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Münster, 16.12.2017
Seit 25 Jahren Domus-Rigensis-Tage PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 14. Juli 2016 um 00:00 Uhr

Fragen an den stellvertretenden Vorsitzenden Manfred von Boetticher

Mentzendorff-HausSeit einem Vierteljahrhundert treffen sich Deutschbalten und Letten in jedem Sommer in Riga. Sie nehmen an der Mitgliederversammlung ihres Kulturvereins Domus Rigensis teil. Dann folgt ein mehrtägiges Programm: Konzerte, Museumsbesuche, Bälle, Exkursionen und Vorträge. Die Themen reichen beispielsweise vom Stadtgründer Bischof Albert, den Ritterschaften, der deutschbaltischen Literatur, der Jugendstil-Epoche bis hin zum diesjährigen Schwerpunkt Paul Schiemann. Der liberale Politiker versuchte, nach dem Ersten Weltkrieg die deutschbaltische Minderheit in den lettischen Staat zu integrieren. Er lehnte Nationalismus und den aufkommenden europaweiten Faschismus ebenso wie den Bolschewismus ab. Dr. Manfred von Boetticher, bis zur Pensionierung Leiter des Hauptstaatsarchivs Hannover, engagiert sich in der baltischen Heimat seiner Ahnen. Er lehrt im Historischen Staatsarchiv in Riga das Transkribieren alter deutschbaltischer Handschriften, hält historische Vorträge und ist seit 2015 stellvertretender Vorsitzender des deutschbaltisch-lettischen Kulturvereins Domus Rigensis. Anlässlich der 25. Domus-Rigensis-Tage, die alljährlich im Sommer stattfinden, beantwortete er der Lettischen Presseschau einige Fragen.

 

Im Gebäude der ehemaligen deutschbaltischen Kaufmannsfamilie Mentzendorff in der Rigaer Altstadt, das heutzutage als Museum zu besichtigen ist, hat der Kulturverein Domus Rigensis sein Büro, Foto: LP

 

Welche Aufgaben und Ziele hat Domus Rigensis?

Die wichtigsten Ziele und Aufgaben von Domus Rigensis sind, laut Satzung, die Erfassung, Bewahrung und Pflege des kulturellen Erbes der Stadt Riga, die persönliche Begegnung von Letten und Deutschbalten und die Vermittlung von Kenntnissen zur gemeinsamen Geschichte.
Zur Wahrnehmung dieser Aufgaben wird zu Vorträgen und Ausstellungen geladen, die sich mit deutschbaltischen Themen, Personen und Ereignissen aus der Geschichte und Kultur Lettlands beschäftigen. Höhepunkte der jährlichen Veranstaltungen sind die Domus-Rigensis-Kulturtage Anfang Juli, die gern auch von den auswärtigen Mitgliedern und Gästen besucht werden.

 

Wie hoch ist ungefähr der Anteil der Deutschen bzw. Deutschbalten unter den Mitgliedern dieses lettisch-deutschen Vereins? Wieviele Mitglieder hat Domus Rigensis insgesamt?

Von derzeit 251 Mitgliedern leben 99 in Lettland, die übrigen 152 zumeist in Deutschland, aber auch in der Schweiz, England, Österreich, Finnland, den USA und Kanada.

 

Interessieren sich auch Jüngere für Domus-Rigensis-Aktivitäten?

Ein Interesse ist da – für die Mitglieder unter 30 Jahren besteht ein eigenes Jugendreferat „Domus Rigensis Juvenum“. Teilnehmer aus Deutschland und Lettland begehen regelmäßig zu Silvester die „JUVENUM-Tage“ mit einem kulturellen und geselligen Programm.

 

Erhält der Verein Unterstützung von deutschen und lettischen Behörden bzw. Organisationen?

Als Verein erhält „Domus Rigensis“ keinerlei Unterstützung. Für die Durchführung einzelner Veranstaltungen der Kulturtage gibt es in der Regel auf besonderen Antrag deutscherseits einen finanziellen Zuschuss von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

 

Die 25. Domus-Rigensis-Tage Anfang Juli waren dem deutschbaltischen Politiker und Journalisten Paul Schiemann gewidmet. Wäre sein Konzept des a-nationalen Staats eine Anregung für die derzeitig verfahrene Situation in Europa?

Über diese Frage denke ich seit meiner Schulzeit nach. Die weltweite, konsequente Umsetzung einer solchen eher abstrakten Vorgabe, die für die besondere Situation der ostmitteleuropäischen Staaten nach dem Ersten Weltkrieg entworfen wurde, scheint mir kaum umsetzbar. Zumindest tendenziell wäre aber eine stärkere Kulturautonomie in allen Staaten eine Möglichkeit, manche der derzeitigen Probleme in Europa zu entschärfen.

 

Was meinen Sie? Betrachten Letten das deutschbaltische Erbe als Teil ihrer Geschichte?

Das historische Erbe in Lettland wird sicherlich nicht von allen Letten als „deutschbaltisches Erbe“ verstanden. Die „staatliche Geschichte“ Lettlands vor dem „Staat Lettland“ ist aber derzeit ein durchaus aktuelles Thema – und ein Teil dieser „Geschichte Lettlands vor der Geschichte Lettlands“ war nun einmal deutschbaltisch geprägt.

 

Die Geschichte zwischen Letten und Deutschbalten war nicht reibungslos. Beispielsweise ist die Rolle der deutschbaltischen Landeswehr im Ersten Weltkrieg umstritten, die einerseits gegen den Roten Terror der Bolschewisten kämpfte, andererseits aber in der Schlacht von Wenden im Juni 1919 von einer lettisch-estnischen Armee geschlagen wurde. Versucht Domus Rigensis, eine gemeinsame Perspektive auf die lettisch-deutschbaltische Geschichte zu entwickeln oder bestehen im Verein unterschiedliche Sichtweisen fort?

Eine gemeinsame Perspektive auf die lettisch-deutschbaltische Geschichte auszuarbeiten und zu entwickeln, würde die Möglichkeiten eines kleinen Vereins wie „Domus Rigensis“ überfordern. Natürlich bestehen im Verein unterschiedliche Sichtweisen fort – die Trennungslinien laufen aber nicht immer zwischen Letten und Deutschen, sondern eher zwischen den Generationen oder im individuellen Bereich. Im Vordergrund steht nicht der Zwang einer „gemeinsamen Perspektive“, sondern die gemeinsame Bereitschaft, sich mit einer Geschichte, die als gemeinsame verstanden wird, auseinanderzusetzen.

 

Mal über Domus Rigensis hinausgehend: Wie betrachten Sie das wechselseitige Interesse zwischen Letten und Deutschen und die interkulturelle Zusammenarbeit insgesamt?

Da könnte mehr geschehen.

 

Wenn Sie eine Zukunftsvision wagen: Mit welchem Thema könnten sich die 50. Domus-Rigensis-Tage im Jahre 2041 beschäftigen?

Als Historiker vermeide ich Prognosen für die Zukunft – da habe ich mich schon zu oft verschätzt. Schön wäre es, wenn 100 Jahre nach den Ereignissen von 1941 die Nachkommen sämtlicher Betroffenen und Beteiligten problemlos miteinander über das Jahr der doppelten Okkupation sprechen könnten.

 


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