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Münster, 29.3.2020
Klimaerwärmung: Weiße Weihnachten in Riga ungewiss PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 14. Dezember 2019 um 00:00 Uhr

Das Jahr 2019 könnte für Lettland einen neuen Wärmerekord bedeuten

Weihnachtmarkt am DomAllmählich müssen Rigenser auf weiße Weihnachten hoffen wie beispielsweise Bewohner des Niederrheins, wo sie ein ähnliches Wunder bedeuten wie eine Marien-Erscheinung. Derzeit ist an der Mündung der Daugava kein dauerhafter Schnee in Sicht; der Frost der Nacht weicht dem Tauwetter des Tages. Nach Angaben lettischer Klimaforscher hat sich die hiesige Durchschnittstemperatur in den letzten 30 Jahren um 0,7 Grad erhöht. Die Werte für das Jahr 2019 befinden sich bislang deutlich über dem Rekordjahr 2015. Dennoch wird auch in Lettland der menschengemachte Klimawandel angezweifelt.

Ein schneebdecktes Bild vom Rigaer Weihnachtsmarkt am Dom vor einigen Jahren, Foto: LP

Feuchter, statt frostiger Dezember

Für dieses Jahr haben die Meteorologen bis Ende November für Lettland eine Durchschnittstemperatur von 8,7 Grad gemessen. Die bislang höchste Durchschnitts-Temperatur von 7,8 Grad des Jahres 2015 könnte übertroffen werden; damals betrug sie Ende November nur 8,3 Grad. Der diesjährige Dezember dürfte, wenn er sich derart fortsetzt, kaum noch so kalt ausfallen, dass er den Gesamtwert noch um mehr als ein halbes Grad reduzieren wird.

Im Interview mit Latvijas Radio beschrieb Viesturs Zandersons, Mitarbeiter des Lettischen Zentrums für Umwelt, Geologie und Meteorologie (LVGMC), die Folgen für den lettischen Winter: Früher herrschten deutliche Minustemperaturen in dieser Jahreszeit, nun näherten sie sich der Null-Grad-Grenze (lsm.lv). Die Anzahl der Schneetage wird geringer, die Schneedecke dünner. Andererseits ist auch der Winter von extremen Wetterereignissen betroffen, intensive Schneefälle, die die Dächer belasten, könnten trotzdem häufiger werden.

Der diesjährige Dezember scheint Zandersons` Aussage zu bestätigen. Seine Kollegin Laura Krimina, die die hydrometeorologische Abteilung des LVGMC leitet, sagte am Anfang des Monats in TV3: „Wenn man auf die Prognosen schaut und sie analysiert, scheint die Wahrscheinlichkeit eines relativ warmen Dezembers groß zu sein. Auch wenn in nächster Zeit kalte Luftmassen erwartet werden und erster merklicher Schneefall, der sich in eigenen Gebieten Lettlands an diesem Wochenende ereignen wird. Dennoch tendieren die Prognosen eher zu einem warmen Dezember. Wir können nicht von stabilen winterlichen Witterungsbedingungen im Dezember ausgehen.“ (apollo.lv) In Riga blieb die Schneedecke des genannten Wochenendes dünn und schmolz bereits nach wenigen Tagen hinweg.

Pfütze in Riga

Pfütze statt Frost im Dezember in Riga-Kengarags, Foto: LP

Erklärungen zur Hysterie und Ökonomie

Die Beobachtungen der Wetter- und Klimaforscher überzeugen nicht jeden davon, dass die Klimaerwärmung der letzten Jahrhunderte von Menschen verursacht wurde und der CO²-Ausstoß nun drastisch reduziert werden sollte. Kunsthistoriker Ojars Sparitis, der die Wissenschaftliche Akademie leitet, der zwar einige naturwissenschaftliche Institute angehören, von denen aber keines sich speziell der Klimaforschung widmet, bekundete im Interview mit „Zeme und Valsts“, einem Lobbyverband der Waldbesitzer1, am 19. November 2019 seine Skepsis (lza.lv).

