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Münster, 15.11.2019
25 Jahre Eisenbahnmuseum in Riga PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 12. Oktober 2019 um 09:18 Uhr

Wie reichsdeutsche Dampflokomotiven nach Lettland kamen

Aufschrift auf der TE-036Hinter dem stattlichen Neubau der Nationalbibliothek befindet sich auf der Pardaugava-Seite Rigas eine historische Werkshalle mit einer Freifläche, auf der sich mehrere Gleise mit alten Signalen befinden. Hier sind Lokomotiven und Waggons aneinandergereiht. Sie bekommen kein grünes Licht. Die Passanten auf den Bahnsteigen werden nicht mehr zu Passagieren. Denn die Fahrzeuge haben hier nach langem Einsatz den letzten Stellplatz gefunden. Die Dampf- und Diesellokomotiven, alte Waggons und Spezialloks sind Exponate des Eisenbahnmuseums, das in diesem Jahr sein 25jähriges Jubiläum feiert. Auch der Besitzer der Gedenkstätte, die staatliche Bahngesellschaft Latvijas Dzelzcels, hatte 2019 einen gedenkwürdigen Geburtstag, wurde nämlich 100 Jahre alt. Die Geschichte der lettischen Eisenbahn ist so wechselvoll wie die Geschichte des gesamten Landes. Davon künden nicht zuletzt zwei restaurierte Dampflokomotiven, die aus deutscher Produktion stammen.

Aufschrift TE-036 auf einem Exponat des Rigaer Eisenbahnmuseums, Foto: LP

Als 1861 die Eisenbahnlinie Riga-Daugavpils auf lettischem Territorium eröffnet wurde, begann für Livland das Industriezeitalter. Das deutschbaltische Rigaer Börsenkomitee hatte bei der Zarenregierung um Erlaubnis gebeten, eine Aktiengesellschaft zu gründen, um erstmals Personen und Güter über Schienen zu befördern. Daugavpils war bereits mit dem russischen Schienennetz verbunden, als eine von vielen Stationen zwischen der Ostsee, Moskau und dem Schwarzen Meer. Die Hafenstadt Riga entwickelte sich mit Hilfe der Eisenbahner zur Handels- und Industriemetropole (ldz.lv).

Anfang des 20. Jahrhunderts waren bereits 2.000 Kilometer Schienenstrecken auf (später) lettischem Gebiet verlegt. 800 Kilometer Schmalspurbahnen kamen im Ersten Weltkrieg hinzu. Sowohl deutsches als auch russisches Militär benötigte für seine Transporte solche Kleinbahnen. So entstand ein inkompatibles Schienengestrüpp mit fünf verschiedenen Spurweiten, von 600 bis 1.524 Millimeter.

LP, MI-675

Die MI-657 im Rigaer Eisenbahnmuseum, Foto: LP

Die MI-657

Nach gewonnenem Befreiungskampf gründete die lettische Regierung im Herbst 1919 die Eisenbahngesellschaft Latvijas Dzelzcels. Die Eisenbahner mussten zunächst den Wiederaufbau leisten, denn der Krieg hatte auch an Schienen und Lokomotiven sein Werk verrichtet. Zerstörte Loks, Schienen und Telegraphenlinien mussten wieder hergerichtet oder beseitigt werden. Viele Schmalspurbahnen blieben in Betrieb. Dafür wurden neue Loks benötigt, die sich die lettischen Eisenbahner in Deutschland besorgten. Eine von ihnen, die MI-657, steht nun als einziges Lok-Exponat, das  vor der Witterung geschützt ist, im Museumsgebäude, frisch restauriert zwischen einer Modellanlage und Erläuterungen zur Technik des Dampfantriebs und ihrer Geschichte. Die MI-657 wurde 1918 als ein für die Reichswehr entwickeltes Modell in Esslingen gebaut und kam 1923 für zivile Zwecke nach Lettland. Sie ist 12 Tonnen schwer und erreicht(e) eine Höchstgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern (railwaymuseum.lv). Ihre Spurbreite beträgt 600 Millimeter; solche Schienen wurden noch bis 1972 befahren.

Die zwanziger und dreißiger Jahre bedeuteten auch für Lettland die große Zeit der Eisenbahn. Latvijas Dzelzcels entwickelte sich zu einem der größten Betriebe des Landes. 1920 beschäftigte das Unternehmen bereits 7.327 Angestellte und suchte nach weiteren 1.000 Bewerbern. Eine Sprachkommission wurde gegründet, um eine lettische Terminologie zu entwickeln, bis dahin hatten sich die Bahner mit deutschen oder russischen Fachbegriffen verständigt. Ab 1921 konnte man von Riga aus nach Berlin fahren. Bald waren viele Länder mit der Bahn erreichbar. Die Ziele glichen jenen heutiger Flughäfen, Ende der 20er Jahre konnte man in Riga in Züge einsteigen, die bis Wladiwostok fuhren. Das benötigte Gerät wurde teilweise in der lettischen Hauptstadt produziert: Die Arbeiter der Fabrik „Fenikss“ lieferten Waggons, bauten in Kooperation mit Krupp und Henschel Lokomotiven und Schienenbusse.

