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Münster, 23.4.2019
Wie der Kontakt zu Lettland die Willicher Kultur bereichert - Interview mit Wolfgang Brock, Teil II PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 05. Juni 2014 um 07:38 Uhr

Wolfgang BrockWolfgang Brock ist Geschäftsführer des Deutsch-Lettischen Freundeskreises in Willich-Neersen. Auf einem Frisörstuhl erfuhr er Anfang der 90er Jahre erstmals, dass Lettland seine Hilfe braucht. Damals ahnte er wohl noch nicht, wie fortan sein Einsatz für die Letten sein Leben bestimmen würde. Im ersten Teil berichtete er, wie es mit Benefizkonzerten und Hilfslieferungen begann. Dann vermittelte er Kontakte, um in Smiltene eine Kirche zu errichten und Firmen zu gründen. Inzwischen unterhält Willich eine Städtefreundschaft mit dem 6000-Einwohner-Ort an der estnischen Grenze. Vom Schüleraustausch bis zur Ehe haben die Neersener Lettenfreunde so manche Kontakte gestiftet. Brocks Einsatz bezieht sich nicht nur auf Smiltene. In Willich gründete sich 2006 das Deutsch-Lettische Partnerschaftsforum, Brock wurde Mitglied des Präsidiums.

Wolfgang Brock (rechts), Foto: DLFK

 

Mehr Wirkung durch das Deutsch-Lettische Partnerschaftsforum

Damals traf Brock die lettische Generalkonsulin Daiga Krieva in Bonn: "Sie meinte, dass sich Vertreter verschiedener Städte mal treffen könnten, also Riga mit Bremen oder Willich mit Smiltene usw. Das organisierten wir hier 2006, luden dazu ins Schloss Neersen ein. Dort haben sich auf Anhieb Vertreter von zwanzig lettischen und zwanzig deutschen Städten versammelt. Das Treffen wurde zur Institution, zum Deutsch-Lettischen Partnerschaftsforum. Wir treffen uns jedes Jahr. Einmal hier, das nächste Jahr in Lettland." Das Forum stellt zum einen eine Vernetzung der bestehenden Partnerschaften zwischen deutschen und lettischen Städten und Gemeinschaften dar und regt die Vertiefung der Freundschaft zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Lettland an. Kulturaustausch, Förderung der deutschen Sprache in Lettland, Verbesserung der Verkehrsverbindungen, Duale Ausbildung, Förderung der wirtschaftlichen Beziehungen sind einige der angestrebten Ziele.“ Hervorragende Verbindungen pflegt das Forum auch zu den Politikern beider Länder: "Das neueste Projekt, das wir über das Forum begonnen haben, ist die Einführung der dualen Ausbildung. Zur Unterzeichnung der Absichtserklärung kam im letzten Jahr Joachim Gauck nach Lettland. Beide Staatspräsidenten waren anwesend, als der Vertrag von den Botschaftern unterschrieben wurden." Für den Lehrer Brock sind Bildung und Ausbildung wichtige Themen: "Ich unterrichte an einer Hauptschule, die als Europaschule anerkannt ist. Jedes Jahr reisen 20 Schüler für mindestens eine Woche nach Lettland und ebensoviele lettische Schüler besuchen uns. Außerdem werden Praktika vermittelt, zum Beispiel lettische Studenten in den nordrhein-westfälischen Landtag. Praktikanten kann man auch in Firmen unterbringen."

Neersener in lettischer Landschaft

Neersener Lettenfreunde vor dem Zvarte-Felsen in Lettland, Foto: DLFK

Jugendliche aus Willich in Lettland

Die Absicht der Smiltener, dem Lettenfreund aus Willich die Ehrenbürgerschaft zu verleihen, verschaffte Brock Aufmerksamkeit bei seinem damaligen obersten Dienstherrn, Ministerpräsident Johannes Rau, der sich ebenfalls als Sympathisant der mittleren Baltenrepublik erwies. Brocks Einsatz hat sich verändert. Hilfslieferungen wie Anfang der 90er Jahre hält er für nicht mehr notwendig. Damals drohten die Letten nach dem Verlust der sowjetischen Märkte im Chaos zu versinken, die Wirtschaft brach um 50 Prozent ein (im Krisenjahr 2009 nach langer Wachstumsphase "nur" um 17 Prozent). Trotz aller wirtschaftlichen und sozialen Probleme sieht er deutliche Fortschritte: "Heute steht Lettland relativ gut da. Humanitäre Hilfe ist meines Erachtens nicht mehr notwendig. Heute haben wir viel Schüleraustausch, auch Langzeitaustausch bis zu einem Jahr. Ich habe Jugendliche aus meiner Schule nach Lettland geschickt. Mit minimalen Sprachkenntnissen absolvierten sie Praktika, beispielsweise in der Landwirtschaft oder in der Forstverwaltung. In Lettland sprechen viele Englisch und eine relativ große Gruppe beherrscht immer noch Deutsch. Die Schüler sind blendend klargekommen." Das Engagement beschränkt sich nicht auf Kontakte und Vermittlungen. Wenn auch die größte materielle Not weitgehend beseitigt ist, das Risiko, ins soziale Elend abzusteigen, bleibt hoch. "Im Juli fliege ich nach Riga, um mich mit dem Erzbischof Zbigņevs Stankevičs zu treffen. Er möchte mit einem Projekt Familien unterstützen. Außerdem haben wir das erste Frauenhaus in Riga gegründet. Misshandelte Frauen sind in Lettland genauso ein Problem wie hierzulande."

