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Münster, 29.3.2020
Frohe Weihnachten 2019, Teil 1 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 19. Dezember 2019 um 00:00 Uhr

Paul Schiemann: „In ohnmächtiger Wut heben wir die Faust gen Himmel: Gib uns unsere Weihnacht!“

Klappbarer WeihnachtsbaumIhnen angenehme kommende Festtage und dazu eine hundertjährige Grußbotschaft, die in mancher Hinsicht abgegolten ist, in veränderten Zusammenhängen allerdings aktuell erscheint. Weihnachten 1919 gestaltete sich recht verschieden, je nach dem, welcher ethnischen Gruppe sich die Feiernden zugehörig fanden. Paul Schiemann fragte seine Leser mit trotzigem Ausrufezeichen: „Wo ist unser Recht auf die Weihnacht!” (periodika.lv). Der liberale Publizist und Politiker, der viel für die Integration der Deutschbalten in die lettische Republik tat, sah jegliche Fähigkeit verloren, dieses christliche Fest zu feiern: „Dass wir nicht hoffen können, nicht lieben und nicht leben.“ Kurz vor Kriegsende, nach der verlorenen Schlacht ihrer Landeswehr gegen Esten und Letten, hatten die Deutschbalten, zumindest die kleine adelige Minderheit unter ihnen, ihre führende politische und soziale Stellung verloren. Die Zukunft schien hoffnungslos, damals noch nicht wegen des anstehenden Endes des vom Menschen angerichteten Kapitalozäns (youtube.de), sondern wegen des unchristlich angestauten Hasses zwischen Ethnien und Nationen - doch auch der staut sich inzwischen wieder auf, wenn es um den Verbrauch der letzten Ressourcen geht und sich die Frage stellt, wer im sozialdarwinistischen Survival of the Fittest durchhalten wird (wobei sich das Fitsein in Dollar oder Euro, nicht in biologischer Muskelkraft berechnet) und wer im mehrfachen Wortsinne vor den Küsten des Wohlstands ausgebootet werden darf.

Weihnachtsbaum, der im Ersten Weltkrieg mit der Feldpost verschickt wurde, Foto: Nightflyer - Eigenes Werk, CC0, Link

Paul Schiemann, der gerade Chefredakteur der Rigaschen Zeitung geworden war, beschrieb am Heiligen Abend 1919, wie die Deutschbalten sich im Gegensatz zur Zeit sahen:

Die Zeit war stärker als wir. Eine allzu schnelle Entwicklung zerbrach, was noch lebendigen Sinn für uns hatte und vermochte nicht aufzurichten, was späteren Geschlechtern vorbehalten war. In ohnmächtiger Wut heben wir die Faust gen Himmel: Gib uns unsere Weihnacht!“

Der Zeitpunkt war verpasst, das Land zu demokratisieren und die lettische Mehrheit an der Macht zu beteiligen, ihr gar die führende Stellung einzuräumen. Diese hatten sich die Letten nun gegen den deutschbaltischen Widerstand genommen. Der ehemaligen Oberschicht blieb nur „ohnmächtige Wut“, mit der „die Faust gen Himmel“ gestreckt wurde. Als Eroberer hatten sie das Christentum ins Baltikum gebracht, aber damit auch ihre Herrschaft über die Heiden begründet. Schiemann deutet an, wie die ursprüngliche christliche Botschaft im Mittelalter als Unterwerfungsideologie missbraucht wurde – Religion und Weltanschauung seien „zur Phrase gemacht und zum Geplapper der Heiden“, bis schließlich moderner Nationalismus an deren Stelle trat:

Der erste christliche Kaiser pflanzte sein Kreuz auf den Leichen der Feinde. Jahrhunderte lang war Religion und Kirche die Quelle allen Hasses der Menschheit und als an die Stelle der kirchlichen Gemeinschaft das natürliche Zusammengehörigkeitsgefühl des Volkstums trat, da wurde dieses erst recht, gesegnet von allen Priestern der Welt, zum Ursprung unerhörten Blutbades. Und während die Menschheit wuchs an Bildung und Erfahrung und es immer herrlicher weiter brachte, ging ihr das Evangelium der Liebe und des Friedens immer mehr verloren. Unsere Ahnen vermochten zu kämpfen ohne zu hassen. Bei uns ist der Kampf zum Handwerk geworden, aber der Hass zum eigentlichen Wesen unseres politischen Seins.“

Ursache des allgemeinen Übels ist für Schiemann der Hass, der bis „zur Absurdität, zur schamlosesten Verallgemeinerung“ angewachsen sei und der „neue Blutgedanken in sich birgt“ - damit sah er weitsichtig auf den Zweiten Weltkrieg voraus. Der Hass hat sich in verschiedenen Weltanschauungen verbreitet, neben der christlichen auch in der nationalistischen; in rechten Kreisen sind solche Ideologien leicht kombinierbar. Doch damals galt der Hass noch nicht dem fernen "Muselmann", sondern dem Nachbarn:

