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Münster, 17.8.2018
Lettland: Im Land der Ahnen - Gottfried Bielenstein töpfert im sozialen Betreuungszentrum von Sturisi in Kurland, Teil 1 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 23. August 2014 um 00:00 Uhr

BBielenstein an der TöpferscheibeDer nette Taxifahrer, der im westlettischen Talsi an der Busstation wartet, weiß gleich, wohin es geht, als ich ihm den Namen Gottfried Bielenstein mitteile. Er startet den Motor und wir kurven hinter der Kleinstadt durch eine anmutige Hügellandschaft. Im Juli leuchtet das Blattgrün der Wälder unter blauem Himmel. Nach etwa zehnminütiger Fahrt erreiche ich mein Ziel: Sturisi. Inmitten von Wiesen und Wäldern befindet sich eine Art Dorf. Die betagten Häuser scheinen nur teilweise bewohnt. Zwischen kleineren Holzbauten ragen zwei größere Steingebäude aus dem Jahr 1935 hervor. Obwohl einiges renovierungsbedürftig erscheint, wirkt das Areal idyllisch und friedlich. Vor dem Hauptgebäude sehe ich einige Senioren, die in Rollstühlen sitzen, an der Wand sind einige Rollatoren platziert. Vor einem neueren Holzpavillon parkt ein Krankenwagen. Ein jüngerer Bewohner empfängt mich freundlich und offenherzig. Er hört mit seinem Handy Radio und zeigt mir das Gelände. Es fällt mir schwer, ihn mit gängigen Bezeichnungen einzuordnen. Manche würden ihn „psychisch krank“ nennen. Dabei bezweifeln Psychiatriekritiker, ob die Psyche überhaupt wie der Körper `erkranken` kann. In neueren Psychiatriebüchern ist von „psychischen Störungen“ die Rede. Wie dem auch sei: Menschen, die hier leben, haben offenbar Schwierigkeiten, mit dem Alltag zurechtzukommen. Im Dorf Sturisi erhalten sie eine Auszeit, wenn Verwirrung und Erregungszustände die Betroffenen und ihre Angehörigen überfordern. Mein Sturisi-Empfangsmann führt mich zu einem renovierten Holzhaus. Am Eingang steht „Podniecība”, also „Töpferei“. Gottfried Bielenstein begrüßt mich freundlich.

Gottfried Bielenstein in Sturisi an der Töpferscheibe, Foto: LP

 

