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Münster, 24.8.2017
Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ IV PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 09. August 2017 um 00:00 Uhr

4. Teil: Zaklis` Wandlung zum Anarchisten

Links zu den übrigen Teilen:

Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ III

Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ II - Mernieks

Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ I - Janis Zaklis

Anarchistische Katze„Alles geschah am hellichten Tag, neben dem Marktplatz, der voll von Leuten war. Wir gingen frei in die Bank rein und taten das, weshalb wir gekommen waren.“1 So beschrieb Eliass Gederts 1972, also zur Zeit, als Lettland eine sozialistische Sowjetrepublik war, die „Expropriation“ der russischen Staatsbank in Helsinki im Februar 1906. Drei Jahre vor seinem Tod äußerte sich Gederts als erfolgreicher Maler, der an der Lettischen Kunstakademie gelehrt hatte. Ruff hatte am Anfang seiner Recherchen Gederts mit Zaklis alias Peter the Painter verwechselt. Gederts war als 19jähriger Revolutionär am kühnen Raubzug beteiligt - als Mitglied einer mehr als 20 Männer umfassenden Gruppe, welche im Auftrag Lenins in der Staatsbank Geld für die Parteikasse der russischen Sozialdemokraten erbeuten sollte.

Die Katze als Symbol des Anarchismus, Foto: Nobody knows - My own archive, Attribution, Link

Ruff nennt die Summe von mehr als 170.000 Rubel, damals eine enorme Geldmenge. Die Gruppe bestand aus lettischen LSDSP-Genossen, die zuvor auf der Flucht vor Orlows Strafexpeditionen im Petersburger Untergrund Zuflucht gesucht hatten. Der Anführer des Überfalls war Janis Luters. Einige Wochen zuvor hatten ihn LSDSP-Genossen mit Waffengewalt aus seiner Arrestzelle der Rigaer Geheimpolizei geholt. Zu den Befreiern gehörte neben Gederts auch der Vorsitzende der bewaffneten LSDSP-Abteilung, Zaklis alias Mernieks. Alle drei waren nun an der sozialistischen Geldakquise in Helsinki beteiligt.

Dass die `Expropriateure` ihre Tat nicht aus persönlichem Eigennutz begingen, verdeutlicht Luters` Ansprache an die überwältigten Bankangestellten: „Im Namen des revolutionären Komitees beschlagnahmen wir die Kasse! Hände hoch!“ In der Darstellung des Geschehens finden sich Ungereimtheiten. Gederts behauptet, dass bei dieser Aktion niemand ums Leben gekommen sei - die lettische Wikipedia dagegen, dass das Bandenmitglied namens Treitmanis einen Wärter erschossen habe – ausgerechnet Treitmanis, er war einer der beiden Agenten, die der russische Geheimdienst in die Bande eingeschleust hatte. Laut lettischer Wikipedia2 sei sein Auftrag gewesen, in einem unbeobachteten Moment den Alarmknopf zu drücken. Doch seine Mittäter hatten zuvor die Alarmleitung gekappt, hatte Treitmanis das nicht gewusst?

Ruff hat eine andere Erklärung3. Der russische Geheimdienst Ochrana sei daran interessiert gewesen, dass der Überfall stattfindet. Die Finnen hassten ihre russischen Herrscher und sympathisierten mit den baltischen Revolutionären. Den politisch motivierten Raubzug habe das Zarenregime nutzen wollen, um die Zügel anzuziehen und den Finnen Autonomierechte zu nehmen. Trotz des Verrats der Agenten gelang einem Teil der Helsinki-Täter die Flucht, auch die Beute blieb größtenteils in ihren Händen.

