logo
Münster, 16.8.2017
320 Jahre Mentzendorff-Haus PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 22. Oktober 2015 um 00:00 Uhr

Feinkost von Rigas Sünderstraße

Mentzendorff-ReklameIn der Nähe des Schwarzhäupterhauses gelegen wirkt das ehemalige Geschäft der Familie Mentzendorff etwas unscheinbar. Doch fasst man die spitz ragende Giebelseite mit der Kranvorrichtung und die barocke Fensterpracht ins Auge, erkennt man die Besonderheiten des Gebäudes, eines der ältesten Wohn- und Geschäftshäuser der Stadt. Reizvoll ist auch seine Adresse: Grēcinieku iela 18 – die Sünderstraße 18. Wer sich nun Hoffnungen macht, hier pikante Verstöße gegen das sechste biblische Gebot zu vernehmen, den muss dieser Artikel leider bitter enttäuschen. In diesem Etablissement wurde nicht im auffälligen Maß Ehebruch betrieben, sondern exklusiv Speis und Trank wie Schokolade und Kaffee feilgeboten, also leibliche Reizmittel, die schon für unter 18jährige legal zu erwerben sind. Das Haus, das heute Museum und deutsch-lettische Begegnungsstätte ist, diente in seiner langen Geschichte verschiedenen Zwecken. Daran erinnerten Ilona Audere, Leiterin des Mentzendorffhauses, und Nora Rutka, Geschäftsführerin des deutsch-lettischen Kulturvereins Domus Rigensis, der hier sein Büro hat. Sie organisierten mit vielen Helferinnen und Helfern die Jubiläumstage zum 320jährigen Bestehen. Am 14.10.2015 informierten Referenten über die Geschichte des Gemäuers, am Tag darauf konnten sich Besucher an den Köstlichkeiten berauschen, wie sie einst in diesen Räumen verkauft wurden.

Mentzendorff-Reklame, Foto: LP

 

Schweizer Schokolade und hochprozentiger Kümmel

Am ersten Tag informierten Referenten verschiedener Fachgebiete über die Geschichte des Hauses und der Stadt Riga. Anna Ancāne zeigte Bilder und Gemälde aus dem 17. Jahrhundert. Damals war die Baltenmetropole von einer barocken Festungsmauer in Zitadellenform umrandet. Reisende lobten die städtische Architektur. Die Wohnhäuser im klassizistischen Stil hatten niederländische Vorbilder. Blumengirlanden zierten ihre Eingänge. An der Fassade des Dannensternhauses von 1696, am südlichen Ende der Altstadt gelegen, sieht man noch solche Einflüsse. Auch das Mentzendorffhaus wies einmal barocke Verzierungen auf, sie wurden nach dem Krieg nicht erneuert. Audere erinnerte daran, dass das Gebäude vielen Zwecken gedient hat. Jürgen Helms stellte hier zunächst Glasware her. Heutzutage ist der Keller einer Ausstellung historischer Gläser gewidmet. Das Museum kooperiert mit Künstlern, die im tiefen Gewölbe ebenso edle wie zerbrechliche gläserne Kleinode herstellen. Sarmīte Pijola sprach über die Zeit, als sich ab 1723 im Parterre eine Apotheke befand, die renommierte deutschbaltische Chefs hatte. Zu ihnen zählt Wilhelm Deringer, der sein Geschäft nach der Übernahme 1837 „Hirsch-Apotheke“ nannte. Trotz ihrer Lage an einer Sünderstraße war es eine feine und teure Adresse im Zentrum städtischer Macht und kaufmännischen Wohlstands. Pharmazeut Deringer hatte ein umfangreiches Interesse an Physik und Chemie, arbeitete als Lehrer, gründete mit anderen einen naturwissenschaftlichen Verein und publizierte Artikel. Für seine Nachfahren wurde das Geschäft aber immer schwieriger. Die Industrialisierung bedeutete das Ende der traditionellen Apotheke, in der Heilmittel weitgehend selbst hergestellt wurden. Ende des 19. Jahrhundert waren Medikamente aus Fabriken billiger zu haben. Die Deringers verkauften das Haus 1902 an die Kaufmannsfamilie Mentzendorff. Fortan bestimmte nicht Gesundheit, sondern Genuss das Angebot. Audere zeigte Beispiele für die zahlreichen Zeitungs-Inserate, mit denen die Kaufleute von der Sünderstraße zu ihrer edlen Ware lockten: Kaffee, Kakao, Schweizer Schokolade und der Mentzendorff-Kümmel, den die Verwandtschaft herstellte, kein verzehrbares Gewürz, sondern ein hochprozentiger Likör, der heute noch nach Originalrezept im französischen Samour produziert wird.

