Lettische Kunstausstellungen im Juli 2020 Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 02. Juli 2020 um 00:00 Uhr

Von flüsternden Wäldern und geschwätzigen Pflanzen

Zarins, das Grab des DichtersRihards Zarins gehört zu den Gestaltern lettischer Nationalsymbole. Er entwarf das Porträt der Frauenfigur, die heute auf der lettischen Ein-Euro-Münze abgebildet ist. Zarins war durch die Kunstströmungen geprägt, die um 1900 vorherrschten: Symbolismus, Nationalromantik und Jugendstil. Seine Radierungsserie “Was lettische Wälder flüstern” wurde zum Titel der aktuellen Ausstellung im Nationalmuseum, die die Vorliebe des Grafikers für sagenumwobene lettische Landschaften offenbart. Der Zukunft zugewandt ist die Kunst-Botanik, die im Kunstzentrum “Kim?” zu erleben ist. Die Vision, mit Pflanzen und anderen Lebewesen des Weltalls ins Gespräch zu kommen, wird spielerisch erprobt. Für Liga Skarina sind hingegen leblose Materialien die Inspirationsquelle. Deren Form wird ihr zum Inhalt. Aus der Beschäftigung mit dem Material gewinnt die Keramikerin ihre Ideen. Hier die Zusammenfassung von PR-Texten lettischer Museen für den Monat Juli.

Rihards Zarins, Das Grab des Dichters, Foto: Normunds Braslins/ LNMM

Riga: Rihards Zarins - Was lettische Wälder flüstern

Lettisches Nationalmuseum der Kunst, Großer Saal im Hauptgebäude, Jana Rozentala laukums 1, Riga, 4.7. bis 25.10.2020

Er gilt als Designer lettischer Nationalsymbole: Lettlands Wappen, Briefmarken, Münzen, Banknoten und Wertpapiere wurden nach seinen Entwürfen vervielfältigt. Der Maler Janis Rozentals, mit dem Zarins befreundet war, bezeichnete ihn als einen der seltenen Charaktere “in denen die besondere Kraft einer Sprungfeder innewohnt, so dass sie kein Schicksalschlag niederringen kann.” Von seiner Energie zeugen die zahlreichen Tätigkeiten als Gründer und Leiter der Grafikwerkstatt der Kunstakademie, als Chef der lettischen Staatsdruckerei für Wertpapiere, als Mitarbeiter der Satirezeitschrift Svari und als Gestalter zahlreicher Drucke und Radierungen.

Rihards Zarins kam 1869 auf dem Gutshof Kegeln bei Valmiera als Sohn des Gutsverwalters zur Welt. Seine Eltern sprachen mit ihm Deutsch. Später zog die Familie nach Ligatne, wo der Vater als leitender Arbeiter der dortigen Papierfabrik eingestellt wurde. Rihards` Interesse an der Druckkunst geht wohl auf seiner Zeit in Ligatne zurück. Seine Lehrer erkannten das künstlerische Talent und vermittelten ihm Zeichenunterricht beim Architekten und Kunsthistoriker Wilhelm Neumann in Daugavpils. 1888 zog Zarins zu Verwandten nach Petersburg, wo er bis 1895 die Stieglitz-Schule für technisches Zeichnen absolvierte. Er spezialisierte sich auf Holzschnitte und Radierungen. Mit Hilfe eines Stipendiums der Stieglitz-Schule unternahm er eine vierjährige Bildungsreise, lernte in Deutschland bei Alexander Zick, Rudolph Seitz und Maximilian Dasio, in Wien beim Radierer und Kupferstecher William Unger. Schließlich studierte er in Paris Lithographie-Techniken der Plakatkunst.

Um die Jahrhundertwende arbeitete er in der staatlichen Druckerei für Wertpapiere in Petersburg. Diese Berufserfahrung nutzte ihm, als er 1919 ins unabhängige Lettland zurückkehrte, um die Druckerei für Wertpapiere des neuen Nationalstaats zu leiten. Mit Vilhelms Krumins gestaltete er 1921 das lettische Nationalwappen. 1929 entwarf Zarins den Frauenkopf für eine 5-Lats-Silbermünze. Dieses Porträt wurde zum lettischen Freiheitssymbol. Zelma Brauere, eine junge Angestellte Zarins`, die in der staatlichen Druckerei Vorlagen überprüfte und korrigierte, hatte für ihn Modell gestanden. Heutzutage ist sie auf der lettischen Ein-Euro-Münze zu sehen. Neben Münzen, Banknoten, Briefmarken und Wertpapieren gestaltete die Fleisch gewordene Sprungfeder Illustrationen für Bücher, Buchmarken, Postkarten und zeichnete Karikaturen für das Satiremagazin Svari. Außerdem gründete er die Grafikwerkstatt der Lettischen Kunstakademie, die er von 1921 bis 1936 leitete. In der Ausstellung sind auch Werke seiner Schüler zu sehen.

