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Münster, 21.8.2017
Der 30. November 1941 in Riga PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 30. November 2016 um 00:00 Uhr

Als die Nazis vor 75 Jahren einen Adventstag in einen Blutsonntag verwandelten

Gedenken im Wald von Rumbula„An diesem ersten Advent des Jahres 1941 läßt der `Höhere SS- und Polizeiführer` Jeckeln eine Tötungsmacht von `mindestens 1.000, maximal 1.700 Männern` gegen die Juden des Ghettos aufziehen. Unter ihnen befinden sich fast alle deutschen Schutz- und Ordnungspolizisten, die in Riga stationiert sind, einschließlich ihrer Offiziere,“1 schreibt die Historikerin Anita Kugler. Sie hat die Biographie des eigenartigen Eleke Scherwitz erforscht, der in Riga während der deutschen Besatzungszeit ein KZ-Außenlager leitete. Er hatte versucht, viele seiner Gefangenen zu retten und es gibt Hinweise, dass Scherwitz selbst jüdischer Herkunft war. In diesem Zusammenhang hat Kugler auch die Taten der deutschen Besatzer umfassend dokumentiert. Die Jagd auf Juden begann gleich nach dem Einfall der Deutschen Wehrmacht, ab dem Juni 1941. Sonderkommandos und SS konzentrierten ihre Opfer zunächst in den Ghettos von Liepaja (Libau), Daugavpils (Dünaburg), Ludza (Ludsen) und Paplaka. Im Ghetto von Riga sollte sich im Herbst 1941 das ereignen, was die Historiker als eine der größten Mordaktionen des Holocaust verzeichnen werden. Die Nazis versäumten in ihrer Propaganda nicht, Letten gegen ihre jüdischen Mitbürger aufzuhetzen, einige von ihnen zur Kollaboration zu verführen. Stalins Tschekas hatten zuvor im Land gewütet. Für Hitler und Goebbels waren Bolschewisten, die Letten hingerichtet oder deportiert hatten, Teil der jüdischen Weltverschwörung. Letten ließen sich als Hilfspolizisten anheuern, die bei der Verfolgung halfen und die Ghetto-Insassen zur Exekutionsstätte transportierten. Das etwa 300 Mann starke Sonderkommando von Viktors Arajs beteiligte sich am Massenmord. Als Teil der „Endlösung“ verschleierten die Nazis auch diese Untat technokratisch: Diesmal nannten sie ihren Mordplan „Umsiedlung“2. Ab vier Uhr morgens werden die Ghetto-Bewohner aus ihren Wohnungen gezerrt. Schutzpolizisten schieben Wache, dass niemand entkommt. „Kinder drängen sich an ihre Mütter, Familien verlieren sich, es wird gesucht, es wird geschrien, es wird geweint, die Temperatur beträgt 7,5 Grad minus. Alte, Kranke, gehbehinderte Menschen werden von lettischen Kommandos auf offene Lastwagen geworfen und abtransportiert. Erste Schüsse fallen, dann viele. Allein auf der Ludzas iela bleiben 300 Menschen liegen, im ganzen Ghetto etwa 800.“3 Es war organisiertes Chaos. Aus Deutschland, dem besetzten Österreich und Tschechien sollten bald Eisenbahnwaggons mit deportierten `reichsdeutschen` Juden anrollen. Für sie musste im Ghetto Platz gemacht werden, deshalb mussten die lettischen Juden sterben. Nazis waren Meister der Auslese: Unter den lettischen Juden wurden zunächst junge starke Männer verschont, sie mussten in einen gesonderten Teil des Ghettos umziehen, sie ahnten, ihre Verwandten nicht mehr wiederzusehen. NS-Fehlplanung büßten die Opfer: „Um neun Uhr erreicht die erste Kolonne den Wald von Rumbula. Ihr Marsch ist unterwegs ein wenig verzögert worden, denn inzwischen ist auf dem nahe gelegenen Güterbahnhof Skirotava ein Zug der Reichsbahn mit 942 Juden aus Berlin angekommen. Zu früh angekommen? Es ist eine offene Frage, aber sie macht die Menschen nicht mehr lebendig. Die 942 Juden aus Berlin werden als erste zu den Gruben geführt und ohne Ausnahme zwischen 8.15 und 9 Uhr erschossen.“4

Gedenken am 29.11.2016 im Wald von Rumbula, Foto: Saeimas Administrācija

 

