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Münster, 19.12.2018
Brederlo-von Sengbusch-Kunstpreis 2016 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 14. Oktober 2016 um 13:32 Uhr

"...wertvolle Mitteilungen über die Realität"

Mezule, Schütte, SengbuschIn der Vorhalle am Treppenaufgang der ersten Etage waren einige Stuhlreihen aufgestellt. Die etwa dreißig Plätze waren bald von Kunstinteressierten lettischer oder deutsch(baltisch)er Herkunft besetzt. Eine etwa gleich große Gruppe Studierender, die etwas später eintraf, musste sich auf die Treppe bequemen. An den neugotischen Säulen der Kunstakademie hatte man Blumensträuße zur Übergabe postiert. Jurģis Andersons machte sich am Flügel bereit, um Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" zu spielen. Die Versammelten sahen zum Vortragspult und auf die Wand, auf die ein Beamer Bilder projizierte. In diesem feierlichen Rahmen verlieh am 5.10.2016 eine siebenköpfige Jury den Brederlo-von Sengbusch-Kunstpreis. Zur Gruppe der Preisrichter gehörten u.a. Māra Lāce, Direktorin des Lettischen Nationalen Kunstmuseums, Prof. Aleksejs Naumovs, Rektor des hiesigen Hauses und Werner von Sengbusch, der seine Familie vertrat. Von Sengbusch gab nach seinem Vortrag die diesjährigen Gewinner bekannt. Er hatte zuvor an die Namensgeber des Preises erinnert, der seit 2006 alle zwei Jahre vergeben wird. Aus ihrer Geschichte wird klar, weshalb im Namen "Brederlo-von Sengbusch-Kunstpreis" ein Bindestrich fehlt.

Gewinnerin Ella Mezule mit dem deutschen Botschafter Rolf Schütte (Mitte) und Werner von Sengbusch nach der Preisvergabe, Foto: Karin Riede

 

Von Preisträgerinnen und Kunstfördern

45 Studierende hatten sich mit 57 Arbeiten beteiligt. Sengbusch deutete an, dass der Jury die Auswahl wegen der beachtlichen Qualität schwer gefallen sei. Die vier Gewinnerinnen erhielten jeweils 1000 Euro - im Fach Malerei: Ella Mežule und Marta Veinberga, in der Graphik: Dārta Stafecka und in der Skulptur: Una Stahovska. Zuvor hatte der Mäzen deutschbaltischer Herkunft an Friedrich Wilhelm von Brederlo erinnert - Brederlo ist also ein Familienname und nicht der eigenartige Vorname eines von Sengbuschs, deshalb fehlt der Bindestrich. Brederlo war ein deutschbaltischer Kaufmann im 19. Jahrhundert, der mit Wein handelte. Er hatte geschäftlichen Erfolg, wurde Ältester der einflussreichen Rigaer Kaufmannsvereinigung, der Großen Gilde, und später Ratsherr. Außerdem war er Vorsitzender des Börsen Comités und leistete damit auch in einer ungeplanten Weise der Verbreitung von Kunst Vorschub: Das Comité beauftragte den Architekten Harald Julius Bosse, am Domplatz ein prächtiges Gebäude für den Börsenhandel zu errichten. Es wurde 1855 fertiggestellt, stand zuletzt lange leer und wurde vor einigen Jahren in ein Museum für internationale Kunst umgebaut. Doch Brederlo wurde nicht derart zufällig zum Kunstfreund. Als Weinhändler unternahm er weite Reisen durch Europa, lernte unterwegs die Malerei ferner Länder kennen und schätzen. Er kaufte mehr als 200 Bilder holländischer, deutscher, italienischer und englischer Maler. Sie sind heute in jenem Haus zu betrachten, das Brederlos Comité einst als Börse bauen ließ.

Ella Mezules Bild

Das Bild von Ella Mezule, Foto: Karin Riede

Vererbtes Mäzenatentum

Sengbusch beschrieb Brederlos Charakter: "... ein einfühlsamer, allseits geliebter Mensch, der viel für seine Mitmenschen tat, für sie da war und sich um sie gesorgt hat." Dazu gehörte für den Kaufmann die finanzielle Unterstützung junger Künstler: "...so ermöglichte er dem jungen lettischen Maler Alexander Heubel (1813-1847) das Studium in Düsseldorf und Rom. Heubel war ihm so sehr ans Herz gewachsen, dass er ihn bei sich zu Hause aufnahm, als dieser krank aus Rom zurückkam. Im Hause Brederlo, in der Kleinen Sünderstraße 1, verstarb Alexander Heubel mit 34 Jahren, nach schwerer Krankheit." Auch die Künstler Georg Wilhelm Timm und Johann Karl Ulrich Bähr waren Freunde des Hauses Brederlo. Schließlich erklärte Werner von Sengbusch die Beziehung seiner Familie zu diesem Kunstliebhaber aus dem vorletzten Jahrhundert, der einen Kunstpreis mit fehlendem Bindestrich zur Folge hatte. "Unser UrUrGroßvater Wilhelm von Sengbusch heiratete 1834 die jüngere der beiden Stieftöchter Brederlos, Catharina Juliane. Wie sich später herausstellte, war das ein Glücksfall für unsere Familie, denn Wilhelms männliche Nachkommen wurden die Erben dieser umfangreichen und bis heute nicht nur kunsthistorisch wertvollen Gemäldesammlung. [...] Mit der Eröffnung des [...] Städtischen Kunstmuseums [...] wurde die 201 Bilder umfassende Brederlosche Sammlung im Jahre 1906 als Leihgabe der Familie Sengbusch in das Museum gegeben. Um die Tradition [der Kunstförderung] wieder zu beleben hat die heutige Generation der Familie Sengbusch, meine Schwester Karin Riede, meine Brüder Kurt und Günter und ich im Jahre 2005 den Brederlo – von Sengbusch – Kunstpreis für junge studierende bildende Künstler in Lettland ins Leben gerufen."