Zarins war ein Künstler der Jahrhundertwende, sein Stil war (national)romantisch und symbolistisch, zuweilen erinnern die Drucke feiner Linien an den Jugendstil. Bei der Motivwahl ließ er sich von lettischer Mythologie und Folklore inspirieren. Die Ausstellung zeigt einen Überblick über seine 40jährige vielfältige Schaffenszeit. Die Radierungsserien “Was lettische Wälder flüstern”, die zwischen 1908 und 1930 entstand und “Das Grab des Dichters” um 1913 gelten als internationaler Nachweis lettischer Kunstqualität und wurden auf zahlreichen Ausstellungen in den Hauptsstädten der Nachbarländer gezeigt. Kuratorin Marita Berzina: “Die Ausstellung zu Rihards Zarins und seiner bekanntesten Serie `Was lettische Wälder flüstern` bezeugen das so charakteristische Interesse des Künstlers an den von Sagen und Erzählungen umrankten romantischen Wäldern der Heimat, deren geheimnisvolle Stimmung zu erspüren jeder Ausstellungsbesucher aufgefordert ist."

Zarins, Laipa

Rihards Zarins, Der Steg, Foto: Normunds Braslins/ LNMM

Riga: Una Hamilton Helle, Eltons Kuns, Uma Breakdown, Erik Martinson - Alles Leben ist grün

“Kim?”, Zentrum für zeitgenössische Kunst, Sporta iela 2 k-1, Riga, bis 23.8.2020

Das Künstlerquartett ließ sich vom Science-Fiction-Genre inspirieren. Im Roman “All Flesh is Grass” von 1965 erzählt Clifford D. Simak von einer Kleinstadt, die auf unerklärliche Weise durch eine unsichtbare Barriere vom Rest der Welt abgeschnitten wird. Der Hauptfigur Brad Carter gelingt es, mit den eigenartigen Kreaturen, die die sonderbare Sperre errichteten, Kontakt aufzunehmen. Er wird zum Botschafter dieser außerirdischen Lebewesen, die eine blütenartige und purpurfarbene Gestalt haben. Er plädiert dafür, dass alle Lebewesen des Alls friedlich koexistieren. Der Spruch “All Flesh is grass” (Alles Fleisch ist Gras) ist eine traditionelle Grabinschrift, die den Toten gewidmet ist, die sich wieder mit der Erde vereinigt haben, um den Lebenszyklus zu erneuern. Pflanzen sind auch Protagonisten des Films “The plants are Watching (The Kirlian Witness)” von 1979. Regisseur Jonathan Sarno drehte diesen Streifen, der als erster botanischer Thriller der Filmgeschichte gilt. Rilla, die Hauptfigur, will den frühzeitigen Tod ihrer Schwester aufklären, entdeckt dabei deren Zuneigung zu Blüten und Blattwerk. Durch ein Buch, das sich mit dem geheimen Leben der Pflanzen beschäftigt, wird Rilla auf ein bestimmtes Gewächs aufmerksam, das stiller Zeuge des Mordes an ihre Schwester ist. Rilla versucht, sich mit der Pflanze zu verständigen, um den Mörder zu finden.

Inspiriert durch diese Vorlagen gestalten die Vier die Kim?-Räume als Stätte für Live-Theater und Online-Spiele. Sie richteten ein stilisiertes Laboratorium ein, ein Synthesizer sorgt für sphärische Klänge, mit Erde gefüllte Gefäße sind zu betrachten, die Geigen-Feige (Ficus Iyrata) präsentiert sich vor dem grünen Hintergrund eines Bildschirms. Im Lauf der Ausstellung werden nach und nach weitere Objekte die Räume anfüllen. Das Spiel berücksichtigt sowohl physische als auch virtuelle Szenarien und soll zuletzt öffentlich erprobt werden. Die ausgedachten Grenzen einer artübergreifenden Kommunikation werden als Ausgangspunkt für spekulatives Material betrachtet und jede Verbindung mit Lebewesen wird mit Achtung begegnet.

Zarins` 5-Lats-Münze

Zarins` 5-Lats-Münze mit Frauenkopf, Foto: LNMM

Daugavpils: Liga Skarina - Material. Form. Licht.

Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils, 3.7. bis 18.10.2020

“Mein Medium ist das Material - Ton, Stein, Porzellan. Durch den Kontakt mit diesen Materialien komme ich zu kreativen Ideen, visuellen Geschichten und skulpturalen Lösungen. Form hat beim Geschichtenerzählen eine enorme Bedeutung. Volumen, Größenverhältnisse und Maßstab bilden das Rückgrat einer Komposition. Mich beschäftigt die Gestalt des Materials in der Dimension des Lichts, wo die Grenzen kompositorischer Ideen und Figürlichkeit verschoben werden,“ so kommentiert Liga Skarina ihr künstlerisches Schaffen. In der Ausstellung sind Keramikskulpturen und -leuchten zu sehen, die mit dem umgebenden Licht verwoben scheinen. Die Künstlerin wurde 1959 im lettgallischen Barkava geboren, absolvierte ein Studium an der Lettischen Kunstakademie, wo sie sich auf die Keramik-Kunst spezialisierte. Ihre Werke wurden vielfach ausgestellt und sie erhielt zahlreiche Preise.