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Münster, 23.10.2018
Lettland: Im Land der Ahnen - Gottfried Bielenstein töpfert im sozialen Betreuungszentrum von Sturisi in Kurland, Teil 2 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 28. August 2014 um 00:00 Uhr

Sturisi-Hinweisschild aus Holz

Link zum ersten Teil

Wieso wollte Gottfried Bielenstein gerade in Lettland eine solche Werkstätte einrichten? Ein Grund klingt in lettischen Ohren zunächst wenig sympathisch: „Meine Grundüberlegung war: Bevor ich sterbe, möchte ich ordentlich Russisch sprechen. Eigentlich wollte ich dafür noch an die Uni gehen, um diese Sprache richtig zu studieren. Doch mein Orthopäde empfahl mir: `Gehen Sie doch lieber in das Land, wo es gesprochen wird, dann lernen Sie es viel schneller.` Es lag natürlich auf der Hand, nach Russland zu gehen. Das ist aber administrativ unglaublich schwer. Ich habe dort auch keine Behinderteneinrichtung gefunden. Russische Sozialarbeiter haben mir gesagt: `Wir haben nicht die Einrichtungen, die du suchst.` Da dachte ich: `Okay, Lettland liegt mir viel näher am Herzen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung spricht Russisch, ich weiß, dass die Letten darüber nicht glücklich sind, aber es ist so.`“ So machte der Slawophile zur Bedingung, in Lettland eine Einrichtung zu finden, wo er mit dem Personal und den Bewohnern sich auf Russisch verständigen kann. Seine neuen Kollegen von Sturisi waren einverstanden.

An der Zufahrt nach Sturisi, Foto: LP

 

Mit Großfamilie Bielenstein auf Tour

Mit fast allen Betreuerinnen und Bewohnern kann er sich hier in seiner Lieblingssprache unterhalten. Trotzdem lernt er nun auch Lettisch, spricht bereits erste Sätze in der neuen Fremdsprache. Das Russische ist nicht der einzige und nicht der wichtigste Grund, weshalb er Lettland wählte. Seine Vorfahren stammen von hier. Zu ihnen gehört der bekannte Erforscher lettischer Sprache und Kultur, August Bielenstein. „Vier Generationen meiner Vorfahren haben in Kurland gelebt. Mein Vater ist noch hier geboren. Das Land ist mir von Kindheit an durch Erzählungen vertraut.“ Bereits 1989, also noch zur Sowjetzeit, reiste er ins Land seiner Ahnen: „Unser Aufenthalt war beschränkt. Wir durften nicht überall hin. Doblen, den Ort meiner Vorfahren, durften wir keinesfalls besuchen. Wir durften damals außer Riga nur Rundale und Sigulda besichtigen. Seitdem haben wir Freunde in Riga. In den 90er Jahren war mir das Reisen aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich. Aber 2005 habe ich mit meiner jüngsten Schwester und meiner Frau eine Radtour durch Kurland unternommen. Das war sehr schön. Damals war im Rigaer Mentzendorffhaus die Ausstellung über meinen Großonkel Siegfried Bielenstein zu sehen. Im Jahr 2007 war der 100. Todestag meines Urgroßvaters August. Ihn zu Ehren fand eine wissenschaftliche Konferenz statt und in Doblen wurde sein Denkmal eingeweiht. Dort hat sich dann die Großfamilie getroffen. Anschließend sind wir gemeinsam durch Estland und Lettland gefahren. Das war spannend, die Orte zu besichtigen, die mit dem Namen Bielenstein verbunden sind. Spannend war auch, mit Cousins und Nichten zweiten und dritten Grades zusammen zu sein und sie für längere Zeit zu erleben. Ich denke mir, so eine Großfamilie ist auch ein Spiegel der Gesellschaft. Es ist alles drin: Von arm bis reich, von links bis rechts – unglaublich.“ Gottfried Bielenstein schätzt den Blick aus dem Fenster. Wild wachsende Kräuter, Blumen und Gebüsch leuchten, als ob ein Gärtner diese Pracht gepflanzt hätte. Er fühlt sich äußerst wohl an seiner neuen Wirkungsstätte. Auch im nächsten Jahr wird seine Frau, die in Potsdam lebt, viele Monate auf ihn verzichten müssen. „Das ist auch eine Folge meiner DDR-Biographie. Es ist ein bisschen nachgeholte Jugend. Das, was ich jetzt mache, macht man normalerweise mit 16 oder 17. Man geht ein Jahr ins Ausland, lernt eine Sprache, bewegt sich in einem anderen Kulturkreis. Das war in der DDR nicht möglich, aber das wollte ich schon gerne nachholen.“