Trödelmarkt im KUDL

Die Räume des KUDL werden für Treffen und Veranstaltungen genutzt. Auch ein Kindertrödelmarkt fand statt, Foto: DLFK

 

Lettische Kultur an der Niers

Die Neersener Lettenfreunde bereichern mit ihrem Draht zum fernen EU-Osten ihre Heimat. Die Bürger der 50.000-Einwohner-Stadt Willich lernen lettische Musik kennen und schätzen. "Bei allen Kontakten spielt die Musik eine große Rolle. Immer, wenn ich in Lettland bin, besuche oder gebe ich Konzerte." In Lettland wurde dem Chorleiter eine große Ehre zuteil, er durfte auf der wichtigsten Tribüne des lettischen Chorgesangs auftreten. Das ist schon ein Erlebnis." Auch bildende Kunst ist im Programm. Das „KUDL“ (Kultur, Unterhaltung, Deutsch, Lettisch ), so nennen die Vereinsmitglieder ihre Begegnungsstätte, ist zuweilen Kunsthalle: "Fotos von Norbert Balzer, der Riga fotografiert hatte, haben wir hier ausgestellt. Die wurden nur in Riga, Düsseldorf, New York gezeigt und eben in Neersen – Weltstädte unter sich" schmunzelt Wolfgang Brock. Weder die Smiltener noch die Neersener sind täglich in den Schlagzeilen der Weltpresse. Doch die Willicher wissen heutzutage, dass es sich bei Lettland um keine Knabbermischung handelt: „In Neersen und um Neersen herum kennt man inzwischen Lettland. Es ist ein kleines Land. Man muss viel tun, damit es überhaupt wahrgenommen wird. Die Letten sind froh über ihre Bob-Bahn in Sigulda: So kommen sie mal in die Sportschau. Oder damals der Riesenerfolg, als Lettland den Eurovision Song Contest gewonnen hatte. Wir saßen mit 30 Leuten, dazwischen unsere Tochter, im Wohnzimmer. Ich meinte zu ihr: `Es wird Zeit, dass du ins Bett kommst.` Doch sie antwortete: `Nee, Papa, wir gewinnen doch gerade!` Ich sagte zu ihr: `Lettland gewinnt gerade!` Die Kinder haben die Herzen hüben wie drüben massivst beeinflusst. Noch heute werde ich in Lettland gefragt: `Was macht eigentlich ihre kleine Tochter?` Dann antworte ich: `Sie ist Hebamme, ist also nicht mehr ganz so klein.`“

Sonnwendfeier in Anrath

Das lettische Sonnwendfest wurde 2013 erstmals in Willich gefeiert. Es könnte auch am Niederrhein zur festen Tradition werden, Foto: DLFK

 

Das lettische Sonnwendfest wird nun auch am Niederrhein gefeiert

Seit letztem Jahr feiern die Niederrheiner eine lettische Tradition, das Jāni-Fest, die Sonnwendfeier in der Nacht vom 23. zum 24. Juni. Der Inhaber einer lettischen Lebensmittelkette spendete dazu lettisches Bier und Kümmelkäse in Hülle und Fülle. Die Lettenfreunde entfachten das Ligo-Feuer auf einem Hobbybauernhof in Willich-Neersen. Dass nun auch an der Niers die Sonnenwende auf lettische Art gefeiert werden sollte, sprach sich bei den Letten in Nah und Fern herum. Sie reisten sogar aus den Nachbarländern an. „Ligo in Neersen war ein großartiges Fest." Dieses wird sich nun alljährlich wiederholen. So haben 81 Lettenfreunde eine ganze Menge für die Völkerfreundschaft getan. Auch in Zukunft werden sie für weitere spannende Begegnungen und kulturellen Austausch arbeiten. Sie bereichern das kulturelle Leben der Smiltener und Willicher, das durch diesen internationalen Kontakt zu weltstädtisch erscheint, als es sich für die Provinz ziemt.


Weitere LP-Artikel zum Thema:

Die Lettenfreunde vom Niederrhein - Interview mit Wolfgang Brock, Teil I

 

Externer Linkhinweis:

dlfk.de: Deutsch-lettischer Freundeskreis

 

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