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Münster, 29.5.2020
Frohe Weihnachten 2019, Teil 2 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 21. Dezember 2019 um 00:00 Uhr

Rigaer Weihnachtsmarkt

Rigaer Weihnachtsmarkt, Foto: LP

„Diese Lichtstrahlen zerstreuen in allen Häusern und allen Herzen die Schatten der vergangenen Knechtschaft“

Weihnachten 1919 war für die Deutschbalten eine schwere Zeit. Paul Schiemann beschrieb im ersten Teil, dass der Hass des Kriegs entzweit hatte und die Menschheit - „und mit ihr auch wir“ - „dem Gedanken der christlichen Nächstenliebe (...) entwachsen“ sei. Der deutschbaltische Journalist und Politiker beschrieb die Situation seiner Landsleute mit einem düsteren Bild: „Wir leben in der Finsternis der Nacht.“ Der Redakteur der Zeitung „Cesu Vestnesis“ fand am Heiligen Abend des Jahres 1919 gegenteilige Bilder: Aus lettischer Sicht war es eine Zeit von Tagesanbruch und Morgenröte. Weihnachtliche Grüße veröffentlichte Thomas James Orbison alias Kapitans Orbisons. Der US-Amerikaner war der gute Onkel für lettische Waisenkinder und sah sich als Freund des lettischen Volkes. Er empfahl ihm, Freundschaft mit den Entente-Mächten zu schließen und warnte vor dem neuen Feind.

Der „verantwortliche Redakteur“ (ohne Namen) der Zeitung „Cesu Vestnesis“, wünschte seinen Lesern am 24. Dezember 1919 in altlettischer Rechtschreibung „Preezigus Seemasswehtkus!“ (Frohe Weihnachten!) (periodika.lv). Er verglich die Lebensetappe der lettischen Nation mit der Kindheit des einzelnen, wenn die Seele noch rein ist wie der glatte Wasserspiegel eines klaren Waldsees am Frühlingsmorgen und noch kein Staub diese Reinheit getrübt hat. Das Erwachen der Nation nach langer Nacht erscheint als göttlicher Wille:

Nun erleben wir das morgendliche Zeitalter Lettlands. Soviel das lettische Volk auch abgezehrt, erschöpft und verblüht sein mag nach einem jahrhundertelangen Alptraum und einer schauerlich tiefen Nacht, so ist es aufgewacht und bereitet sich für den Morgengang, um einen ehrenhaften Platz in der Völkergemeinschaft einzunehmen. Göttliche Lichtstrahlen ergießen sich auf das Unglückskind und sein Morgengold, seinen Morgengang. Das Licht der Erde – das Kerzenlicht des Weihnachtsbaums vereinigen sich mit dem Himmelslicht – die Strahlen der Sonne und der Sterne – und schmücken die Wangen unserer freien Heimat und segnen sie, ihre Stirn küssend.“

Der himmlische Glanz vertreibt die bösen Eigenschaften, die die Leibeigenschaft unter deutschbaltischen Herren hervorgebracht hatte und so lässt sich fortan das Weihnachtsfest fröhlich und friedlich an:

Diese Lichtstrahlen zerstreuen in allen Häusern und allen Herzen die Schatten der vergangenen Knechtschaft: Hass, Neid, Ehrgeiz, Hochmut, Geldgier - und entzündeten im Herzen des Menschen die Glut des Mitgefühls und die Liebe zur Heimat und zu den Brüdern in der Heimat! Nun ist das freie Lettland mit kindlicher Herzensklarheit imstande, fortan fröhlich zu erfahren: Ehre sei Gott in der Höhe, Frieden auf Erden und den Menschen Wohlgesinntheit!“

Der Name „Kapitans Orbisons“ taucht zu jener Zeit in Dutzenden Artikeln auf. Während die Briten die lettische Nationalbewegung militärisch unterstützten, leisteten die USA humanitäre Hilfe. Organisationen wie American Red Cross, American Relief Administration und European Children’s Fund Baltic Mission waren damals in Lettland aktiv. Thomas James Orbison, ein Parteigänger des späteren US-Präsidenten Herbert Hoovers, engagierte sich in Lettland für Waisenkinder, richtete u.a. Weihnachtsfeste für sie aus. Im Dezember 1919 war er bereits ein halbes Jahr in Riga gewesen und hatte auch die Abwehrschlacht gegen die Bermondt-Armee erlebt, bei der er leicht verletzt worden war. Die Zeitschrift „Valdibas Vestnesis“ veröffentlichte am 25. Dezember 1919 seine Weihnachtsgrüße an das lettische Volk (periodika.lv). Kapitans Orbisons hatte enge Freundschaft mit den Letten geschlossen und fühlte sich wie in einer großen Familie:

