katholizismus basiert das wohl auf einer eigenen vorchristlichen lettischen Tradition. Das konnte man beispielsweise nach dem Maxima-Unglück sehen. Berge von Kerzen wurden aufgestellt. Meiner Meinung basiert das auf vorchristlichen Traditionen."

"Ad Fontes" bezieht sich auch auf die lettische Geschichtsschreibung, die zuweilen nationalistisch verbrämt war. Der Deutschbalte Garlieb Merkel und lettische Intellektuelle in seinem Gefolge bastelten beispielsweise an einer lettischen Ur-Idylle herum. Merkel hatte Rousseau gelesen. Dieser hatte einen friedlichen und harmonischen Naturzustand der Menschheit beschrieben, den er aber philosophisch, nicht historisch gemeint hatte. In Wannem Imanta verlegte Merkel diese Idylle in die baltische Vergangenheit. Dieses Paradies wurde dann von den aggressiven Eroberern aus Norddeutschland zerstört. Merkel war sich bewusst, dass er nur einen Mythos fabrizierte, sozusagen das lettische Gegenstück zur deutschbaltischen Reimchronik, die militante Eroberungsgelüste mit dem Kampf gegen das lettische Heidentum rechtfertigt hatte. Merkels Geschichtsklitterung fiel bei den lettischen Nationalisten des 19. Jahrhunderts auf fruchtbarem Boden. So inspirierte er den Dichter Auseklis, einen griechengleichen lettischen Olymp zu besingen.

"Das mit dem Olymp ist wirklich der allerletzte Käse. Die lettische Seite hat im 19. Jahrhundert versucht, die Zeit vor 1200, vor der Ankunft von Ritterorden und der Kaufleute, in einer Weise aufzupolieren, wie sie historisch nicht war. Auch in der lettischen Auswertung der Konsistorialquellen sind solche Beschönigungen erkennbar."

Für den Meister der Handschriftenlektüre gibt es noch vieles zu entdecken und zu überprüfen, an Ruhestand denkt er nicht: "Das fehlte gerade noch, mich aufs Faulbett zu legen. Da würde ich krank werden." Dies ist nicht zu befürchten, die Universität Lettlands hat ihm die Einladung für ein weiteres Semester ab September 2014 bereits zugestellt: "Falls der DAAD und meine Frau zustimmen, werde ich das auch wieder machen."

 

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