Das Verdrängen und Vergessen

Holocaust und Kollaboration sind nicht Teil der lettischen Erinnerungskultur. Doch zum 75jährigen Gedenktag gingen Politiker in den Wald von Rumbula und Historiker riefen auf, sich am Abend des 30. Novembers am Nationaldenkmal zu versammeln und Kerzen anzuzünden. Lolita Tomsone ist Leiterin des Zanis-Lipke-Museums. Lipke ist Lettlands bekanntester Retter. Er brachte sich selbst in Gefahr, um Juden ins Versteck zu bringen. Tomsone appellierte im Lettischen Radio am 26.11.2016, sich am Gedenken unter dem Motto „Wir erinnern uns, es schmerzt uns“ zu beteiligen: „Das zeigt nicht nur, dass Juden in Lettland lebten, sie waren lettische Einwohner, Rigenser, die Mitschüler unserer Großmütter und Großväter, Nachbarn.“ Der Historiker Kaspars Zellis fügte im selben Beitrag einen psychologischen Aspekt hinzu: „Der Holocaust ist ein riesiges Trauma, nicht nur für Juden, auch für Letten, die sich später gar nicht wünschten, sich an den Holocaust zu erinnern, denn das war zu schrecklich.“ Für Unbeteiligte bedeutete es einen ungeheuerlichen Schrecken mitzubekommen, wie Mitbürger zu Tausenden getötet wurden, dabei selbst hilflos zu sein, bei Protest vielleicht selbst erschossen zu werden. Das Unfassbare blieb auch das Unsagbare. Historikerin Una Bergmane nennt auf irlv.lv einen weiteren Grund für diesen Gedächtnisverlust. Die Erinnerung an eigene Mittaten beeinträchtigt die lettische Perspektive, sich selbst als Besatzungsopfer zu sehen, eine Opferkonkurrenz entsteht: „Zudem ist es schwer, über Rumbula zu reden, denn obwohl kein Historiker die Beteiligung des Arajs-Kommandos und lettischer Hilfspolizei an den ausgeführten Verbrechen bezweifelt, ist das für die Gesellschaft schwer zu begreifen, was da noch zu besprechen ist. Jüngst fragte ein empörter Landsmann nach der Aufforderung im sozialen Netzwerk Facebook, Rumbula zu gedenken, wütend, weshalb man gebeten wird, sich an die von Nazis ermordeten Juden und nicht an die von Kommunisten getöteten Letten zu erinnern. Das meint, jedem `seine` Toten. Und so schweigen wir nun und wenden uns ab, ähnlich wie man 1941 schwieg und so viele Letten den Blick von Rumbula abwendeten, wo tausende Menschen zugrunde gingen.“ Bergmane erinnert daran, dass die Zahl lettischer Retter ähnlich groß war wie die Zahl lettischer Mittäter. „Arajs und sein Kommando machen uns nicht zum Volk von Mördern, ebenso machen Zanis Lipke und die anderen Judenretter uns nicht zu Helden.“ und: „Arajs und sein Kommando waren Kollaborateure, die das Land verrieten und einer fremden Macht halfen, lettische Bürger zu töten. Wir sind nicht verantwortlich für ihre Verbrechen, doch wir sind verantwortlich für unsere eigene Einstellung ihnen gegenüber.“

Bahnhof Skirotava

Am Bahnhof Skirotava kamen die aus dem großdeutschen Reich Deportierten an, Foto: LP

Töten im Fließbandtakt

Das Töten in Rumbula erfolgte effizient und sparsam, Anita Kugler beschreibt es: „An jeweils drei Gruben wird gleichzeitig geschossen. An den flacheren stehen oder liegen am Rande die Schützen. Sie treffen von oben. In den großen Gruben stehen sie auf ihren Opfern und töten im Fließbandtakt die unter ihren Stiefeln Liegenden. Die russischen Maschinenpistolen sind auf Einzelfeuer gestellt, eine Kugel ins Genick für jeden Mann, jede Frau, jedes Kind. 30.000 Patronen sind für diesen Tag in Berlin bestellt worden. Säuglinge und Babys läßt man in den Armen der Mutter sterben. Sie werden erdrückt von den nächsten zehn, die sich auf sie zu legen haben, den übernächsten zehn, den überübernächsten zehn. Die Opfer müssen sich platzsparend auf die Körper legen, mal liegen die Füße auf den Köpfen der vorigen, mal die Köpfe auf den Füßen.“5 Das Hamburger Landgericht, vor dem Viktors Arajs in den siebziger Jahren wegen seiner Kriegsverbrechen vor Gericht stand, rekonstruierte „ein grauenhaftes Bild“, das „sich kaum beschreiben“6 lasse. SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln hatte diesen Blutsonntag geplant. Er hatte im September schon Erfahrungen in der besetzten Ukraine gesammelt. Auch die bekannteste und größte Massenerschießung in der Schlucht von Babyn Jar geht auf sein Konto. Alkohol narkotisiert das Gewissen der vorbeikommenden Zeugen und der Täter: „Ohne Schnaps kommt kaum einer aus, auch den Gästen wird großzügig angeboten. Die Schnapskisten an den Gruben werden ständig nachgefüllt. Die Schützen werden immer betrunkener, treffen nicht mehr genau, aber auch dies haben die Strategen einkalkuliert, die Aufsichtsführenden sind für die Nachschüsse zuständig.“7 Der Massenmord war auch ein Raubmord. Die SS-Leute sicherten sich den Schmuck und das Gold ihrer nackten Opfer, deren leerstehende Wohnungen im Ghetto werden die Täter noch am selben Tag plündern. Die deutsche Zivilverwaltung streitet sich mit der SS um das Raubgut. Vom jüdischen Mobiliar bekommen zuletzt auch Letten etwas ab8. Am 30. November 1941 starben 13.000 bis 15.000 Menschen9. Es werden weitere Mordaktionen folgen. Insgesamt betrug die Zahl der Toten der Rigaer Bluttage etwa 26.000. Nach den Juden wurden auch die Psychiatriepatienten umgebracht. Die Deutschen brauchten deren Kliniken als Lazarette für deutsche Soldaten. Friedrich Jeckeln wurde 1946 in Riga hingerichtet, von den Todesschützen dieses Tages wurde niemand angeklagt und verurteilt.

