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Münster, 24.6.2017
Familienforscherin und Rechercheurin Agnese Lūse PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 03. Dezember 2015 um 00:00 Uhr

Entdeckungsreisen in Kirchenbüchern und Seelenrevisionen

Lettischer Ort

Der lettische Ort Dobele. Die persönlichen Geschichten zu den alten Orten zu ermitteln ist Agnese Lūses Auftrag, Foto: Ints Lūsis

Die Anfrage eines bekannten deutschen Filmregisseurs brachte die lettische Germanistin Agnese Lūse auf eine berufliche Idee: Im Auftrag anderer Leute die lettische und deutschbaltische Geschichte erkunden. Nun recherchiert sie für Nachfahren von Verwandten, die einst in Lettland gelebt haben und ermittelt deren Herkunft und Geschichte. Leute aus Lettland, Deutschland und aus aller Welt gehören zu ihrer Kundschaft. Sie recherchiert über Ahnen von Letten, Deutschbalten und Juden. So lernt sie die persönlichen Geschichten aus unterschiedlichen Epochen kennen. Dabei hält gerade das 20. Jahrhundert viele traurige Kapitel bereit. Agnese Lūse lernt sie in Gesprächen mit Zeitzeugen oder in den Dokumenten und dem Fotomaterial der Archive kennen. Mit der Lettischen Presseschau sprach sie über ihre Arbeit.

 

Wer sind deine Kunden?

Recht verschiedene Leute. Zunächst einmal die Nachkommen ausgewanderter Letten. Viele von ihnen haben Eltern, die am Ende des Zweiten Weltkriegs ausgewandert sind. Andere haben Angehörige, die noch früher emigrierten, z.B. Urgroßeltern, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg oder in den zwanziger Jahren das Land verließen. Ich denke da an einen lettischen Schiffsjungen, der um 1900 in Australien seinem Kapitän entlief. Er war ein unehelicher Sohn und sah für sich in seiner Heimat keine Zukunft. Ein anderer junger Mann floh nach Amerika. Er hatte sich an der Revolution von 1905 beteiligt und wurde von der Polizei gesucht, so dass er entkommen musste. Die meisten Nachfahren von Exilletten sprechen kein Lettisch mehr, dennoch interessieren sie sich für die Herkunft ihrer Ahnen. Eine andere Gruppe sind hiesige Letten, häufig Freunde und Bekannte, die in ihrer Ahnengalerie nicht über ihre Großeltern hinausgekommen sind. Dann gibt es Interessenten aus Deutschland, Skandinavien, Polen, den USA oder Australien. Sie sind keine Nachfahren von Letten, sondern von Deutschbalten oder Juden, die früher auch in Lettland gelebt hatten. Ich denke da z.B. an eine junge Polin, deren Eltern um 1900 aus Litauen nach Liepāja gekommen sind. Sie arbeitete auf der Schiffslinie Liepāja-New York in den 20er Jahren. Sie verließ das Schiff in den USA für immer. Dort sah ihre Zukunft wahrscheinlich besser aus als in der gerade gegründeten, armen Republik Lettland.

Kirche in Lettland

Kirche in Bauska. Die Verzeichnisse der Kirchen sind eine wichtige Informationsquelle für die Ahnenforschung, Foto: Ints Lūsis

Suchen alle Kunden ausschließlich Informationen über ihre verstorbenen Angehörigen in Lettland oder haben sie auch andere Wünsche?

Die „einheimischen“ Letten sind mehr interessiert, die Familiengeschichte vor dem 20. Jahrhundert kennenzulernen. Wir haben ja alle irgendwelche Legenden und Erzählungen von den Urgroßeltern oder Ururgroßeltern. Man will diese überprüfen oder einfach etwas mehr erfahren. Man ist neugierig, aus welchen Gemeinden die Vorfahren gekommen sind. Man will die Häuser, Kirchen und Ortschaften besuchen, wo diese mal getauft wurden, gelebt und geheiratet haben. Ich glaube, es ist eigentlich eine tolle Art und Weise, wie man das eigene Land neu entdecken kann – eine Reise auf den Spuren der Ahnen lässt ja die Orte mit anderen Augen betrachten.

