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Münster, 14.12.2018
18. November 2018: Die lettische Republik wird 100 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Montag, den 19. November 2018 um 00:00 Uhr

Rigaer Burg

Die Rigaer Burg, einst ein Sitz des Livländischen Ordens, ist heute Residenz des lettischen Staatspräsidenten. Zum Nationalfeiertag leuchtete ihre Fassade gen Daugava rot-weiß-rot, Foto: LP

Die Feierlichkeiten in Riga

Der Nationalfeiertag ist alljährlich ein Großereignis in der lettischen Hauptstadt. Doch diesmal, zum 100jährigen Bestehen der lettischen Republik, gab es von allen Konzerten, Kunstspektakeln, Paraden, Umzügen und zuletzt Feuerwerkskörpern noch mehr und noch Beeindruckenderes.

Am 18. November ist die lettische Republik in einem Ausnahmezustand der recht angenehmen Sorte, insbesondere in Riga natürlich. Die Einwohner können sich den ganzen Tag bei zahlreichen Veranstaltungen in Museen, Konzerthallen und den großen Plätzen der Innenstadt amüsieren und informieren – wer nicht aus dem Haus will oder kann, verfolgt die zahlreichen Live-Sendungen des Fernsehens, das schon morgens mit der Übertragung eines ökumenischen Gottesdienstes aus dem Rigaer Dom beginnt. Doch viele tausend Menschen, aus Riga, Lettland und als Gäste aus dem Ausland wollen selbst dabei sein und strömen am Nachmittag ins Zentrum. Der städtische Nahverkehr kann heute ohne Fahrschein benutzt werden, die Hauptspektakel am Ufer der Daugava und am Nationaldenkmal sind frei zugänglich.

Kalku iela

Jahrmarktatmosphäre auf der Kalku Straße vor dem russischen Theater, Foto: LP

Wer mit Bus oder Bahn in die Innenstadt fährt oder versucht, mit dem Auto einen Parkplatz zu ergattern, trifft auf eine einzige große Jahrmarktatmosphäre. Die Hauptstraßen sind für den motorisierten Verkehr gesperrt und werden von Passanten erobert. Überall begegnet man Fußgängertrauben, die sich vor den Verkaufsbuden der Souvenirhändler oder an den Imbissständen versammeln. In den Restaurants, Cafes und Kneipen ist kaum noch ein Platz zu finden, auch vor den in Dutzenden aufgereihten Dixi-Toilletten ist der Andrang groß und der der Erleichterung Bedürftige muss sich erst einmal anstellen.

Domplatz

Am 18. November auf dem Domplatz, Foto: LP

Zum 100jährigen Staatsjubiläum spielt auch die Sonne mit. Sie bietet den Tag über gemeinsam mit den Wolkenschleiern ein Farbenspiel, als wolle sie dem monumentalen Feuerwerk, das ihr zu Ehren am Abend geboten werden wird, ihre Reverenz erweisen. Im goldgelben Glanz erstrahlt die Skyline von Pardaugava, die Drahtseile der Vansu Brücke ziehen ihr Muster durch den Himmel, die Glastower glänzen, die 60 Meter hoch angebrachte Monumentalflagge weht auf dem AB Damm.

Vansu-Brücke

Die Vansu-Brücke in Riga während der Abenddämmerung, Foto: LP

Am Nachmittag defilieren 1700 Soldaten, Grenzschützer, Polizisten und Feuerwehrleute an der Tribüne des Staatspräsidenten vorbei. Die Parade wirkt inzwischen martialischer als in früheren Jahren. Die lettische Armee hat aufgerüstet und präsentiert neu erworbenes Gerät* (delfi.lv). Am nahen Kai neben der Vansu-Brücke können Interessierte auf Kriegsschiffen an Bord gehen. Großflächige Videowände zeigen Militärübungen. Die Unabhängigkeit 1918 wurde mit Soldaten errungen, deshalb hat die lettische Erinnerungskultur etwas Heroisches. Vor den Versammelten spricht der Staatspräsident, er wird am Abend am Nationaldenkmal auch die beachtetste Rede des Tages halten. Mit dem Politischen und Militärischen wird sich die LP in anderen Artikeln beschäftigen.

*ursprünglich wurden hier als Beispiele Patriot-Raketen genannt, doch diese waren eine Leihgabe des US-Militärs für diese Parade, sorry, UB

Kriegsschiffe

Kriegsschiffe am Ufer der Daugava dürfen von Jung und Alt besichtigt werden, Foto: LP

Bereits nach vier Uhr beginnt die Dämmerung, einige Fassaden sind rot-weiß-rot beleuchtet. Im Wöhrmann-Park, am Domplatz und anderen Stellen der Innenstadt locken die Installationen des Licht-Festivals Staro Riga. Vor zehn Jahren gestalteten erstmals internationale Künstler solche reizvollen Lichtobjekte an verschiedenen Orten der Altstadt. Diesmal waren 43 Lichtspiele zu sehen, als Fassadenschmuck oder in speziellen Installationen (staroriga.lv).