Ein Volk hält das andere an sich für schlecht und nur gemeiner Regungen fähig. Der Deutsche urteilt: jeder Engländer ist ein Heuchler. Der Franzose identifiziert den Teutonen mit allem Unedlen in der Welt. Balten und Letten halten einander jeder Perfidie für fähig. Das ist die Melodie unseres politischen Empfindens vom Stillen bis zum Atlantischen Ozean.“

Ebenso hasserfüllt sind für ihn bolschewistische und antibolschewistische Ideologien, die noch kurz zuvor Roten und Weißen Terror rechtfertigten:

Und im sozialen Leben wiederholt sich das Gleiche. Der Arbeiter sieht in jedem besser situierten Bürger den Todfeind, der von Natur aus böse und verrucht ist. Wer etwas besitzt oder was gelernt hat, erzittert vor der Mißgunst und grundsätzlichen Schlechtigkeit des Proletariers.“

Schaut man auf heutige Internetkommentare, die sich bis zu Morddrohungen steigern, kann man Schiemanns grammatisches Präsens für Weihnachten 2019 beibehalten:

Wir leben in einer Welt des Hasses und der unversöhnlichen Feindschaft, die jedes Zusammenleben unerträglich macht und alle Grundbegriffe unseres Seins verrückt.“

Schiemann beobachtete treffend, dass die Hassverkünder in ihrer Peergroup um Anerkennung wetteifern, der konzentrierte Hass auf andere steigert opportunistisch die Beliebtheit im „Kreis der Seinen“. Das klingt in Facebookzeiten wieder recht aktuell, selbst die Wortwahl vom „gut völkisch Empfindenden“ ist leider nicht nur von gestern:

Und wer solchen Haß und solche Feindschaft besonders laut und aufdringlich verkündet, gilt in dem Kreis der Seinen als der Wohlgesinnte, der gut völkisch Empfindende, der sich den Dank seines Gemeinwesens erworben.“

Weihnachtsfrieden

Weihnachten 1914 schwiegen an vielen Fronten die Waffen, es kam zu „Fraternisierungen“, die beim nächsten Weihnachtsfest von den militärischen Führungen unterbunden wurden, Foto: Frederic Villiers (1851–1922) - Gemeinfrei, Link

Journalist Schiemann entlässt aber auch seine Kollegen nicht aus der Verantwortung. Deren Hang zur Personalisierung komplexer Geschehen, das populistische Verlangen, den persönlich Schuldigen zu finden, desinformiert auf gefährliche Weise die Leserschaft:

Stumpfsinnige Zeitungsschreiber streiten über die Schuld am Kriege und suchen Weltereignisse von den kläglichen Zuckungen gekrönter und behelmter Einzelwillen abhängig zu machen. Dieser Krieg, den kein offizieller Friedensschluß zu beenden vermag, lagerte in einem jeden von uns schon lange vor dem Jahre 1914.“

Im Kriege, in dem Schiemann und seine Landsleute „hinauszogen, von irgendwelcher Begeisterung getragen“, hätten nur wenige Hass empfunden. Doch Journalisten lieferten nachträglich die entsprechende Propaganda. Die „unvergleichlichen Verteidiger der Wahrheit und des Rechts“ - damit bezog er sich noch nicht ironisch auf EU und NATO:

Aber wenn wir heimgekehrt unsere Zeitungen aufschlugen und in einer von sorgfältig ausgearbeiteten Lügen durchsetzter Darlegung lasen, daß alle unsere Feinde niedrige und gemeine Schurken, wir selbst aber, wir – ach nur allzu menschlichen Kämpfer – die heldenmütigen und unvergleichlichen Verteidiger der Wahrheit und des Rechts seien, dann schlug die Flamme des Hasses über uns zusammen und es verkohlten die letzten Reste der Weihnachtsbotschaft in uns.“

Nach diesen Betrachtungen bleibt Schiemanns Weihnachtsgruß durchwachsen:

Unsere Menschheit und mit ihr auch wir, sind dem Gedanken der christlichen Nächstenliebe soweit entwachsen, daß wir auf die Wohltat der echten Gefühlswärme kein Anrecht mehr haben. Die Freude ist uns erloschen. Wir leben in der Finsternis der Nacht. Aber wir können sie wecken. In einer stillen und heiligen Nacht, in der wir uns auf uns selbst besinnen. In der wir die Liebe in uns entzünden, die stärker ist als Volkshader und sozialer Eigennutz.“

Den Letten erschien dagegen Weihnachten 1919 im Glanz einer neuen Zeit als das glatte Gegenteil von Finsternis: Als eine Morgendämmerung nach einer Jahrhunderte währenden Nacht der Unterdrückung. Und ein selbst ernannter us-amerikanischer Freund stand ihnen beiseite und warnte vor dem neuen Feind. Davon handelt der zweite Teil.

 

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