Mit Celler Hilfe

Ich betrete einen frisch renovierten Innenraum mit hellen Wänden. Auf einem langen Werktisch steht frisch geformter Ton. Türen führen zum Bad, zum Schlafzimmer des Gastgebers und zum kleinen Gästezimmer. Die Werkstatt ist erst seit März in Betrieb, noch befinden sich nicht alle Geräte und Materialien an ihrem endgültigen Platz. In einem Holzgerüst in der Ecke steht das auf der Töpferscheibe geformte und glasierte Tongeschirr: Braune und grüne Tassen, Krüge und Vasen, einige mit Mustern verziert. Töpfermeister Bielenstein hat den großen runden Ofen eingeschaltet. Auf einem Pfeiler ist die digitale Temperaturanzeige angebracht. Der Ton wird zunächst bei 910°C, dann nochmals mal bei 1120°C gebrannt. Danach kann man die gebrannten Gefäße als Geschirr verwenden. Der chromfarbene Behälter muss stundenlang abkühlen. Erst dann darf er geöffnet werden. Der elektrische Brennofen war die kostspieligste unter den Anschaffungen, die Gottfried Bielenstein für seine Werkstatt benötigte. Im letzten Jahr begann er, Geld zu sammeln, um in Lettland ehrenamtlich mit Behinderten zu arbeiten. Er hatte sich an die Deutsche Botschaft in Riga gewandt. Diese vermittelte ihm den Kontakt zu diesem Heim, das vom kurländischen Roten Kreuz betrieben wird. Die Kurländer zeigten Interesse an Bielensteins Vorschlag. Das Betreuungspersonal möchte den Bewohnern reizvolle und abwechslungsreiche Beschäftigungsmöglichkeiten und Therapien bieten. „Als dann der Kontakt mit dem Roten Kreuz hergestellt war, begannen meine Überlegungen. Eine Töpferscheibe hatte ich noch, aber einen Brennofen musste ich mir besorgen. Material war auch vorhanden. Ein Ofen allein aber kostet 3000 bis 8000 Euro. Wo sollte das Geld herkommen? Das musste gesammelt werden.“ Als Vorteil stellte sich heraus, dass die kurländische Rote-Kreuz-Zentrale, die sich ebenfalls in Sturisi befindet, Partner in Celle hat. „Das erleichterte mir das Geldsammeln, denn ich hatte keine Lust, einen Förderverein zu gründen, um ein Spendenkonto einrichten zu dürfen. Deshalb schrieb ich nach Celle, ob mir das dortige Rote Kreuz ein solches Konto führen könnte. Nach einer gewissen Zeit luden mich die Celler ein. Sie wollten sich darüber informieren, was ich vorhabe. Ich hatte den Eindruck, dass sie wissen wollten, was ich für ein Typ bin. Sie haben sich darauf eingelassen und eröffneten das Konto. Im Mai letzten Jahres ging es los – die Spenden gingen nicht rasant ein, doch es wurde mehr, als ich mir vorgestellt hatte. Ich dachte an Summen von 20 bis 50 Euro. Die gab es auch. Aber die Mehrzahl der Spenden betrug eher 500 Euro. Das hat mich sehr berührt, das fand ich toll.“

Krankenwagen mit Hinweis auf Celler Spende

Das Rote Kreuz in Celle stiftete den Letten diesen Krankenwagen, Foto: LP

Ein ideologisch unverdächtiges Handwerk

Gottfried Bielenstein ist schwer gehbehindert und leidet an einer Krebserkrankung. Der Grad seiner Behinderung beträgt 90 Prozent. Er ging zwei Jahre früher in Rente. Die Wahl des Töpferberufs erklärt er mit seiner DDR-Biographie: „Das war sicher eine Notlösung im Osten. Im Westen wäre ich kein Töpfer geworden, sondern hätte das studiert, was mir Spaß macht, z.B. Kunstgeschichte oder Archäologie. Aber vielleicht wäre ich dann seit Jahrzehnten ein unglücklicher Arbeitsloser. Das Töpfern war in der DDR eine Art Rückzugsmöglichkeit. So konnte ich selbstständig arbeiten.“ Der Sohn aus einer Pfarrerfamilie, der den Kriegsdienst verweigerte, war den DDR-Behörden verdächtig. Seine Absicht war es, sich in einer abgelegenen Region allem Politischen und Ideologischen zu entziehen. Er erlernte das Töpferhandwerk, ein Studium wurde ihm ohnehin verwehrt: „Dass man sich völlig vor der Stasi schützen kann, erwies sich als Illusion, wie sich nach der Wende herausstellte.“ Selbst in der Provinz war der Handwerker vor Spitzeln nicht sicher. Über ihn wurde eine Stasi-Akte geführt. Dennoch erinnert er sich gern an sein Leben in der Provinz: „Wir haben in einem sehr kleinen, sehr schönen Dorf, abgelegen in Mecklenburg, gelebt.“ Dort baute er eine private Töpferei mit mehreren Angestellten auf. Er konnte bis zum Mauerfall von den Produkten, die auf seiner Töpferscheibe entstanden, recht gut leben. Doch in der kapitalistischen Wirtschaft rentierte sich sein Gewerbe kaum noch: „Nach der Wiedervereinigung konnte ich den Betrieb kaum noch halten, ich hielt noch bis 2001 durch. Es war für mich klar, dass ich unbedingt Töpfer bleiben wollte. Ich konnte nur noch im sozialen Bereich etwas finden.“ Eigentlich wollte er niemals aus Mecklenburg wegziehen. Doch eine neue Liebe änderte sein Leben. Seine zweite Ehefrau arbeitet als Restauratorin im Schloss Sanssouci. Er suchte nach Stellen in Berlin und Umgebung. „Dann fand ich erstaunlicherweise sehr schnell das Angebot einer großen Berliner Werkstatt für psychisch kranke Menschen, der Union Sozialer Einrichtungen mit inzwischen 800 Behinderten, die in ganz unterschiedlichen Werkstätten arbeiten. Die Töpferei existierte innerhalb der Fördergruppe, dem Bereich der schwächsten Mitarbeiter. Diese habe ich 12 Jahre lang geleitet.“