Gottfried Bielenstein sitzt am großen Brennofen

Gottfried Bielenstein am Brennofen, Foto: LP

Ruhe in idyllischer Natur

Gottfried hat die Heimleiterin Anita Boitmane über meine Anwesenheit informiert. Sie kommt in die Werkstatt, um meine Fragen zu beantworten. 95 Bewohner befinden sich in den Mehrbettzimmern auf mehreren Etagen. Die meisten sind ältere Invalide mit Demenzerkrankungen oder geistigen Behinderungen. Aber auch jüngere Menschen mit psychischen Störungen werden aufgenommen. Wöchentlich kommt ein Psychiater. Nach Aussage von Boitmane sind die Plätze begehrt. Der Aufenthalt in Sturisi ist für viele Bewohner Endstation, da sie keine Angehörigen haben oder keine Möglichkeit, anderswo zu bleiben. Das Areal war einst ein Leprosorium. Seit 2009 dient es als soziales Betreuungszentrum. Es wird vom Sozialministerium, der Stadt Riga, weiteren Kommunen und einigen privaten Geldgebern finanziert. Das Geld ist allerdings für notwendige Renovierungen zu knapp. Die Bauten sind veraltet. Ein Aufzug fehlt, um Personen im Rollstuhl zu transportieren. Auf den Mehrbettzimmern kann, wie in den meisten lettischen Einrichtungen dieser Art, die Intimsphäre kaum gewahrt werden. Aber die Betreuerinnen kümmern sich intensiv um die Betroffenen und machen viele Angebote, den Tag zu gestalten und zu strukturieren. Zu den Aktivitäten gehören Gartenarbeit, Computerspiele, Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen, Bastel-, Mal- und Zeichenarbeiten und Korbflechten, Theaterspielen und Ausflüge. „Ein Vorteil des Ortes ist die Ruhe in idyllischer Natur. Jeder benötigt Phasen der Ruhe. Andererseits können die Bewohner viel unternehmen, sie können Geschäfte besuchen, zu Angehörigen fahren.“

Tongeschirr aud der Töpferei Sturisi

Produkte der Töpferei Sturisi, Foto: LP

Töpferei als Attraktion

Zu diesen Angeboten gehört neuerdings auch Gottfried Bielensteins Werkstatt, die Besucher aus dem ganzen Land anlockt. „Die Werkstätte wurde zum touristischen Besichtigungsobjekt. Viele wollen sehen, wie sie eingerichtet ist und wie Gottfried arbeitet. Das ist schon eine Art Visitenkarte für unsere Institution. Solch eine Töpferei ist ein recht exklusives Angebot, über das vergleichbare lettische Einrichtungen nicht verfügen. Den Bewohnern gefällt es. Am Anfang befürchteten sie, dass sie die Tätigkeit in der Werkstatt überfordern könnte. Doch diese Angst haben sie verloren und nun gehen sie gern zu Gottfried. Auch solche Tätigkeiten bieten die Chance, die Behinderten in die Gesellschaft zu integrieren.“ Bis im Frühjahr blieb unklar, ob von lettischer Seite genügend Geld aufgebracht werden konnte, um das Holzhaus für die Werkstatt herzurichten. „Gottfried glaubte nicht daran, dass wir die Summe zur Renovierung aufbringen können. Doch als er Ende März kam, konnten wir ihm das renovierte Haus präsentieren. Noch haben wir Schulden, doch wir hoffen, mit Gottfrieds Hilfe diese zu begleichen.“ Noch fehlen 7000 Euro, um den Kredit für die Renovierung zurückzuzahlen. Gottfried macht sich auch Gedanken über den weiteren Betrieb. Er wird eine Nachfolgerin einarbeiten und hofft, langfristig die Betriebskosten seiner Werkstatt mit dem Verkaufserlös des Hergestellten bezahlen zu können. Zwischen Gottfried und seinen lettischen Kollegen ist das Verhältnis recht herzlich: „Wir arbeiten sehr gern mit Gottfried zusammen. Mein Wunsch wäre es, wenn er für immer hierbliebe. Aber er hat Frau und Familie, so dass wir ihn nur zeitweise zur Verfügung haben. Hier hat er einen richtigen Wohnort gefunden und wir freuen uns, wenn er hier ist.“


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Verwendungszweck: Rotes Kreuz Töpferei Lettland


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