logo
Münster, 25.5.2020
Die vergessenen Deutschbalten: Der “landische Mittelstand” der Ostseeprovinzen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 21. Mai 2020 um 00:00 Uhr

Vom adelsgleichen Gutspächter bis zur Ausspeiserin

Brotze, AscheradenDie Vorstellungen über Deutschbalten sind mit Herrenhäusern und Adelstiteln verbunden; der Kundige erinnert sich zudem noch an das Leben und Werk von “Literaten”, die in Dorpat (heute Tartu) studiert hatten und die in der gesellschaftlichen Hierarchie gleich hinter dem Adel rangierten. Diese privilegierte Doppel-Oberschicht schrieb die Geschichte aus ihrer Perspektive. Aber nur eine kleine Minderheit unter den Deutschbalten waren Barone, Baronessen oder Akademiker. Die meisten Deutschbalten, die auf dem Land lebten und arbeiteten, gehörten zur breit gefächerten Mittelschicht, die von adelsgleichem Wohlstand bis zu ärmlichen Verhältnissen reichte. Arthur Hoheisel veröffentlichte 1998 einen Aufsatz zum “landischen Mittelstand”.1 Er bezog sich auf überlieferte Statistiken und beschrieb die Berufe, die Deutschbalten und deutsche Zuwanderer ausübten. Für Kurland, wo die Zarenregierung 1797 eine Volkszählung durchgeführt hatte, um die Kopfsteuer einzuführen, liegen genauere Angaben vor. Demnach waren in dieser Ostseeprovinz 9 Prozent der Deutschen adelig, 5 Prozent Literaten, 3 Prozent Beamte und 83 Prozent “freie teutsche Leute”- also die Mittelschicht, die im Gegensatz zu den Letten sich nicht als Erbuntertänige deutscher Gutsherren verdingen musste, 17.109 Personen. “Es ist erstaunlich, daß eine zahlenmäßig so starke Bevölkerungsgruppe von den beiden im Land führenden deutschen Schichten - Adel und den Literaten - unbeachtet geblieben ist,” meint Hoheisel.

Zeichnung Johann Christoph Brotzes von 1809: Oben: die Burgruine von Ascheraden, unten Krug und Kirche von Ascheraden, Foto: Neaizsargāts darbs, Saite

Weiterlesen...
 
Kunstvideos des Lettischen Nationalmuseums PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 02. Mai 2020 um 05:16 Uhr

Tendenz einer antimaterialistischen Position

Pyramiden, BergwerkKunst sei ein Lebensmittel, behauptete noch jüngst der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Doch gerade in diesen Tagen lässt sich daran zweifeln. Niemand benötigt Kunst, um zu überleben; Lebensmittel befinden sich in den Supermarkt-Regalen, sie werden von Landwirten erzeugt, nicht von Künstlerinnen und Künstlern. Kunst ist auch nicht systemrelevant, sie soll es auch gar nicht sein. Das hätte etwas Ideologisches wie in Zeiten, als Kunst noch die Aufgabe hatte, in Kirchen biblische Szenen zu illustrieren. Die moderne Kunst sollte jedes System in Frage stellen, verstören, mit Unsystematischem bezaubern, Gewohnheiten zertrümmern, den Betrachter zu neuen Wahrnehmungen führen, den Horizont öffnen, ohne ein Ziel zu benennen, ohne einen Zweck zu verfolgen, kurzum: Sie soll frei sein. Kunst ist die Hoffnung, dass alles auch ganz anders sein könnte als das gewohnte, auf Kosten und Nutzen getrimmte Treiben. In Corona-Zeiten, in denen die Museen und Ausstellungshallen geschlossen sind, bietet das Lettische Nationalmuseum eine digitale Möglichkeit, sich von systemfreier Kunst inspirieren zu lassen. Elita Ansone hat auf der Museumswebseite 12 kurze Videoprojekte lettischer Künstlerinnen und Künstler zusammengestellt, die bis zum 31. Mai 2020 online bleiben. Die Kuratorin deutet auf die künstlerische Systemkritik: “In mehreren Arbeiten ist eine bestimmte Tendenz festzustellen, dass im Kontext dieser Krise eine gänzlich prophetische und antimaterialistische Position erkennbar wird. Der Eskapismus in der Natur, das Bedürfnis, die Welt in Zusammenhängen nach irgendeinem geeinten Prinzip zu erklären, die Unfähigkeit, Erfüllung und geistiges Wachstum in einer konsumistischen Kultur zu finden.” Vier dieser Videos werden unter “Weiterlesen” vorgestellt.

Bergwerksruine in Pyramiden, Spitzbergen, Foto: Es wird Arcimboldo als Autor angenommen (basierend auf den Rechteinhaber-Angaben). CC BY-SA 3.0, Link

Weiterlesen...
 
Die Zukunft des Richard-Wagner-Saals in Riga PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 25. April 2020 um 00:00 Uhr

Verein will mit Spendengeldern sanieren

Wagner-Saal in RigaDie einen preisen ihn als das große Genie des “Gesamtkunstwerks”. Die anderen kritisieren ihn als Antisemiten und rücksichtlosen Egomanen, der Freundschaften missbrauchte und vor Gläubigern floh. Richard Wagner (1813-1883) spaltet bis heute in Anhänger und Gegner. Touristen, die Rigas Altstadt besuchen, entdecken den Bezug des Komponisten zur baltischen Metropole: An der kleinen Riharda-Vagnera-Iela befindet sich der gleichnamige Konzertsaal. Dort wirkte Wagner von 1837 bis 1839 als Kapellmeister, führte Werke von Beethoven, Mozart oder Rossini auf. Hier arbeitete der Twen an seiner ersten eigenen Oper, die noch nichts Teutonisches, sondern einen altrömischen Volkstribun zum Inhalt hatte: Rienzi. Damit sollte der ehrgeizige Musikschaffende die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts auslösen: Die holden Klänge verzauberten Adolf Hitler derart, dass er sich berufen fühlte, als Reinkarnation Rienzis Deutschland zu retten: „In jener Stunde begann es!“ soll der verkannte Künstler seiner Freundin Winifried Wagner verraten haben. Der schillernde Name des Hausherrn der Villa Wahnfried bewirkte allerdings, dass das öffentliche Interesse am denkmalgeschützten Konzerthaus nicht verloren ging. Zunächst wurde es als Theater im Zeitalter der Aufklärung kultureller Treffpunkt der damals deutschbaltisch geprägten Stadt, der nach dem Bau größerer Theater- und Opernhäuser seine Bedeutung einbüßte. Derzeit steht das Gebäude leer und ist baufällig. Der Rigaer Wagnerverein will es retten und wiederbeleben.

Historische Abbildung des Wagner-Saals, Foto: Alte Abbildung des Wagner-Saals, Foto: Saite

Weiterlesen...
 
<< Start < Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Weiter > Ende >>

Seite 1 von 48

Keine aktuellen Veranstaltungen.


(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||