Bei den Nachfahren der sogenannten „Exilletten“, die am Anfang noch glaubten, in ihr Heimatland zurückzukehren – jener, die während des Zweiten Weltkriegs emigrierten – bin ich manchmal erstaunt, wie völlig zerrissen die Familienverbindungen sind. Da sind viele, die gar nichts mehr über das Leben ihrer Eltern in der Zwischenkriegszeit wissen! Die Zeit, die für mich fast wie „gestern“ klingt, ist für sie eine dunkle Vergangenheit, von der die Eltern praktisch nichts erzählt haben. Das Verlassen der Heimat erwies sich tatsächlich bei vielen damaligen Flüchtlingen als ein derart großes Trauma, dass sie sich daran nicht erinnern mochten. Sie wollten einfach ein neues Leben anfangen und deswegen erzählten sie nichts. Andere hatten Angst um ihre in der Sowjetunion verbliebenen Verwandten und schwiegen deswegen. Und natürlich haben die Menschen nicht so viel Interesse an ihrer Familiengeschichte, solange sie jung sind. Wie viele Male habe ich gehört, dass sich die Leute eingestanden, dass sie erst dann begannen sich Fragen zu stellen, als die Eltern gestorben waren… Von dieser Gruppe bekomme ich oft den Auftrag, Verwandte zu finden - und das ist auch häufig gelungen.

Die Kunden, die keine lettischen Vorfahren haben, möchten mehr über ihre Familiengeschichte in Lettland erfahren. Sie besuchen gerne Lettland und möchten dann auch die Ortschaften sehen, wo ihre Verwandten gelebt haben. Sie wollen wissen, wie das Leben damals hier war. Auch das ist eine Art Bildungs- oder Zeitreise.

Bauernkate in Lettland

Herbststimmung in Lettland. V.-Plūdonis Museum im Kreis Bauska, Foto: Ints Lūsis

 

Über welche Epoche musst du am meisten recherchieren?

Ich denke über das 19. Jahrhundert. Erst am Anfang des 19. Jahrhunderts erhielten die meisten Letten Familiennamen und bis in diese Zeit zurück kann man lettische Familiengeschichten recht gut erforschen. In manchen Glücksfällen findet man Informationen noch aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Noch früher ist das für Letten eigentlich unmöglich. Die Letten waren ja Leibeigene ihrer deutschbaltischen Herren mit ziemlich begrenzter persönlicher Freiheit. Deshalb durften sie ihren Lebensort nicht wechseln. Die Identifikation mit Familiennamen war daher nicht wichtig. Man gab ihnen einen Vornamen und einen Hausnamen, manchmal wurde auch der Name des Vaters benutzt. Erst nach der Aufhebung der Leibeigenschaft und freien Wahl des Wohnorts galt diese Identifizierungsart nicht mehr. Damals, ab 1826, schrieb die zaristische Regierung vor, dass alle einen Familiennamen annehmen müssen. Davor wurden in den Kirchenbüchern meistens nur die Deutschen registriert. Zwar wurden auch Letten in der Kirche getauft und verheiratet - aber darüber ein Register zu führen war nicht obligatorisch. Erstmals ließ die schwedische Regierung in Livland (also in einem Teil des heutigen Lettlands) Ende des 17. Jahrhunderts solche Register führen. Einige Kirchenbücher lettischer Gemeinden stammen noch aus dem 17. Jahrhundert, aber wenn in einem Haus mehrere Janis oder Peters wohnten, dann ist nicht mehr identifizierbar, wer wer ist.

Aber auch das 20. Jahrhundert ist für viele ebenso mit weißen Flecken übersät. Durch Krieg und staatliche Umstürze haben viele Familien Angehörige verloren und nun versuchen ihre Nachkommen, verbliebene Rätsel zu lösen.

Seelenrevisionsliste

Seelenrevisionsliste, Foto: lvva-raduraksti.lv

 

Welchen Service bietest du den Kunden?

Ich versuche wirklich flexibel zu sein und möchte mich ihren Wünschen anpassen. Ich recherchiere das Thema, entwerfe Stammbäume, suche alte Stadtpläne und Landkarten. Ich begleite und dolmetsche, wenn jemand aus dem Ausland eine genealogische Reise unternimmt. Ich suche auf Wunsch auch lebende Verwandte auf. Das ist manchmal aber noch schwieriger, als etwas über Verstorbene zu erfahren. Die Daten der Lebenden sind ja geschützt. Trotzdem kann man über Telefon in der ziemlich kleinen lettischen Gesellschaft vieles herausfinden. Ich habe auch Kontakte in Litauen und Russland. In einigen Fällen musste ich für meine Kunden Anträge an die dortigen Archive stellen.

