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Münster, 23.5.2019
Sturmtief Ulli suchte auch Lettland heim, das in hundert Jahren zu einer Gaiziņkalns-Hallig werden könnte PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 05. Januar 2012 um 16:36 Uhr

Heftige Stürme, die Großbritannien aufwirbeln, zerzausen ein bis zwei Tage später auch die Bernsteinküste. Am 5. Januar fegte Ulli über die lettischen Ostseestrände. In der Hafenstadt Ventspils erreichte der Sturm mit 111,6 Stundenkilometern fast Orkanstärke. Größere Schäden meldeten Polizei und Feuerwehr nicht. Doch die Zeit brausender Luftmassen bereitet den Reparaturkolonnen des Stromversorgers Latvenergo stets viel Arbeit: Dann sind tausende Haushalte ohne Strom, weil in der Provinz an vielen Stellen die Überlandleitungen unterbrochen sind. Klimaveränderungen lassen sich mit einem einzelnen außergewöhnlichen Wetterereignis nicht nachweisen. Dennoch nutzte Jānis Brizga, Leiter der Nichtregierungsorganisation Zaļā brīvība (Die grüne Freiheit) die stürmische Witterung für eine beunruhigende Prognose.

Sturm knickt die Bäume, Foto: W.J.Pilsak auf Wikimedia Commons

 

Kaum Schäden – aber viele Kochplatten bleiben kalt

Die lettischen Medien vermelden für Riga nur einen Dachschaden, auf dem Lande wurden einige Bäume entwurzelt. Im Verlauf des 4. Januars stieg die Zahl der gemeldeten Stromausfälle, von 1500 auf 3000 Haushalte allein in der westlettischen Region Kurzeme (deutschbaltisch: Kurland). Die 57 Reparaturkolonnen von Latvenergo hatten besonders im Umland der Städte Ventspils (Windau), Liepāja (Libau), Talsi und Tukums Arbeit. Danach zog der Sturm Richtung Vidzeme weiter und beschäftigte auch dort die Techniker. Plus- und Minusgrade - Schnee, Schneeregen, Starkregen – Vereisungen, Tauwetter, steigende Wasserpegel und Schneeverwehungen. Derzeit bietet die lettische Witterung viel Abwechslung. Für diese Jahreszeit ist es in Lettland zu warm. Die Weihnachtszeit erlebten die Rigenser dieses Jahr eher matschgrau als schneeweiß. Sonst ist eine unbefleckt weiße Schneedecke hierzulande Standard für das Fest der Liebe. In den letzten Jahren waren am Rigaer Meerbusen bereits einige außergewöhnliche Witterungen zu beobachten: Manchmal frohlockte ein Goldener Oktober mit Temperaturen bis zu 20 Grad zu einer Bestellung im Außenbereich. Die Temperaturrekorde des Sommers 2010 machten keinen Spaß mehr: Die Luft war so nass, dass allein normale Atmungsaktivität das T-Shirt durchnässte. Doch die letzten Winter bereiteten den Klimaskeptikern, also jenen nicht selten von der Erdölindustrie gesponserten Leugnern des Klimawandels, große Freude: Die Kälte war so ernorm, die Schneemassen so ungewohnt gebirgig, dass man auch eine nächste Eiszeit hätte vorhersagen können. Diese wäre für Lettland wahrscheinlich weniger bedrohlich als eine weitere Erwärmung.

Der Gaizinkalns in Lettland

Blick vom Gaiziņkalns, Foto: Laurijs Svirskis auf Wikimedia Commons


Letzte Zuflucht Gaiziņkalns

Leider scheint eine weitere Erwärmung doch wahrscheinlicher. Laut wikipedia.de stieg der Meeresspiegel bereits im letzten Jahrhundert um 17 Zentimeter an. Bis 2100 erwarteten die Forscher einen weiteren Anstieg von einem halben bis zwei Meter. 50 Zentimeter oder 200 – das ist für die flache Ostseeküste ein entscheidender Unterschied. Jānis Brizga erläuterte den Hörern des Radio Baltkom 93,9 die Folgen für Lettland: Das Eis taue nicht nur an den Polkappen, sondern auch im Gebirge. Deshalb vergrößere sich die Wassermasse in der Atmosphäre und der Wasserspiegel der Ozeane und Meere steige. Falls der Pegel der Ostsee sich nur um einen Meter erhöhe, stehen bereits Teile Rigas unter Wasser. Sollte er um fünf Meter höher werden, wie im ungünstigsten Fall vorhergesagt wird, müssten sich die Einwohner Lettlands auf den Gaiziņkalns retten. Dieser ist mit 311 Metern der höchste Berg des Landes.

Unwetterhimmel über der Ostsee

Dieses Bild von Arnold Paul gehört zu den "exzellenten Bildern" der deutschen Wikipedia-Seiten. Es zeigt ein entstehendes Unwetter über der Ostsee.

 

Zeit der Ungewissheiten

Angela Merkel erweist sich als Anführerin der Anti-Akw-Bewegung. Die vielgeschmähte Bild-Zeitung entpuppt sich als investigatives Kampfblatt, das dem deutschen Bundespräsidenten die Leviten liest. Der oft kritisierte Internationale Währungsfonds, der den Parlamentariern das Recht nimmt, über den eigenen Staatshaushalt zu entscheiden, könnte zum Retter der ungarischen Demokratie werden. Auf lieb gewonnene Pauschalurteile (bzw. Pauschalverurteilungen) ist kein Verlass mehr. Eigentlich müssten Ökologen Rezessionen fordern: Die Webseite der Organisation Zaļā brīvība liefert entsprechende Argumente. Im Krisenjahr 2009 schrumpfte die lettische Wirtschaft um mehr als 17 Prozent. Das bedeutete weniger Produktion und Verkehr, also auch weniger Verbrauch fossiler Brennstoffe und weniger Treibhausgase in der Luft. Lettland und einige andere osteuropäische Staaten gehören heute zu den wenigen Ländern auf der Welt, die, verglichen mit 1990, weniger statt mehr Kohlendioxid freisetzen.

 

Externe Linkhinweise:

apollo.lv: Klimata izmaiņu dēļ Latvija nākotnē, iespējams, atradīsies zem ūdens

zb-zeme.lv: Latvijas klimata politika

tvnet.lv: Kurzemē vējš sasniedzis 31m/s; naktī vētra pierims

delfi.lv: Ventspilī vēja brāzmas sasniedz 31 metru sekundē; bez elektrības palikušo skaits Latvijā dubultojies

 

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