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Münster, 09.12.2019
Liepajas Straßenbahn feiert 120jähriges Bestehen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 07. September 2019 um 00:00 Uhr

Die ersten Triebwagen kamen aus Köln

Frontansicht eines Tatra-FahrzeugsDie Straßenbahnen der westlettischen Hafenstadt Liepaja (deutschbaltisch: Libau) kommen ohne Nummer aus. Denn sie befahren nur eine Linie, die den Süden der Stadt mit dem Zentrum verbindet. Neben Riga und Daugavpils ist Liepaja die dritte lettische Stadt, die, um es mal im Behördendeutsch zu formulieren, über ein schienengebundenes öffentliches Nahverkehrsmittel verfügt. Liepajas Straßenbahn ist eine 15,4 Kilometer lange Schmalspurbahn. Die derzeit noch in Betrieb befindlichen Fahrzeuge der tschechischen Marke Tatra KT4 kommen aus Ostdeutschland: Die Liepajer kauften sie nach der Jahrtausendwende gebraucht, acht stammen aus Erfurt, drei aus Cottbus und ein Straßenbahnzug aus Gera. Sie wurden in sozialistischer Zeit hergestellt, die älteste Bahn im Jahr 1979. Bald sollen sie mit EU-Fördergeldern durch Niedrigflurbahnen des ungarischen Herstellers Koncar ersetzt werden. Ingenieure und Arbeiter aus Deutschland bauten diese Bahn vor 120 Jahren. Damals beauftragte der Stadtrat „Nürnbergs kontinentale Gesellschaft für elektrische Unternehmungen“ und den Unternehmer Bernhard M. Manasevics aus Kaunas mit dem Projekt, zu dem auch die Errichtung eines Elektrizitätswerks gehörte. Die Nürnberger und Manasevics hatten sich gegen die Konkurrenz durchgesetzt, die Pferdebahnen oder Bahnen mit Gasbetrieb vorgeschlagen hatten. Am 28. September 1899 wurde das erste Teilstück eröffnet, Liepajas Straßenbahn war die erste elektrische auf baltischem Territorium. Ihre ersten Fahrzeuge stammten aus Köln-Ehrenfeld.

Liepajas Tatra-Bahn, Frontansicht, Foto: Jindřich Běťák - Paša darbs, CC BY-SA 3.0, Saite

 

Bevor Ende September der reguläre Betrieb begann, konnten die Städter zwei Wochen zuvor schon mal kostenlos Probe fahren, und zwar in Herbrand-Triebwagen, die in Köln-Ehrenfeld hergestellt wurden. Neugier und Nachfrage der Einwohner waren enorm (liepajas-tramvajjs.lv). In den ersten drei Stunden nutzten 5.000 Fahrgäste das Angebot, ohne Fahrschein die Technik des nächsten Jahrhunderts zu inspizieren. Mit einer Reisegeschwindigkeit von 15 Stundenkilometern fuhr die Bahn von der Stadtbrücke bis zum Kriegshafen.

Herbrand-Bahn in Liepaja

Herbrand-Triebwagen in Liepaja vor dem Ersten Weltkrieg, Foto: Saite

Jugendliche machten ihre Experimente, legten Gegenstände auf die Schienen oder bewarfen die Waggons mit Steinen. Bald schon erließen die Bahner Nutzungsbedingungen. Es war verboten, Schnee auf das Gleisbett zu kippen oder die Schienen mit Rädern zu befahren. Nach einem Jahr hatten bereits 500.000 Fahrgäste Liepajas Straßenbahn genutzt. Die Waggons hatten vor dem Ersten Weltkrieg erste und zweite Klasse. 1928 kam die Bahn in städtischem Besitz. Bis 1976 hatte sie mehrere Linien, dann wurde der Betrieb zwischen Bahnhof und Kriegshafen eingestellt. Heutzutage verkehrt die Bahn zwischen den Endstationen Mirdzas Kempes iela und Brivibas iela.

Straßenbahn auf der Peterstraße in Libau

Postkarte von der Libauer Peterstraße mit Straßenbahn, Foto: Fair use, Saite

Auch in späteren Jahrzehnten kam Straßenbahntechnik aus Deutschland. Nach dem Krieg nutzten die Angestellten des städtischen Verkehrsbetriebs Überreste der Königsberger Bahn, um mit eigenen Kräften alte Triebwagen zu erneuern und sogar neue Waggons zu bauen. Zwischen 1957 und 1962 bestellten sie 53 neue Triebwagen der VEB Waggonfabrik Gotha, die schließlich ab 2000 durch Tatra-Gebrauchtfahrzeuge aus ostdeutschen Städten ersetzt wurden.

Neues Gleisbett

Das Gleisbett der Straßenbahn wurde oftmals erneuert und verlängert, in Liepaja überlebte die Bahn jene Zeit, als Stadtplaner die Abschaffung dieses Verkehrmittels erwägten. Für die Zukunft ist ein weiterer Ausbau geplant, Foto: ScAvenger (Jānis Vilniņš) - Paša darbs, CC BY-SA 3.0, Saite

Bereits am 6. September gedachten die 86 Mitarbeiter des städtischen Betriebs „SIA Liepajas tramvajs“ der Gründung ihres Unternehmens. An diesem Tag schmückten sie ihre Tatras mit den Fahnen Lettlands, der EU und jener ihrer Firma. „Die Menschen brauchen uns,“ sagte die Straßenbahnfahrerin V. Sulce den Journalisten. Am meisten gefallen ihr die Tage, wenn die Waggons voll sind. An Festtagen steigen Jugendliche ein und singen. In Erinnerung bleibt ihr auch die Silvesternacht zur Jahrtausendwende, als sie Dienst hatte. Die Arbeit bedeute, bei den Menschen zu sein, gleichzeitig von ihnen getrennt zu sein, das gefalle ihr. Doch jedem, der Straßenbahnen fahren möchte, warnt sie vor dem Stress, den der zunehmende Autoverkehr verursacht. Die jungen Leute arbeiteten nicht gern in ihrem Beruf - „Das Gehalt...“ fügt sie erklärend hinzu (liepajniekiem.lv).

 

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