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Münster, 24.11.2017
Umfangreichste Ausstellung moderner deutscher Kunst in Riga eröffnet PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 18. Juni 2016 um 00:00 Uhr

Goethes „Wahlverwandtschaften“ als Titel einer viel beachteten Werkschau

Plakat zu den

Ausstellungsplakat, Foto: LNMM

In Goethes gleichnamigem Roman definiert eine Figur den chemischen Begriff „Wahlverwandtschaften“: „Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich ein C, das sich ebenso zu einem D verhält; bringen Sie nun die beiden Paare in Berührung: A wird sich zu D, C zu B werfen, ohne daß man sagen kann, wer das andere zuerst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder verbunden habe.“ Das Prinzip ist auf Verbindungen jeglicher Art übertragbar. Bei Goethe ruiniert es Ehen, in der Kunst bewirkt es Trennung und Herstellung von Beziehungen. Es wird dekonstruiert und konstruiert. So werden stereotype Vorstellungen aufgelöst und neue Perspektiven eröffnet. Die bislang größte lettische Ausstellung über deutsche Kunst folgt diesem Leitmotiv. Die Organisatoren präsentieren 77 Werke von 52 bekannten Künstlern. Kurator Mark Gisbourne stellt folgende vier Leitlinien vor, zwischen denen der Besucher der Kunsthalle Arsenals (Torna iela 1) neue Beziehungen stiften kann: A: Expression, Imagination und Subjektivität, B: Geschichte und Geschichten, C: Abstraktion und Konzeption sowie D: Präsentation und Kritik. Auch die neuere deutsche Geschichte lässt sich wahlverwandtschaftlich deuten: Bis 1989 malten, zeichneten und formten deutsche Künstler getrennt dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs.

 

Ein außergewöhnliches Ereignis

Die Ausstellung, die einen Wert von mehr als 100 Millionen Euro hat, stammt aus deutschen, schweizerischen, us-amerikanischen und israelischen Sammlungen. Sie zeigt Werke von 1960 bis heute. Gisbourne hat auf eine chronologische Anordnung verzichtet. Der Betrachter soll in die Lage versetzt werden, unabhängig von der zeitlichen Entstehung Bilder, Zeichnungen, Skulpturen und Videoinstallationen zu vergleichen und in Beziehung zu setzen. Māra Lāce, Leiterin des Nationalmuseums und Astrīda Rogule, Arsenāls-Projektleiterin, beschrieben in der Radiosendung Kultūras Rondo die Rigaer Wahlverwandtschaften als außergewöhnliches Ereignis. Man habe sich kurzfristig im letzten Jahr entschlossen, diese qualitativ hochwertige Ausstellung ins Programm zu nehmen. Sie komme ganz Riga zugute. Deutsche und britische Medien berichteten darüber. Sie soll Touristen, aber auch ein breiteres lettisches Publikum locken, das nun die deutsche mit der lettischen Kunst vergleichen könne. Die deutsche sei weniger lieblich. Sie bilde die Härten gesellschaftlicher Widersprüche ab, auch die Ästhetik des Hässlichen.

Katharina Grose

Katharina Grosse, Ohne Titel, 2009, Foto: LNMM

Opposition gegen Kinder, Küche, Kirche

Die Kunstexpertinnen erinnerten an die 60er Jahre, als sich in Westdeutschland der Wohlstand verbreitete und eine Kinder-Küche-Kirche-Mentalität vorherrschte, damals opponierten die Fluxus-Künstler. Der Besucher wird zudem Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West wahrnehmen: Im geteilten Deutschland entwickelten sich diverse Zentren und Schulen, neben Ost- und Westberlin Lepzig und Dresden im Osten sowie Düsseldorf, Frankfurt u.a. im Westen. Neben den Exponaten prominenter Verstorbener wie Joseph Beuys oder Jörg Immendorff sind aktuelle Werke zu betrachten. Filmkünstler Julian Rosefeldt wählte ebenfalls einen Literaturtitel zum Leitmotiv - Sebastian Brants “Narrenschiff” stand Pate. Rosefeldt thematisiert den widersprüchlichen Umgang der Deutschen mit der Nationalfahne, wie er beispielsweise bei Fußballländerspielen sichtbar wird. Norbert Byski und Ruprecht von Kaufmann bilden den Terrorismus, seine Ursachen und die Reaktionen auf ihn ab. Die Ausstellung ist bis zum 21.8.2016 zu besichtigen.

Byski

Norbert Byski: Marschgepäck, 2008, Foto: LNMM

Konferenz und Katalog

In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut findet am 18. und 19.8.2016 eine Konferenz zur Ausstellung statt. Künstler, Experten, Galeristen, Kritiker und Kurator Gisbourne werden teilnehmen. Am ersten Tag sind „Die Rolle der Kunst bei der Entstehung des modernen Deutschlands“ und „Die Internationalisierung der deutschen Kunst – Die Kohl-Ära der 80er Jahre“ die Diskussionsthemen, am zweiten „Kunst-Strategien im wiedervereinigten Deutschland – von den 1990er Jahren bis ins Millennium”. Jeder Interessierte ist geladen, der Eintritt frei. Die Veranstaltung findet im Rigaer Goethe-Institut (Torņa iela 1, Eingang von der Klostera iela), statt. Sie ist dreisprachig, deutsch, lettisch, englisch. In diesen Sprachen erschien auch der Ausstellungskatalog. Er enthält u.a. Essays Mark Gisbournes, Christoph Tannerts, der das Künstlerhaus Bethanien leitet, sowie von Ojārs Spārītis, dem Präsidenten der Wissenschaftlichen Akademie.

Neo Rauch

Neo Rauch, See, 2000, Foto: LNMM

Die Künstler der ausgestellten Werke

A.R. Penck, Albert Oehlen, Alicja Kwade, Andreas Gursky, Anselm Kiefer, Anselm Reyle, Bernd Koberling, Bettina Pousttcchi, Candida Höfer, Christiane Möbus, Christoph Brech, Daniel Richter, Dieter Krieg, Frank Nitsche, Georg Baselitz, Georg Jiri Dokoupil, Gerhard Richter, Gert & Uwe Tobias, Gregor Hildebrandt, Hanne Darboven, Imi Knoebel, Jonathan Meese, Jorinde Voigt, Joseph Beuys, Julian Rosefeldt, Jörg Immendorff, Karl Horst Hödicke, Katharina Fritsch, Katharina Grosse, Marcel Odenbach, Markus Lüpertz, Markus Oehlen, Martin Kippenberger, Martin Kobe, Michael Wesely, Neo Rauch, Norbert Bisky, Olaf Nicolai, Philip Fuerhofer, Rainer Fetting, Reiner Ruthenbeck, Rosemarie Trockel, Ruprecht von Kaufmann, Sabine Hornig, Sigmar Polke, Thomas Florschuetz, Thomas Scheibitz, Thomas Schütte, Thomas Struth, Timm Ulrichs, Werner Büttner, Willi Sitte.

Baselitz

Georg Baselitz, Birken, 1972, Foto: LNMM

Externe Linkhinweise:

lsm.lv: Par Vācijas laikmetīgo mākslu

lnmm.lv: Elective Affinities

 

Gerhars Richter

Gerhard Richter, Rot, 1982, Foto: LNMM
 

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