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Lettische Kunstausstellungen im August 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 05. August 2017 um 07:16 Uhr

1000 Marienbilder und mehr

Biruta Baumane, SelbstporträtAls die abendländische Gesellschaft entdeckte, dass der Nachwuchs nicht aus kleinen Mängel-Erwachsenen besteht, sondern Kinder sind, begann auch die Zeit der Kindermode, die so manche zweifelhafte Wunschvorstellung der Erwachsenen ins Kindliche projizierte - Deutsche mögen dabei an den wilhelminischen Matrosenanzug denken, in denen die Jungs gesteckt wurden, weil sie später mal Deutschlands "Platz an der Sonne" erobern sollten. In Riga widmet sich eine Ausstellung den lettischen und sowjetischen Kindermoden und stellt deren Bezug zu gesellschaftlichen Vorstellungen dar. Wenn es politisch zwischen den Ländern hapert, baut die Kunst Brücken: Die Letten präsentieren Werke aus der goldenen Zeit der russischen Kunst. Bei allem politischen Knatsch sind die Letten immer Verehrer der russischen Kunst und Kultur gewesen. (Für lettische Leser: "Knatsch" ist ein Slangwort und bedeutet Streit,  Ärger). Biruta Baumane präsentiert in ihren Werken herbe Schönheit und der Weißrusse Alexei Kuzmich die Schönheit der Madonna, in der sich die Schönheit der weißrussischen und slawischen Frau schlechthin widerspiegelt. Kuzmich wird der "weißrussische Raffael" genannt. Mit über 1000 Marienbildern ging er ins russische Rekordbuch CIS ein. Mit seinem Frauenbild dürfte er in feministischen Kreisen muntere Debatten anheizen. Hier die Übersicht über neue Kunstausstellungen im August, zusammengestellt aus Texten der Museums-PR.

Biruta Baumane, Selbstporträt, Foto: Normunds Braslins, LNMM-Sammlung

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Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ III PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 02. August 2017 um 00:00 Uhr

3. Teil: Die Brandstifter

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Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ IV

Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ II - Mernieks

Das lettische Vorleben des Anarchisten „Peter the Painter“ I - Janis Zaklis

Massendemonstration 1905 in DundagaAugust Bielenstein, evangelischer Pastor in Dobele (Doblen), hat sich als Sprachforscher und Ethnograph Verdienste erworben. Seine Bücher sind ein wichtiger Beitrag zur lettischen Kulturgeschichte. Er glaubte zu wissen, weshalb die Letten 1905 den Gehorsam verweigerten, streikten und schließlich sogar die Herrensitze des deutschbaltischen Adels in Brand steckten, seine eigene Bibliothek ging damals in Flammen auf.

Massendemonstrationen fanden 1905 auch auf dem Land statt, wie hier in Dundaga, Foto: Saite

Bielensteins Argumente, weshalb es angeblich zum Aufruhr kam, werden auf der lettischen Wikipedia-Seite1 zum Revolutionsjahr vorangestellt: Der Druck der orthodoxen Kirche, um evangelische Letten zum Konfessionswechsel zu bewegen; Schriften wie die von Letten herausgegebene „Petersburgas Avize“, die den Nationalismus geschürt und Hass gegen Deutsche gesät hätten, die nationalistische Agitation des Lettischen Vereins in Riga; die Russifizierungspolitik des Zaren; lettische Bauernsöhne, die sich in Moskau oder an anderen russischen Universitäten einschrieben, um dann den nihilistischen, sozialdemokratischen Geist russischer Studenten mit nach Hause zu bringen. Fremde hatten also Bielensteins lettische Schäfchen verdorben, ihnen den Geist des Ungehorsams und des Widerstands in den Kopf gesetzt.

So erklären sich Eltern die Verdorbenheit ihrer Kinder. Und darin lag die eigentliche Ursache des Konflikts: Die deutschbaltische Oberschicht pflegte ein patriarchalisches Verhältnis zu den Letten, die als Untertanen, also als Herrschaftsobjekte mal fürsorglich, mal repressiv behandelt wurden. Bielenstein hielt Letten für zu unreif, um selbst Politik zu machen und einen Staat zu regieren. Der Zorn der für unmündig gehaltenen Aufständischen richtete sich gegen diese hochmütige Fremdherrschaft deutschbaltischer Gutsherren und Pastoren, von denen sie keine Befehle und Vorschriften mehr akzeptierten. Im Sommer 1905 formte sich der Unmut zum Massenprotest, der in blutiger Gewalt endete.

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