Für Film- oder Buchrecherchen besuche ich sehr gerne Foto- und Filmarchive, interviewe Leute und sammle Informationen zu einem bestimmten Thema, auch aus Büchern und Zeitungen. Gerade das ist für mich das Spannende, dass man auf verschiedene Weise recherchieren kann. In Zusammenarbeit mit meinem Vater biete ich einen eigenen Fotoservice an. Er macht Fotos von gewünschten Orten und kann alte Familienfotos restaurieren.

Altes Foto mit Kind

Historische Fotos aus Bildarchiven zu finden gehört zum Rechercheauftrag, Foto: siehe Bild

Du hast auch für verschiedene Filmemacher und Buchautoren recherchiert. Wer waren sie und was musstest Du machen?

Ja, am Beginn meiner Recherche-Tätigkeit stand die Arbeit für einen Dokumentarfilm. Der deutsche Filmemacher Rosa von Praunheim ist in Riga in der Kriegszeit geboren und seine Mutter erzählte ihm erst auf ihrem Sterbebett, dass er adoptiert worden war. Nun wollte er die Wahrheit über seine eigentlichen Eltern erfahren und ich hatte mir vorgenommen, ihm zu helfen. Ich blätterte monatelang eifrig durch alle möglichen Akten der Nazizeit in Riga, soweit diese hier geblieben sind. Es heisst, die Nazis hätten ihre Archive teilweise vernichtet oder nach Deutschland überführt. Es wird auch vermutet, dass ein Teil der Archive aus den besetzten Ostgebieten von den Sowjets übernommen wurden und sich heute wahrscheinlich in Russland befinden. Doch endlich hatte ich dann doch das Schlüsseldokument mit dem eigentlichen Namen des Adoptivsohnes gefunden. Später fand Rosa auch seine Verwandten und machte den Film „Meine Mütter“ darüber. Das war eine wirklich spannende Erfahrung - und seitdem hat mich die Lust am Recherchieren nicht mehr losgelassen. Bald folgte die nächste Recherche für einen deutschen Filmemacher, für Chris Kraus, der deutschbaltische Wurzeln hat. Er interessierte sich für die Tätigkeit seines Großvaters in Riga während der Nazi-Zeit. Er nutzte das recherchierte Material für eine Buchausgabe, die er nur in wenigen Exemplaren seiner Familie zur Verfügung stellte, aber vielleicht kommt in Zukunft etwas davon in seinen Filmen vor.

Es ist immer spannend, für Filme zu recherchieren. Vielleicht ist „recherchieren“ nicht das richtige Wort, es ist eher das Sammeln von Informationen speziell für Filmzwecke. Das bedeutet nicht nur historische Fakten herauszufinden, sondern auch Foto- und Filmarchive durchzuschauen. Für einen Kurzfilm der Österreicherin Bettina Henkel, der im Rahmen des Programms der „Kulturhauptstadt Riga“ entstanden ist, habe ich alles Mögliche über ein bestimmtes Haus in der Rigaer Altstadt gesammelt - zunächst Dokumente über den Bau und Umbau, dann Fotos und Zeitungsartikel über kleine Geschichten, die sich in der Straße ereignet haben. Dann die Geschichte der Besitzer – ihre Pässe und Familienbeziehungen, Fotos von Nachbarhäusern und Straßen. Gewiss kann das alles in einem Kurzfilm gar nicht gezeigt werden. Man sieht aber im Film Wand und Fußboden bedeckt mit Fotos und Dokumenten. Es waren keine fiktiven Dokumente, sondern tatsächlich alles das, was wir mit dem wunderbaren Rigaer Altstadtexperten, meinem Berater Gunars Armans, gesammelt hatten.

Ab und zu gibt es kleine Aufgaben, die einen Einblick in andere Welten ermöglichen. So ein Einblick in die jüngste Geschichte war die Recherche für einen Dokumentarfilm über den ehemaligen lettischen KGB-Agenten Imants Lešinskis. Er arbeitete hier in Lettland an dem so harmlos benannten „Komitee für kulturelle Verbindungen mit Auslandsletten“. Dieses Komitee war aber eigentlich eine KGB-Filiale, gegründet mit dem Ziel, Auslandletten auszuspionieren und deren antisowjetische Einstellung zu bekämpfen. 1978 wurde Lešinskis zur Mitarbeit in der sowjetischen UNO-Vertretung in die USA geschickt. Er wechselte die Seiten und lief zu den Amerikanern über. Er veröffentliche später ein Buch über dieses Kulturkomitee und starb 1985 unter ziemlich unklaren Umständen. Seine Tochter, die damals häufig bei ihm zu Gast war, blieb schließlich auch in den USA. Jetzt macht sie einen Film über ihn. Ich half ihr bei der Suche nach ehemaligen Kollegen an diesem Kulturkomitee. Kein Wunder, dass es schwierig war, welche zu finden. Und die, die man gefunden hatte, wollten nichts sagen. Für einige war Lešinskis immer noch ein Verräter. Andere haben immer noch Angst, über diese Zeit zu sprechen und wer weiß, vielleicht ist ihr Schweigegelübde immer noch in Kraft...