Staro Riga 2018

Staro-Riga-Lichtkunst im Wöhrmann-Park, Foto: LP

Politische Beweggründe hatten dereinst wohl die Nationalkonservativen, als deren radikalster Teil, die Partei Visu Latvijai, erstmals im Jahr 2003 am Nationalfeiertag einen Fackelmarsch für Karlis Ulmanis, dem Staatsgründer und späteren Diktator, organisierte. Nach Angaben der Veranstalter erreicht die Teilnehmerzahl diesmal einen Rekord: 25.000 gehen befackelt durch die Innenstadt. Doch der Zug gleicht keiner politischen Demonstration, scheint eher ein Spaß für die ganze Familie zu sein. Neben vielen lettischen, einigen estnischen und litauischen Fahnen ragt auch eine deutsche aus der Menge der Fackelträger empor. Raivis Dzintars, Mitvorsitzender der Nationalen Allianz, ist stolz darauf, dass seine Partei seiner Einschätzung nach den größten Fackelzug Europas organisiert hat (nacionalaapvieniba.lv) .

NA-Fackelmarsch

Der Fackelzug der Nationalen Allianz durch die Innenstadt, Foto: LP

Je später der Abend wird, desto mehr füllt sich die gesperrte Uferstraße an der Daugava mit Schaulustigen, bis die Straße in einem Meer aus Köpfen versinkt. Viele harren mehrere Stunden, um sich an den Ufer- und Brückengeländern einen günstigen Blick auf die Daugava zu sichern. Klaustrophobe sollten das Gelände meiden. Die Menge steht an manchen Stellen so dicht, dass niemand mehr umzufallen vermag. Auf Lettlands größtem Fluss künden etwa zwei Dutzend fest installierte Boote davon, dass hier bald etwas Besonderes geschieht. In der Zwischenzeit hallt aus mächtigen Lautsprecherboxen die Live-Übertragung vom Nationaldenkmal herüber. Man hört Blasmusik, dann die Ansprache des Staatspräsidenten, schließlich fordern die Lautsprecher um 21 Uhr zum Singen der Nationalhymne auf „Dievs, sveti Latviju!“ (Gott, segne Lettland!).

Feuerwerk1

Das Feuerwerk über der Daugava, Foto: LP

Dann wird es still, das rot-weiße-rote Licht, in dem der Glastower der Swedbank auf der anderen Seite des Ufers gerade noch erstrahlte, ist erloschen. Die ersten Leuchtraketen gleichen noch den Kanonenschlägen, wie sie einst vor 100 Jahren Rigas Bewohner erschreckt haben mögen. Doch dann wird die Menge Augenzeuge einer fantastischen Komposition aus Licht und Musik, die der ewigen Sonne gewidmet ist. Die Live-Übertragung des mehr als 20minütigen Feuerwerks ist noch im Internet zu sehen (lsm.lv). Das Feuerwerk erzählt in sechs Kapiteln mit tausenden von Feuerwerkskörpern, Scheinwerfern, die am Ufer und auf den Booten installiert sind, sowie mit haushohen Lautsprecheranlagen, die über das Ufer hinweg schallen, mit Mitteln des Lichts und der Musik die Geschichte Lettlands, vom düster-donnernden Beginn am Pardaugava-Ufer bis zu den prächtig goldweiß strahlenden Feuersträußen, die die Pracht des heutigen Festtags symbolisieren.

Feuerwerk2

Gold-weiße Sträuße zum Abschluss, Foto: LP

Diana Civle, Eriks Esenvalds, Kristaps Krievkalns, Austra Hauks, Normunds Blasans und Kalvis Kalnins haben diesen Höhepunkt des Feiertags mit ihren Mitarbeitern arrangiert. 234.999 Euro wurden dafür ausgegeben, etwa zehn mal mehr als für bisherige Feuerwerke über der Daugava. Dennoch scheint der Preis eher bescheiden angesichts dessen, was über 110.000 Zuschauer an den Ufern und noch viele weitere an den Fernsehgeräten sehen können. Auf die am Ufer Versammelten wartet allerdings ein zäher Nachhauseweg. Die Straßen Rigas sind stundenlang verstopft, in Busse und Bahnen kann man sich, wenn es überhaupt gelingt, nur noch mit Mühe und Not hineinzwängen. Die Verkehrsschlangen setzen sich erst nach langer Wartezeit in Bewegung.

Verstopfte Stra0enbahn

Verstopfte Straßenbahn nach dem Feuerwerk, Foto: LP

Doch der Bericht über die Feierlichkeiten zum 100jährigen Bestehen der lettischen Republik soll natürlich nicht mit einer Negativmeldung enden. Deshalb sei hier noch darauf hingewiesen, dass Lettland weltweit gefeiert wurde, so auch an den Niagara-Fällen, die in rot-weiß-rotes Licht getaucht wurden. (diena.lv)

Lettisches Nationaltheater in Riga

In diesem Gebäude, dem heutigen Nationaltheater, wurde am 18. November 1918 die lettische Republik proklamiert. Foto: LP.


Parlament in Riga

Auch das lettische Parlament leuchtet in den Nationalfarben, davor erzählt eine Videowand die Geschichte der Staatsproklamation, Foto: LP


An der Rigaer Burg

Zwei Zeitgenossen in Feierlaune verabschieden sich herzlich, Foto: LP
 

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