Mentzendorffhaus von außen

Das Mentzendorffhaus in der Nähe des Rathausplatzes, Foto: LP

Eine Kommunalka der Spitzenklasse

Die sogenannte „Umsiedlung“ von 1939, als die Nazis die Deutschbalten „heim“ ins großdeutsche Reich, also erstmal ins Wartheland holten, bedeutete auch das Ende des Mentzendorff-Geschäfts. Architekt Peteris Blūms, eine Art Pate des historischen Gemäuers, zeigte Fotos vom Rathausplatz aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs: Während viele Gebäude der Umgebung, unter ihnen das Schwarzhäupterhaus, zerstört wurden, blieb das Mentzendorffhaus beinahe unbeschädigt. Juris Pavlovič, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Sowjetzeit zu entmythologisieren, brach mit einigen beliebten Klischees. Die "Kommunalka" beispielsweise ist heutzutage als sowjetische Zwangs-WG verrufen. Pavlovič beschrieb sie als Wohnform, die für Rigas Unterschicht durchaus eine Verbesserung bedeutete. Diese habe nach seiner Auffassung noch in der Ulmanis-Zeit in schlimmeren Verhältnissen gehaust. Sie erhielten nun Räume in einer Patrizierwohnung, in der sie sich Küche und Bad mit fremden Nachbarn teilen mussten. Pavlovič schätzt, dass in der Nachkriegszeit ein Drittel aller Wohnungen der Innenstadt Kommunalkas waren. Auch im Mentzendorffhaus wurden Wohnungen eingerichtet. Pavlovič betonte den privilegierten Status der Anwohner der Sünderstraße 18: Sie waren verdiente Mitarbeiter der Lettischen Eisenbahn, die hier keine der üblichen Kommunalkas, sondern eine bessere Wohnung mit eigenen sanitären Einrichtungen vorfanden. In der Stalinzeit seien Eisenbahner nach Armee-Angehörigen und Tschekisten die einflussreichste Gruppe der Lettischen SSR gewesen, eine Art Elitetruppe, die Zweidrittel aller Handelsgüter transportierte. Lettlands Verkehrsnetz sei in den sechziger Jahren beachtlich gewesen, das Transportsystem habe besser als in den USA funktioniert. Mit der Zeit wurde dann das Wohnen an der Sünderstraße unattraktiv. Das Haus stand leer, Verfall drohte, bis Ende der 80er Jahre die Restaurierungsarbeiten begannen.

Historisches Inventar

Historisches Inventar im Haus, Foto: Domus Rigensis

Internationale Beziehungen

Nach dem lehrreichen ersten Teil, folgte am nächsten Tag der vergnügliche zweite. Das Parterre des Hauses verwandelte sich nochmals in ein Geschäft. Verschiedene Hersteller der feinen Kost, die mit dem Namen Mentzendorff verbunden sind, verwöhnten die Besucher gratis mit Konfekt, Gebäck, Likören und Kaffee. Die Damen des Hauses präsentierten sich zur Feier des Tages im Schick historischer Kleider. Schülerinnen der Emīls-Dārziņš-Mittelschule übernahmen das musikalische Begleitprogramm. Die internationale Begegnungsstätte findet auch in der Diplomatie Beachtung. Das Haus steht nicht nur für deutsche, sondern auch für niederländische und schweizerische Beziehungen. Für die Niederlande sprach der Botschafter Pieter Jan Langenberg, für die Schweizer Vertretung Dominique Peter und für die deutsche Botschaft Christoph Klarmann ein Grußwort.

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||