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Münster, 23.3.2017
Der besessene Waldhüter - eine lettische Sage zur Osterzeit PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 25. März 2016 um 00:00 Uhr

Der Tod eines Zauberers

Beerdigung eines Kolonisten in WolhynienVon der „Latviešu pasakas un teikas“, der umfassendsten lettischen Märchen- und Sagensammlung, die Pēteris Šmits zwischen 1925 und 1937 herausgab, sind die Bände 13 bis 15 mit deutschen Übersetzungen im Internet zugänglich. Über die Geschichte dieser Publikation hat die LP bereits berichtet. Zum Thema "Burvju nāve" (Tod der Hexenmeister) ist eine Geschichte aus Talsi überliefert. Sie zeigt den Widerstreit zwischen den alten, verteufelten heidnischen Mächten und dem neuen christlichen Glauben und warnt davor, mit der Karfreitagshostie Schindluder zu treiben.

Bestattungen halten so manche Gruselgeschichte parat, Foto: Von Unbekannt - Nikolaus Arndt: Die Deutschen in Wolhynien. Ein kulturhistorischer Überblick. Adam Kraft Verlag, Würzburg 1994, ISBN 3-8083-2016-8, S. 41, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43931283

 

Milda Mālmeistere erfuhr von dem 70jährigen O. Krustkalne in Talsi folgende Geschichte:

Einst lebte ein Waldhüter, der vom Teufel besessen war. Er war imstande, verschiedene Wildtiere herbeizurufen. Vor seinem Tod wollte er sich von dieser bösen Fähigkeit befreien und sie auf den Aufseher des Gutshofs abwälzen. Er sagte dem Aufseher, dass er an diesem Karfreitag, wenn man zum Altar gehe, die Hostie aus dem Mund nehmen und mit nach Hause bringen solle, dann würde er ihm ein Wunder zeigen. Nun gut – so tat es der Aufseher und als er von der Kirche nach Hause zurückkam, überreichte ihm der Waldhüter eine geladene Flinte und führte ihn in den Wald. Dort zeigte er auf einen Baum und befahl zu schießen. Der Aufseher schickte sich zum Schuss an, doch sogleich hob er die Flinte wieder an: Am Baum erschien das Christuskind. Der Aufseher warf die Flinte weg und rief: “Ich werde mich nicht anschicken, meinen Herrn zu töten,” und rannte, so schnell er konnte, nach Hause. Der Waldhüter war sehr erbost. Am Abend traf er den Aufseher, ließ ihn geloben, drei Nächte an seiner Leiche zu wachen. Eigentlich wollte der Aufseher dies nicht geloben, doch tat es schließlich doch. Der Waldhüter starb in der Nacht. Der Baron richtete eine prächtige Leichenfeier aus, denn der Waldhüter war sehr klug gewesen und er wollte ihm die letzte Ehre erweisen. Doch vor der Bestattung ging es nun an den Aufseher, drei Nächte zu wachen. Er nahm die Bibel, einen großen Hund und ging hinaus in die Scheune, um zu wachen. In der ersten Nacht geschah nichts, er erlaubte sich nur ein paar Späße. Die zweite Nacht verlief ebenso. Doch in der dritten Nacht gerade um Zwölf sprang mit einem riesigen Knall der Sargdeckel auf und der Gestorbene begab sich ins Weite. Aber der Hund jagte ihn zurück und danach floh der Aufseher auf den Gutshof. Der Gestorbene fluchte fürchterlich auf den Hund, dann wollte er sich auf den Aufseher stürzen, doch das gelang ihm nicht. Am Morgen wollte der Aufseher unter keinen Umständen mit den anderen Bestattern zur Scheune gehen. Aber andere redeten auf ihn ein und schließlich ging auch er mit. Sie fanden den Verstorbenen friedlich im Sarg liegend, aber der Boden war mit dem in Fetzen gerissenen Hund bedeckt. Die Träger nahmen den Sarg und wollten ihn zum Grab bringen. Dabei schlug der Sarg zufällig an einen Pfosten. Der Verstorbene im Sarg brüllte: „Aufgehalten,“ - die Träger erschraken darüber und ließen den Sarg beinahe zu Boden fallen. Man konnte beobachten, dass aus dem Sarg zwei riesige Stoßzähne wuchsen und im Sarg lag nicht mehr der Waldhüter, sondern ein großer Keiler. Die Tapfersten der Bestatter machten sich daran, die Stoßzähne abzubrechen, doch schon verwandelte sich der Keiler wieder in den Waldhüter. Hastig brachte man den Sarg zum Friedhof und beerdigte ihn. (Übersetzung: UB)

Wildschwein im Schlamm

Das besudelte Wildschwein als Verkörperung des Bösen, Foto: Von nl:User:GerardM - Image:WildZwijn.jpg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1966299

 

Varianten

Pēteris Šmits notierte laut pasakas.lfk.lv noch folgende Varianten, die aus anderen Orten überliefert sind: "Jānis Biezais schreibt aus Gulbene, dass auf dem Friedhof ein Wirbelsturm ausbrach und der Zauberer mitsamt dem Sarg am Rand der Grube erschien. Als er sich aus dem Sarg erheben wollte, eilte ein "Bog" (ein Geist) herbei und schlug ihm den Kopf ab. Man legte diesen zwischen die Beine des Hexenmeisters und begrub ihn wieder. V. Līcis hat eine Sage in Līgatne aufgeschrieben, nach der der Jude Ješka sich in der Korndarre an dem Sarg des Hexenmeisters befand. Da kam ein schwarzer Mann hereingesaust, packte den Sarg, stellte ihn vor Ješka hin und befahl: "Stich ihm die Augen aus!" Ješka floh, aber der Schwarze lief ihm mit dem Sarg nach. Plötzlich bellte ein Hund, und nun verschwand der Schwarze. J. A. Jansons aus Vandzene schreibt, dass bei der Beerdigung des Hexenmeisters ein solcher Sturm mit Regen und Hagel ausbrach, dass die meisten Leute wieder nach Hause geflohen sind. P. Š."

Lettisches Original und (andere) deutsche Übersetzung:

pasakas.lfk.lv/wiki/150310018

 

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