Bild von Marta Weinberga

So sehen die Plattenbau-Fassaden in den Vorstädten Rigas aus, nur nicht so farbig. Marta Veinberga verwendete keinen Pinsel, sondern klebte ihr Bild aus kleinen Rabattmarken aus den Supermärkten zusammen, Fotos: Karin Riede

Verdruss am Geschriebenen bewirkt Lust auf bildende Kunst

Zu den Gästen der Preisverleihung gehörte als Schirmherr der deutsche Botschafter Rolf Schütte. Er bedankte sich herzlich für Werner von Sengbuschs "uneigennützigen Einsatz", den er als "eine der besten Arten der Werbung für unser gemeinsames Heimatland Deutschland" bezeichnete. Dieser baue nicht nur Brücken zwischen Lettland und Deutschland. "Nein, es zeigt darüber hinaus, wie eng die freundschaftlichen Bande zwischen unseren Gesellschaften heute sind. Und das ist nach der wechselvollen deutsch-lettischen Geschichte keinesfalls selbstverständlich." In die Vorschusslorbeeren, mit denen Schütte die zu dieser Zeit noch nicht betrachteten Bilder und Skulpturen der jungen Künstler bekränzte, mischte der Diplomat einen gewissen Verdruss am geschriebenen Wort, von dem er sich auf dem anschließenden Rundgang durch die Ausstellung zu erholen trachtete. "Normalerweise verbringe ich einen großen Teil meiner Zeit damit, genau zu studieren, was Politiker, Journalisten, Wissenschaftler und Experten über Lettland sagen und schreiben. Auf diese Weise versuche ich zu verstehen, welche Themen gerade aktuell sind, welche auch Deutschland betreffen und wie wir vielleicht zusammenarbeiten können, um sie zu lösen. Dazu schreibe ich Berichte, gebe Handlungsempfehlungen ab und vereinbare neue Termine. Gemeinsam ist all dem, dass das angewandte Kommunikationsmittel dabei stets das Wort ist. Entweder in seiner geschriebenen oder gesprochenen Form. Heute ist das glücklicherweise zur Abwechslung einmal anders." Denn nun könne er sich auf "viel umfassendere Art und Weise visuell auseinandersetzen". Er zeigte sich gespannt auf die Themen, Techniken und Materialien, die die Künstler gewählt hatten. "Das sind natürlich keine so direkten Mitteilungen über aktuelle politische Themen. Aber sie sind viel mehr: Es sind ganz persönliche, individuelle, wertvolle Mitteilungen über die Realität der Gegenwart aus Ihren Augen. Und darauf bin ich sehr gespannt. Und ich bin mir sicher, dass einige der Kunstwerke einen tieferen und bleibenderen Eindruck bei mir hinterlassen werden als ein großer Teil der Worte, die ich ansonsten zu lesen oder zu hören bekomme."

Skulptur von Una Stahovska

Una Stahovska entwarf diese Skulptur, neben ihr: Werner von Sengbusch, Foto: Karin Riede

Auch ohne Wein und Speckpiroggen zu empfehlen

Neben Rolf Schütte hat die lettische Kulturministerin Dace Melbārde die Schirmherrschaft über den Kunstpreis übernommen. Auch sie fand in ihrer Grußbotschaft, die vorgelesen wurde, anerkennende Worte für die Familie von Sengbusch und für die Jury. Sie hoffe, dass der Preis die Geehrten ansporne, ihre kreativen Ziele zu erreichen. Nach der Preisvergabe begaben sich die Anwesenden in den angrenzenden Ausstellungssaal der Kunstakademie. Dort wurde ihnen Wein und Speckpiroggen serviert. Doch auch ohne diese kulinarische Zutat lohnt sich ein Besuch der Ausstellung (Kalpaka bulvāris 13), die noch bis zum 29.10.2016 zu sehen sein wird. Alle 57 Arbeiten aller Teilnehmer haben es verdient, betrachtet zu werden.

Darta Stahevska

Darta Stafecka gewann in der Sparte Graphik, Foto: Karin Riede
 

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