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Münster, 15.12.2018
Lettland: Hitzewelle kommt zurück PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 18. Juli 2018 um 00:00 Uhr

Badefreuden und ihre Schattenseiten

 Brauner RasenNach einigen Tagen der Bewölkung und schwerer Unwetter ist die Hitzewelle an die Rigaer Bucht zurückgekommen. In Dobele und Stende wurden am 17. Juli 2018 mit 30,5 bzw. 29,6 Grad neue Temperatur-Tagesrekorde gemessen. In ganz Lettland stieg das Thermometer an diesem Tag auf mindestens  27 Grad. Am heißesten war es im kurländischen Küstenort Pavilosta, wo 32 Grad erreicht wurden – allerdings war das für Pavilosta kein Rekord, denn hier wurden am 17. Juli 2010 bereits 33,3 Grad gemessen (lsm.lv). Die Letten genießen ideale Badetemperaturen. Die Ostseeküste erwärmt sich derzeit in den Nachmittagsstunden auf 23 Grad (meteo.lv), fast so warm sind die Nächte, die man bei solchen Temperaturen „tropisch“ nennt. Mit anderen Worten: Ein Traumwetter für Sonnenhungrige an baltischen Stränden - Sommer, Sonne, Sonnenschein eben. Doch wo viel Licht ist, gibt’s viel Schatten: Die Zahl jener Menschen, die in Lettland wegen Überhitzung ärztliche Hilfe benötigen, hat sich pro Tag von zwei bis drei auf 15 Patienten erhöht (lsm.lv). Lettische Landwirte rechnen nach langer Trockenheit mit Ernteausfällen (LP: hier). Jüngst meldete die Nachrichtenagentur Leta, dass auch die lettische Weizenernte um neun Prozent geringer ausfallen dürfte als im Vorjahr (lsm.lv). Der lettische Straßenbetriebsdienst appelliert an die Autofahrer, auf Schäden im Asphalt zu achten, die durch Temperaturen von über 50 Grad verursacht werden (lsm.lv). Anzeichen für die allgemeine Erwärmung?

Brauner Sommerrasen - hier nicht in Rom, sondern in Riga, Foto: LP

 

Anzeichen des Klimawandels

Nicht die einzelnen Wetterrekorde sind bedenklich, aber der Gesamttrend stimmt wenig zuversichtlich. Klimaforscher berechneten für Lettland einen Temperaturanstieg von 0,7 Grad in den letzten 50 Jahren (LP: hier). Dies ist die Periode des steil ansteigenden Rohstoffverbrauchs gerade in den westlichen Ländern (youtube.de). Lettland hängt wie alle EU-Staaten im Erreichen vereinbarter Klimaziele weit zurück. Die Vernachlässigung dieses Umweltthemas wird durch Studien begünstigt, die die Klimaveränderungen als vorteilhafte Entwicklung für die baltische Region vorhersagen und die journalistisch auf naive Weise gedeutet werden (LP: hier), im Sinne von Sommer, Sonne, Sonnenschein eben und noch größeren Ernten dazu. Von letzteren haben die Landwirte in jüngster Zeit nichts bemerkt, im letzten Herbst setzten heftige Regenfälle der Gemüseernte zu, im Juni vertrocknete ein erheblicher Teil des Getreides auf den Feldern. Das Landwirtschaftsministerium hat darauf für das ganze Land den Ausnahmezustand beschlossen. Auch in Lettland warnen inzwischen zuständige Politiker vor den klimatischen Folgen unserer Lebensweise. Für Janis Eglitis, den parlamentarischen Staatssekretär des Umweltministeriums, sind die extremen Wetterereignisse der letzten Jahre kein Zufall. „Es gab vom Regen verursachte Überschwemmungen, für die wir Kompensationsleistungen zahlten und meines Wissens zahlen wir auch weiterhin für nicht eingerichtete Schutzsysteme und dafür, dass wir darüber leider 20 Jahre lang nicht nachgedacht haben. Und das vergangene Jahr legte davon ein beredtes Zeugnis ab.“ (skaties.lv).

Badestrand an der Daugava in Riga

Badestrand an der Daugava in Riga, Foto: LP

Der Welterschöpfungstag 2018

jener EU-Länder, die kein halbes Jahr mit ihren Ressourcen auskommen würden, wenn alle Erdenbürger so leben würden wie deren Einwohner:

EU-Land

Enddatum

Platz

Luxemburg

19. Februar

2

Dänemark

28. März

9

Estland

30. März

10

Belgien

2. April

13

Schweden

4. April

15

Finnland

11. April

18

Niederlande

14. April

22

Österreich

15. April

23

Litauen

16. April

28

Lettland

20. April

30

Tschechien

20. April

31

Deutschland

2. Mai

38

Frankreich

5. Mai

39

Malta

6. Mai

40

Großbritannien

8. Mai

43

Irland

11. Mai

45

Slowenien

12. Mai

48

Polen

19. Mai

52

Griechenland

23. Mai

55

Italien

24. Mai

56

Slowakei

27. Mai

57

Spanien

11. Juni

63

Portugal

16. Juni

67

Kroatien

19. Juni

70

Ungarn

20. Juni

71

Quelle: overshootday.org

„The western way of life“ - Ein Vorbild für die Menschheit?

Gemäß den Berechnungen des Footprintnetworks verbrauchen die 42 Mitglieder der EU und der OECD, die zusammen etwa jener Ländergruppe entsprechen, die politisch zum „Westen“ gehören, deutlich mehr Rohstoffe, als dieser Planet erneuern kann. Diese Nichtregierungsorganisation bezifferte, wie lange die Ressourcen reichen würden, wenn alle Erdenbürger soviel konsumierten wie die Einwohner jener Staaten, die über ihre ökologischen Verhältnisse leben. Verbrauchte beispielsweise jeder Mensch soviel wie ein durchschnittlicher deutscher Bundesbürger, dann wäre bereits am 2. Mai des Footprint-Verbrauchsjahres Schluss und die Menschheit müsste sich nach einem anderen Planeten umschauen. Nach dem traurigen Spitzenreiter Katar liegt in dieser Negativtabelle das EU-Land Luxemburg bereits an zweiter Stelle. Überraschend schlecht schneiden skandinavische Länder ab, die doch in vieler Hinsicht ein gutes Image haben. Auch die baltischen Länder liegen weit vorn. Von den 42 Ländern der EU und der OECD überstehen 34 nicht einmal die erste Jahreshälfte, von den EU-Mitgliedern erreichen nur Rumänien und Bulgarien die zweite. Insgesamt listet Footprintnetwork 134 Länder auf, deren Einwohner pro Kopf zuviele Rohstoffe benötigen. Da dies häufig fossile Energieträger sind, hat dies auch Folgen für das Klima. Der UN gehören übrigens 193 Staaten an, der Rest der Erdenbürger muss sich mit dem begnügen, was der „Westen“ oder Staaten wie Saudi Arabien, die Vereinigten Emirate sowie Russland oder das sich rasch entwickelnde China übrig lassen.


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Nachricht des Tages (9.3.07): Lettland probt den Klima-Aufstand gegen Berlin und Brüssel

 

Externe Linkhinweise:

Youtube.de: Vortrag von Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (Club of Rome)

Youtube.de: Harald Lesch - Warum tun wir nicht, was wir tun sollen?

Youtube.de: Mojib Latif: Herausforderung Klimawandel

 

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