Mit dem nächsten Krieg kamen auch die Besatzer zurück nach Lettland und nahmen die Eisenbahn, die das Militär benötigte, in ihren Besitz. Am 14. Juni 1941, als die sowjetischen Besatzer viele Tausend Familien nach Sibirien deportierten, nutzten sie Viehwaggons; in diese wurden auch einige hundert lettische Eisenbahner verfrachtet. Latvijas Dzelzcels wurde dem Volkskommissariat unterstellt.

Als die deutsche Wehrmacht einfiel, war auch für sie die Eisenbahn von hoher Bedeutung. Am Bahnhof Skirotava in Riga kamen deportierte Juden an, um ins nahegelegene Getto gebracht zu werden. Abermals wurde die Eisenbahn zugunsten der neuen Herrscher reorganisiert. Es entstand die „Lettische Eisenbahnverwaltung“, deren leitende Positionen Deutsche einnahmen. Bei ihrem Rückzug im Herbst 1944 sprengten die Deutschen Bahnhöfe und pflügten Schienenschwellen um. Aus Furcht vor den zurückkehrenden Sowjets flüchteten viele lettische Eisenbahner ins Exil.

LP, Te-036

Die Te-036, Foto: LP

Die Te-036 der Serie 52

Nach dem Krieg, als die lettische Eisenbahn wieder sowjetisch wurde, gelangten Dampflokomotiven der Reichsbahn als Reparationsleistungen ins Baltikum. Eine solche „Kriegstrophäe“ ist auf dem Museumsgelände zu besichtigen. Die Te-036 wurde als „deutsche Kriegslokomotive“ der Serie 52 bei Henschel in Kassel gebaut. Von diesem Typ wurden bis 1951 in verschiedenen Werken 6.719 Lokomotiven hergestellt. Die Te-036 kam 1947 mit weiteren 2.700 Dampfloks dergleichen Bauart in sowjetischen Besitz. Für die breitere russische Spur mussten ihre Räder angepasst werden. Bis 1985 blieben diese Lokomotiven deutscher Bauart in Betrieb. Die Te-036, die wieder im schwarz-grünen Anstrich der 50er Jahre mit kyrillischen Inschriften glänzt, wurde vor fünf Jahren restauriert. Zusammen mit dem Tender bringt sie 135 Tonnen auf die Waage, ihre Höchstgeschwindigkeit beträgt 80 Stundenkilometer und sie ist mit Tender fast 23 Meter lang.

LP, Spezialfahrzeug

Das Museum bewahrt auch eigenartige Spezialfahrzeuge auf, Foto: LP

Zur Zeit der wiedererlangten Unabhängigkeit wurde Latvijas Dzelzcels als Aktiengesellschaft neu organisiert, aber der Staat blieb Besitzer. Auto, Lkw und Flugzeug wurden zur Konkurrenz, so dass heutzutage viele lettische Orte nicht mehr mit der Bahn erreichbar sind. Von einem Bahnticket Riga-Wladiwostok kann der Reisende nur träumen. Doch die Eisenbahn ist noch heute eines der größten Unternehmen des Landes, ihr Hauptzweck ist es, Öl und Kohle aus Russland zu den Häfen zu befördern. Dank Klimadebatte sind die Zukunftsaussichten für die weniger klimaschädliche Technik der elektrifizierten Eisenbahn nicht so schlecht.

LP, Stellwerkeinrichtung

Das Museum dokumentiert auch die Geschichte der Stellwerkeinrichtungen, Foto: LP

Wer das Personal des Museums auf der hauseigenen Webseite betrachtet, wird sich von einem Klischee verabschieden müssen: Es wird nicht von Eisenbahnfreunden geleitet, sondern von Eisenbahnfreundinnen. Allerdings ist ein graufarbener Pascha der eigentliche Herrscher. Er räkelt sich zuweilen auf der Theke des Kassenhäuschens und niemand ist ihm böse, denn dieser Mann ist ein Kater und heißt Perluks.

 

Externe Linkhinweise:

youtube.de: Kriegslokomotiven (NS-Propagandafilm)

wikipedia.de: Die Kriegslokparade von Seddin

 

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