Rosa von Praunheim und Agnese Luse

Agnese Lūse und Rosa von Praunheim im staatlichen Geschichtsarchiv in Riga, Foto: Rosa von Praunheim

 

Wo und wie recherchierst du? Kannst du die alten deutschen Schriften lesen und verstehen?

Bei Familiengeschichten kann man jetzt einen Teil zu Hause am Computer recherchieren, weil die wichtigsten Quellen - Kirchenbücher und sogenannte „Seelenrevisionen“ (das ist eine Art Volkszählung im 19.Jh.) digitalisiert worden sind. Und was nicht digitalisiert ist, das findet man im historischen Archiv Lettlands. Das ist nun wirklich eine riesengroße Sammlung, die einen immer wieder überraschen kann. So vieles ist da noch heimlich verborgen, weil die Dokumentensammlungen nicht vollständig und präzise beschrieben sind. Die Beschreibungen sind oft noch handschriftlich, häufig auf Deutsch oder Russisch. Oft erfährt man erst beim Öffnen einer Akte, was wirklich ihr Inhalt ist, denn die Beschreibungen sind wirklich ungenau.

Mein Germanistikstudium hilft mir schon sehr dabei. Aber ebenso mein Alter in der Hinsicht, dass ich noch ein Sowjetkind bin und Russisch noch in der Schule gelernt habe. Ohne die beiden Sprachen kann man die Geschichte hier gar nicht recherchieren. Die Kirchenbücher und auch Seelenrevisionen sind auf Deutsch und ab Ende des 19. Jahrhunderts eine Zeitlang auch auf Russisch. So manches Dokument ist allerdings schwierig zu lesen, selbst wenn man die Sprache gut beherrscht. Da bin ich froh, dass der ehemalige Leiter des niedersächsischen Landesarchivs, Manfred von Bötticher, schon seit mehreren Jahren hier einen Kurs anbietet, um das Lesen alter deutscher Handschriften zu üben. Das ist wirklich eine einmalige Chance, denn sonst kann man das in Lettland nirgendwo lernen. Ich habe aufgrund dieser neuen Kenntnisse schon einige Briefe und Verträge für meine Kunden lesen können.

Kirchenbuchliste

Einträge in einem Kirchenbuch, Foto: lvva-raduraksti.lv

 

Was sind deine aktuellen Themen?

Derzeit habe ich einige Kunden, für die ich Familiengeschichte recherchiere. Außerdem bin ich an einem Buchprojekt beteiligt. Die lettische Schriftstellerin Anna Žīgure gab mir den Auftrag dazu. Die Initiative geht aber von dem Holocaustüberlebenden Edward Anders aus. Das Buch soll über Menschen erzählen, die ihr Leben riskiert haben, um andere zu retten. Es geht nicht nur um Judenretter. In Lettland waren ganz verschiedene Volksgruppen in verschiedenen Kriegs- und Nachkriegsperioden bedroht. Mit diesem Buch soll die ganze Vielfalt solcher Rettungsaktionen dargestellt werden. In der Zeit der Nazibesatzung waren Juden, Roma und entlaufene russische Kriegsgefangene die Verfolgten. Gegen Kriegsende waren das aus der deutschen Armee desertierte Letten und Flüchtlinge, die mit Booten nach Schweden gebracht wurden. Nach dem Krieg gab es wieder andere Geschichten, als man Verwandte vor den Deportationen versteckt hielt und Waldbrüder, die auf verlorenem Posten gegen die Sowjetmacht weiter gekämpft haben. Das waren dramatische Erlebnisse, von denen man die ganze Sowjetzeit über nicht reden durfte. Jetzt ist es fast schon zu spät, denn man findet nur noch wenige Zeitzeugen. In den Dokumenten liest man ja meistens über solche „Straffälle“ nichts und die Retter und Geretteten sind meistens schon verstorben. Wir versuchen trotzdem, Geschichten zu sammeln und interviewen Leute, die damals Kinder waren und auch etwas mitbekommen haben. Das Buch wird hoffentlich im nächsten Jahr erscheinen.

 

Agnese Lūses Webseite: luse-research.com (Deutsch, Englisch, Lettisch)

 

 

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