Holzhäuser im Grünen

Das Areal von Sturisi, Foto: LP

Ohne Druck arbeiten

Eine junge Bewohnerin von Sturisi, der nichts Krankhaftes anzumerken ist, verziert in der vereinbarten Arbeitszeit am Werktisch Krüge und Gefäße. Sie zeigt Talent, den einmal gebrannten Ton mit Mustern zu bekleben. Andere kommen und fragen, wann der Ofen geöffnet wird. Für die Töpfer-Riege ist es stets ein spannender Augenblick, wenn sie die Ergebnisse ihrer Arbeit in die Hand nehmen kann. Gottfried Bielenstein betreut hier derzeit sieben Heimbewohner. Sie verzieren oder bemalen den Ton oder formen das feuchte Material mit der Hand. An die elektrische Töpferscheibe, die Königsdisziplin, wagen sich bislang nur zwei von ihnen. Besuch aus Talsi erscheint. Die Töpferwerkstatt ist schon allenthalben bekannt. Eine Informatik- und Englischstudentin möchte das Modellieren auf der Scheibe erlernen. Gottfried Bielenstein demonstriert, wie er in wenigen Minuten einen Tonklumpen zu einem Krug formt. Man ahnt, dass das, was seine nassen Hände scheinbar mit Leichtigkeit gestalten, jahrzehntelang geübt ist. Als Betreuer von Menschen mit psychischen Problemen benötigt er zudem psychologisches Gespür. Als er in der Berliner Behinderteneinrichtung erstmals solche Menschen betreute, war er verunsichert. Wie würden seine Klienten reagieren? Würden sie aggressiv werden? „Man muss sich dann erst mal in die Leute hineindenken. Das war für mich zunächst unbekannt, ich war auch etwas ängstlich, klar. Wirkliche Aggressionen habe ich nicht erlebt – alles andere schon, von antriebslos bis überaktiv.“ Überaktiv sind die Ideenflüchtigen, die vieles beginnen, aber nicht fertigstellen. Andererseits zeigen manche, die sich in der Arbeitstherapie befinden, großes Talent und Geschick. Aber sie sind häufig zu depressiv und antriebslos, um etwas herzustellen. „Das ist manchmal so schade. Ich hatte jemand, der war wirklich begabt. Er war ausgebildeter Porzellanmaler. Wenn er Lust hatte, klappte alles wunderbar. Aber er hatte oft eben auch keine Lust. Die Pünktlichkeit und das Durchhaltevermögen waren ein Problem. Die wenigsten mussten acht Stunden am Tag arbeiten. Die meisten arbeiteten vier bis sechs Stunden. Für einen Porzellanmaler war so eine Werkstatt eigentlich optimal. Dort konnte er das machen, was er gelernt hatte, ohne dem üblichen Arbeitsdruck einer kommerziellen Werkstätte ausgesetzt zu sein.“ Dies ist wohl der entscheidende Vorzug solcher Rückzugsorte. Auch die Bewohner von Sturisi erleiden keinen Druck. Sie können selbst bestimmen, womit sie sich beschäftigen und wieviel sie arbeiten wollen. Hier müssen sie nicht den Erwartungen entsprechen, denen sie im Alltag oftmals ausgesetzt sind.

 

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Fortsetzung folgt

 

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