Er begündete sie mit einem Buch des Geologen Ojars Aboltins, das 2010 veröffentlicht wurde „Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung“ (No ledus laikmeta lidz globalajai sasilsanai). Daraus hat Sparitis die Einsicht gewonnen, dass Wärmephasen im Wesentlichen natürliche zyklische Perioden seien. „Meine Schlussfolgerung ist vielleicht politisch nicht korrekt und es ist derzeit nicht üblich, darüber laut zu sprechen.“ Der menschliche Anteil an der Misere scheint ihm vernachlässigbar: „Der anthropogene Faktor, über den man sich am lautesten aufregt, beträgt fünf bis sieben Prozent. Seit der Zeit, als die Dampfmaschine ausgeklügelt wurde, als man begann, für die Heizung Brennholz, Steinkohle, Gas, in Motoren Benzin und Diesel zu benutzen, sich der Flugverkehr entwickelt hat... wenn das zusammen gerade mal fünf bis sieben Prozent ausmacht, muss man fragen: `Welche Ursache hat die momentane Hysterie und weshalb erhält sie eine derartige Aufmerksamkeit?`“

Er sucht Gründe im Ökonomischen. Er nennt einerseits Donald Trump als Beispiel für einen Politiker, der ungeachtet aller Warnungen den Neustart alter Industrien versucht, andererseits sieht Sparitis auch bei jenen, die aufgrund des Klimawandels neue Techniken fordern, vergleichbare Motivationen: „Businesskreise verlautbaren, dass die in der Welt entfachte Hysterie erlaubt, Technologien zu entwickeln, neue Arten, Energie zu gewinnen, neue ingenieurtechnische Lösungen. Das schafft sowohl Produktion als auch Absatz! Die Intensität der Prozesse wird sich steigern, und dafür sind Politiker – wie auch Anreger, Wissenschaftler – als Macher notwendig! Wie erklärt sich die massenhafte `Zustimmung` der Wissenschaftler zur Hysterie? Ganz einfach! Der Wissenschaftler ist genauso ein bezahlter Beschäftigter wie ein Hausmeister!“

Scheereste

Schneereste im Dezember an einem Rigaer Einkaufszentrum, Foto: LP

"Anpassungsmaßnahmen in allen volkswirtschaftlichen Bereichen..."

Die lettischen Klimaforscher Zanita Avotniece, Svetlana Aniskevica und Edgars Malinovskis, die die klimatischen Entwicklungen in der Zeit von 1961 bis 2010 analysierten, dürften entschieden bestreiten, dass ökonomische Vorgaben ihre Forschungsergebnisse und Schlussfolgerungen bestimmten. Dringlichkeit des Handelns anzumahnen ist kein Nachweis für Hysterie (übrigens ein psychiatrisch veralteter Begriff). Eine solche wollen sogenannte „Klimaskeptiker" - so werden Kritiker der Klimaforschung bezeichnet - bei ihren Gegnern diagnostiziert haben - und reagieren selber recht aufgeregt, was sich in den Kommentarspalten unter Beiträgen zur Klimaerwärmung zeigt.

Das Fazit des lettischen Forschertrios dürfte Klimaskeptikern ebenfalls missfallen: „Die Analyse der bisherigen klimatischen Umstände als auch des zukünftigen Klimawandels demonstriert anschaulich die deutlichen Tendenzen des Klimawandels. Die wesentlichsten Änderungen betreffen die Extremwerte der klimatischen Parameter, die verdeutlichen, dass es auf lettischem Territorium in Zukunft immer häufiger zu ungewöhnlichen und extremen Wetterumständen kommen wird. Daher ist es bedeutsam, um die mit dem Klimawandel verbundenen Risiken und ihre möglichen Folgen zu minimieren, schon rechtzeitig auf Forschungsergebnissen basierende Anpassungsmaßnahmen in allen volkswirtschaftlichen Bereichen zu erarbeiten und einzuführen. Nicht weniger bedeutsam ist der mögliche rechtzeitige Übergang der lettischen Wirtschaft auf eine kohlenstoffarme Entwicklung, um somit den Treibhauseffekt der Gasemissionen zu verringern, sie mit der Zeit sogar zu speichern und vermehrt Kohlendioxid zu binden.“ (meteo.lv)

 

1 Janis Brizga, Vorsitzender des öffentlich geförderten Think Tanks „Zala briviba“ (Grüne Freiheit), gibt einen Hinweis, weshalb die Waldbesitzerlobby in ihren Publikationen Klimaskeptiker zu Wort kommen lässt:Wir haben in Lettland auch die Waldwirtschaft sehr intensiv betrieben. Wenn in den letzten 20 Jahren unsere Wälder mehr CO² gebunden haben, als das ganze Land an Emissionen verursachte, was eine sehr positive Bilanz war, dann hat sich die Lage jetzt geändert und es gab mehrere Jahre, in denen der Bereich Wald mehr Emissionen verursacht als gebunden hat.“ (LP: hier)

 

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