Nachricht des Tages (19.4): Dank Geschwistermordes Zuwachs für Schreiadler-Population in Deutschland Druckbutton anzeigen?
Donnerstag, den 19. April 2007 um 15:52 Uhr
Bereits Anfang Juni könnte es in einigen Schreiadler-Horsten Lettlands unruhig zugehen. Was eigentlich strengSchreiadler-Paar verboten ist, werden die örtlichen Tierschützer dank einer Vereinbarung mit der Deutschen Wildtier Stiftung und behördlicher Zustimmung ganz legal tun: Nestlinge zu entfernen. Und damit vor dem sicheren Tod bewahren. Denn die grazilen Greifvögel neigen dazu, ihre Bestände auf eine etwas unapettitliche Weise zu dezimieren: durch Geschwistermord. Dieses Verhalten wollen sich nun Biologen zunutze machen, um den Schreiadler in Deutschland vor dem... Aussterben zu bewahren.
 
Schreiadler-Paar. Darstellung aus Naumann, Naturgeschichte der Vögel
Mitteleuropas (1905) bei Wikipedia
 
Des Rätsels Lösung: "Adlerküken haben die befremdliche Angewohnheit, ihre jüngeren Geschwister umzubringen. Dieses Phänomen bezeichnen Ornithologen als Kainismus, nach der alttestamentlichen Geschichte vom Mord Kains an seinem jüngeren Bruder Abel.

Schreiadlerweibchen legen meist zwei Eier. Zuerst schlüpft Kain, wenige Tage später pellt sich Abel aus der Schale. Alsbald inszenieren die weißen Federbälle ein Familiendrama. Kain geht auf den Schwächeren los und pickt ihn blutig. Abel verfällt in Demutshaltung, bettelt kaum um Futter und bekommt entsprechend wenig ab von der Atzung. Kain gedeiht, Abel mickert, ungerührt gucken die Eltern zu. Schließlich scheucht Kain sein Geschwister aus dem Horst. Oder hackt es tot", beschreibt Kollege Hans Schuh in der Zeit das dramatische Geschehen (8. Februar). Der "Schreiadler-Papst" Lettlands, Ugis Bergmanis, weiß zu berichten, daß 97,5% der jüngeren Küken dank Kainismus die erste Woche nicht überleben (Diena, 19. April).
Schreiadler-Nestling
Hat so einen niedlichen Schnabel, kann aber
Brüderchen oder Schwesterchen massakrieren:
Schreiadler-Küken. Photo: Deutsche Umwelt
Stiftung 

Überließe man die jüngeren Küken, die Abels also, dem Lauf der Natur, bzw. ihrem Schicksals, wären sie ohnehin dem Tod geweiht. Warum sie also nicht so retten, daß sie der schrumpfenden Spezies erhalten bleiben, muß sich da Bernd-Ulrich Meyburg in Berlin gedacht haben. Im beruflichen Leben angesehener Chef einer Klinik für kosmetische Chirurgie in Berlin, ist er in seiner Freizeit ausgesprochener Adlerfan und -forscher. Gesagt, getan. Und so funktioniert es: "Man pflücke Abel möglichst rasch nach dem Schlüpfen aus dem Nest und päppele ihn von Hand auf, ohne prägenden Sichtkontakt zu Menschen. Wenn das erste Federkleid gewachsen ist, setze man ihn zurück in den Horst. Denn Kains Killerinstinkt lässt mit der Zeit nach, er schwindet mit dem Flaum. Auch die Alten ziehen das untergeschobene Junge anstandslos auf".

Im Kleinen hat B.-U. Meyburg dieses Konzept bereits 1968 bis 1974 in der Slowakei erfolgreich erprobt. Nun soll es in Zusammenarbeit mit Lettland im größeren Maßstab umgesetzt werden. Denn was die Schreiadler-Population angeht, besteht zwischen den beiden Ländern ein krasses Mißverhältnis: vor allem in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern brüten gerade einmal 109 Paare, während es in der Baltenrepublik geschätzte 3000 bis 5000 sind, etwa 10% des weltweiten Bestandes. Also lautet die Parole: aus dem Vollen schöpfen. Will heißen: in den kommenden fünf Jahren sollen aus den Horsten im ostlettischen Reservat Teici insgesamt 50 Abel-Nestlinge entfernt werden. "Die frisch geschlüpften Schreihälse werden zunächst im Zoo von Riga, der einschlägige Erfahrung im Adlerzüchten hat, einige Wochen lang aufgezogen. Per Direktflug gelangt die Importware über Berlin-Tegel zur Weiterpflege in eine Außenstelle des Landesumweltamtes Brandenburg, in die Naturschutzstation Woblitz im idyllischen Himmelpfort.
 
'Alles läuft ohne Sichtkontakt zu Menschen, um Fehlprägungen der Jungvögel zu vermeiden', erklärt Margit Meergans, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Wildtier Stiftung den Schreiadlerschutz betreut". Später werden die Jungvögel ihren neuen Zieheltern gewissermaßen untergejubelt.

Auch U. Bergmanis zeigt sich überzeugt, daß dieser Trick klappt: "Die Alten  werden den Jungvogel akzeptieren - das ist eine bewährte Methode". Als Gegenleistung für die Bestandsverbesserung hat die deutsche Seite Mittel für die Einrichtung von 50 bis 60 Mikroschutzgebieten in Lettland zugesagt.
 
Schreiadler 
Kleinsäuger, Frösche und Schlangen fest im Blick und
auf der Suche nach Paten: deutscher Schreiadler.
Photo: Deutsche Umwelt Stifung

Im übrigen: die Deutsche Wildtier Stiftung bietet die Möglichkeit, als Pate den Erhalt der Schreiadler-Population mit einer Spende zu unterstützen. Ihr Angebot:
"* 22 Euro helfen uns, hundert Quadratmeter Moorfläche in Mecklenburg- Vorpommern als Nahrungsraum für die dort lebenden Schreiadler zu sichern!
* 45 Euro reichen aus, um einen Jungvogel kurz nach dem Schlüpfen vor dem Zugriff durch den aggressiven älteren Nestling zu bewahren.
* 70 Euro kostet die artgerechte Aufzucht eines geretteten Schreiadler- Nestlings bis zum Wiedereinsetzen in das Nest".
Weitere Infos unter http://www.deutschewildtierstiftung.de/spenden-helfen/
patenschaftsprogramm/schreiadlerschutz/index.php

-OJR-