Wir, die Vertreter eines anderen Landes, sind hier dem warmen Herzen des lettischen Volkes begegnet und wahrer Freundschaft. Ich empfinde, dass die spezielle Arbeit, die es mir erlaubt , mich für das Wohl der Kinder zu engagieren, mir Gelegenheit bot, die Eigenarten des glänzenden lettischen Charakters wahrzunehmen. Ich habe mit ihnen in der schwersten Zeit zusammen gelebt und ich bin stolz, dass ich mit ihnen in der Zeit der schrecklichen Bombardierung ihre Sorgen und Erfahrungen geteilt habe.“

Er ehrt die lettischen Soldaten, die wenige Wochen zuvor die weißgardistische Bermondt-Armee knapp vor dem Zentrum Rigas geschlagen hatte. An ihr waren deutsche Freikorps beteiligt gewesen. Die Leser Orbisons sollen der Armee seine Grüße übermitteln:

Über Sie wünsche ich Ihrer heldenhaften Armee viel Glück, die Sie vor dem brutalen Angreifer schützte und die außerhalb des Rechts stehenden Räuber aus Lettland vertrieben. Viel Glück Ihnen, dass solch ein Mann an der Spitze der Regierung steht wie Ministerpräsident Ulmanis. Das stärkt die Nation und schafft Vertrauen anderer Nationen zu Lettland.“

Am Jahresbeginn hatte das bolschewistische Regime von Peteris Stucka fast das ganze lettische Territorium besetzt. Viele Letten sympathisierten mit seinen Losungen des Friedens und der Gerechtigkeit. Doch die Rotarmisten übten Roten Terror aus, erschossen ihre Feinde oder ließen sie verhungern, bis Reichswehr und Baltische Landeswehr (inklusive lettischer Einheiten) sie am 22. Mai 1919 wieder aus Riga vertrieben. Gerüchte, dass die Bolschewisten zurückkehren könnten, hält Orbison für Feindpropaganda. Er sei zutiefst davon überzeugt, dass sie niemals zurückkämen, „es sei denn, sie würden dazu aufgefordert.“ Dann empfiehlt er den Letten, sich die richtigen Freunde auszusuchen, nicht die Sowjetunion, nicht Deutschland, sondern die Entente-Mächte:

Ich bin dessen gewiss, dass die Letten die Bolschewisten nicht auffordern und nicht erleiden werden, denn die Letten wissen nur allzu gut, sich vor der Auswahl eines solchen Freundes zu bewahren. Es ist die Zeit gekommen, sich die Freunde unter den Nationen der Welt auszusuchen. Ich bin überzeugt, dass Sie sich besser für England, Frankreich und Amerika als Freunde entscheiden und nicht für irgendeine bolschewistische Regierung. Die ersten leisteten Hilfe, Lettland zu stärken und aufzubauen, aber die letzteren hielten es in Armut und einem ausweglosen Zustand.“

Schließlich empfiehlt der us-amerikanische Wohltäter einen Umgang mit dem Feind, der kaum zur christlichen Botschaft passt. Seine Metapher von der bösen Schlange entspricht den biblischen Vorstellungen der Amerikaner, doch in den Mythen der Letten spielt das christlich verfemte Tier eine lebensbejahende und positive Rolle. So zwiespältig wirken die Bilder der Feindpropaganda in einer fremden Kultur, so zwiespältig gestaltete sich das Verhältnis zu Ideal und Wirklichkeit des Bolschewismus`, soviel Unsicherheit scheint sich in Orbisons Rhetorik zu verbergen, ob Letten nicht doch mit dem Feind sympathisieren:

Wir Amerikaner denken, dass man mit den Bolschewisten wie mit Verrätern umgehen muss, denn sie versuchen eine richtige Regierung zu zerstören und nicht aufzubauen. Sie sind wie eine giftige Schlange, die Böses tut und deshalb unerträglich ist.“

Dann vergleicht er die Bolschewisten noch mit faulen Äpfeln, die den ganzen Korb verderben:

Ich hoffe, dass das lettische Volk mit den Bolschewisten umgeht wie mit faulen Äpfeln und giftigen Schlangen. Gegen bolschewistische Agitatoren helfen nur kräftige Tritte.“

Nun sei die Zeit für eine starke lettische Regierung gekommen und er wünscht den Letten viel Erfolg. Es sei zwar eine kritische Zeitspanne im Leben der lettischen Nation, doch...

Ich bin überzeugt, dass das lettische Volk in der Friedenszeit ebenso stark sein wird, wie es im heldenhaften Krieg gewesen war.“

Nun, nach Weihnachten klingen die Schlussworte des Kapitans Orbisons nicht gerade. Deshalb seien hier noch einmal die Schlussworte des verantwortlichen Redakteurs des Cesu Vestnesis wiederholt:

Ehre sei Gott in der Höhe, Frieden auf Erden und den Menschen Wohlgesinntheit!“

 

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