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Münster, 23.5.2019
Lettland: Neue Temperaturrekorde und Sorgen um die Luftqualität PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 27. April 2019 um 09:26 Uhr

Wärme und Trockenheit führen zu erhöhten Feinstaubverschmutzungen

Sahara-SturmNach wochenlanger Trockenheit und relativ hohen Temperaturen macht Riga nun mit Meldungen Schlagzeilen, die bislang eher über deutsche Großstädte zu lesen waren: An den Messstationen in der Innenstadt übertraf die Feinstaubkonzentration die EU-Grenzwerte und über Ostern führte eine „thermische Inversion“, eine Umkehrung warmer und kalter Luftmassen, zu besorgniserregenden Dunst- und Rauchentwicklungen. Am 26. April erreichten die Thermometer in Rucava im Südwesten Lettlands mit 26,4 Grad einen nationalen Rekordwert für diesen Tag. Auch für den 27. werden neue Wärmerekorde erwartet (lsm.lv).

Auch Staubstürme aus der Sahara können die Feinstaubbelastung in europäischen Städten erhöhen, Foto: CC BY-SA 3.0, Link

 

Rekordwert für Feinstaubbelastung

Im Frühjahr ist die Rigaer Luft besonders belastet. Schnee und Eis, die Staub und Salz bedeckten, schwinden und die verbliebenen Partikel werden an sonnigen und trockenen Tagen aufgewirbelt. In den letzten Wochen fiel auch in Lettland zu wenig Regen; das macht sich nun an den Feinstaub-Messstationen in der Rigaer Innenstadt bemerkbar, die seit 2008 im Einsatz sind. Vor und nach den Ostertagen meldete das Lettische Zentrum für Umwelt, Geologie und Metereologie (LVGMC) Rekordstände (lsm.lv).

Am Gründonnerstag zeigte die Station an der Brivibas Straße in Riga für die Höchstlänge eines Partikels von 10 Mikrometern, also 10 Millionstel Metern (PM10), 24 Stunden lang eine Konzentration von 170 Mikrogramm pro Kubikmeter, der EU Grenzwert liegt bei 50 Mikrogramm. Die Station Sliezu Straße im Hafen von Liepaja registrierte am 24. April 113,6 Mikrogramm. Zur selben Zeit übertrafen alle lettischen Messstationen, die sich neben Riga und Liepaja in den Städten Ventspils und Rezekne befinden, die WHO-Grenzwerte für die besonders lungenschädlichen PM2,5-Partikel.

Die Ursachen der Feinstaubbelastung sind vielfältig, sie sind sowohl natürlicher als auch menschengemachter Art. Saharastaub, Waldbrände und Blütenstaub können die Schadstoffbelastung erhöhen. Doch vor allem machen die LVGMC-Experten den motorisierten Massenverkehr verantwortlich, der zu 70 Prozent an der Feinstaubkonzentration in der Rigaer Innenstadt beteiligt sei. Die Verschmutzung ist an verkehrsreichen Werktagen höher als an Feiertagen. Weniger alarmierend ist bislang die Belastung mit Stickoxiden, die in Deutschland zu Dieselfahrverboten führte. Trotz vermehrter Ankäufe von Gebrauchtdieseln aus Deutschland (LP: hier) scheinen hier die Werte noch im grünen Bereich zu sein (lsm.lv).

 

Smogartiger Zustand

Über Ostern sorgten sich auf Facebook&Co. Rigas Einwohner über den beobachteten Dunst in den Vierteln, die sich in der Nähe der Daugava befinden. Das Umweltministerium nahm dazu Stellung: Eine thermische Inversion, bei der sich eine kältere Luftschicht unter eine wärmere schiebt, habe die stabile Dunstglocke hervorgerufen. Deren Wasser stammte aus der Ostsee und der Daugava. Doch das Ministerium weist darauf hin, dass sich bei dieser Wetterlage die Schadstoffe in der kälteren Luft am Boden konzentrieren und sich giftiger Rauch in den Wasserdampf mischt: „Die Rauchgase der Industrie und die Heizungen der privaten Wohnungen reichern ihn ebenso an wie der motorisierte Verkehr und sein Produkt, der aufwirbelnde Staub auf den Straßen.“ (varam.gov.lv) Das klingt nach unverkündetem Smogalarm.

 

Bislang nur reaktive Maßnahmen

Lettland ist im Visier der EU-Kommission. Bereits 2010 wurde es angemahnt, „Maßnahmen zur wirksamen Eindämmung seiner übermäßigen Feinstaubemissionen (der sogenannten PM10) zu treffen“ (europa.eu). 2016 begann sie gegen Lettland, Deutschland sowie 14 weiteren EU-Mitgliedern ein Vertragsverletzungsverfahren (google.de). In diesem Jahr sehen sich die Verantwortlichen trotz vermeldeter Rekorde noch auf der sicheren Seite, an der Station Brivibas Straße in Riga, die die höchste PM10-Belastung aufweist, wurden seit Jahresanfang sieben Grenzwertüberschreitungen gemeldet, die EU-Kommission duldet 35 pro Jahr und erfahrungsgemäß ist das Frühjahr die Zeit der höchsten Staubkonzentration.

Auf die von Jahr zu Jahr höheren Werte, zu denen neben dem dichten Verkehrsaufkommen auch die länger werdenden Trockenperioden beitragen, reagiert die Rigaer Stadtregierung eher reaktiv statt aktiv, denn sie bekämpft lediglich durch die regelmäßige Befeuchtung der Fahrbahnen das Aufwirbeln des Staubs, statt seine Entstehung zu vermeiden. Im letzten Jahr, als im Dürresommer Anfang Juni an der Brivibas Straße der Grenzwert bereits zum 38. Mal überschritten worden war, nahm die städtische Umweltdezernentin Evija Pinke Stellung (tvnet.lv). Sie hoffte darauf, dass LVGMC am Jahresende die natürlichen Faktoren herausrechnet und sich somit die Tage der Grenzwertüberschreitungen verringerten. Sie machte damals die außergewöhnichen metereologischen Umstände und umfangreiche Baumaßnahmen für die erhöhte Staubkonzentration verantwortlich. Die Stadt könne Regen und Sonnenintensität nicht beeinflussen. Bis 2020 will die Stadt aber ein Programm zur Verbesserung der Luftqualität umsetzen, das die Verlagerung staubintensiver Hafenarbeiten, die Optimierung des Verkehrsnetzes und weitere Maßnahmen vorsieht.


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