Murniece

Ināra Mūrniece in Rumbula, Foto: Saeimas Administrācija

 

Von der Notwendigkeit des Erinnerns

In diesem Jahr beteiligten sich lettische Politiker am 29. November an einer Gedenkveranstaltung in Rumbula, anwesend waren auch Verteidigungsminister Raimonds Bergmanis und Parlamentspräsidentin Ināra Mūrniece. „Wir bekunden allertiefstes Mitgefühl für das jüdische Volk, denn auch unser Volk weiß gut, was Genozid ist, was Okkupation und Mord an unschuldigen Menschen ist,“ sagte die Politikerin, die der Nationalen Allianz angehört. Deren Parteimitglieder kommen an jedem 16. März in die internationalen Schlagzeilen, nämlich dann, wenn sie gemeinsam mit SS-Legionären in Riga demonstrieren, die ihren Kampf an der Seite von Waffen-SS und Wehrmacht zum antibolschewistischen Befreiungskampf verklären. Ob Mūrniece die richtigen Worte fand, sei dahingestellt. Doch ihr Erscheinen an den Gräbern von Rumbula ist anzuerkennen. Sie wies in ihrer Ansprache auf die Forschungsarbeiten lettischer Historiker hin: „Diese Forschungen bieten neue Fakten und Zeugnisse. Die in diesen Arbeiten erworbenen Kenntnisse und Wertungen werden einem immer größer werdenden Kreis von Menschen bekannt. Diese werden in den Schulen gelehrt und in Geschichtsprogrammen eingefügt. Stets werden neue Bücher herausgegeben. Die historische Forschung über den Holocaust endet nicht und wird nicht enden. Das ist unsere moralische und politische Verpflichtung, welche besteht und fortan bestehen bleibt.“ Das könnte dem Gedächtnisverlust entgegenwirken, den der Historiker Zellis beklagt. Für ihn könne die Erinnerung zur Lehre für die Gegenwart werden, jetzt, wo Europa eine humanitäre Krise erlebe. „Für uns ist es notwendig über diese tragischen Ereignisse zu sprechen, sowohl um an die Opfer zu erinnern als auch die lettische Gesellschaft zu stärken, die in Gruppen gespalten ist.“ In Lettland könne man mangels Erinnerung den Beitrag ethnischer Minderheiten kaum würdigen: „Wir wissen vieles nicht, weder über das russische noch über das jüdische Kulturerbe, welche viel zur Entwicklung Lettlands beitrugen. Und ich denke in diesem Fall, dass die Gesellschaft die Schuld trägt und im Verhältnis zur Geschichte ist sie recht passiv. Oft besteht nicht einmal Klarheit über die eigene lettische Geschichte und über die kulturellen Errungenschaften, wo lässt sich da noch über irgendwelche ethnische Minderheiten sprechen?“ Vieles werde vermischt und zu einem Mythos verklärt. “Die nationale Kurzsichtigkeit ist es vielleicht, wenn wir nicht versuchen, andere hervorzuheben, welche doch tatsächlich viel für die Entwicklung Lettlands beigetragen haben. (…) Wir wollen Errungenschaften gerade auf dem Feld der lettischen Kultur sehen, aber nicht anerkennen, dass, gerade indem wir eine eigene ethnische Identität gestalten, damit nicht nur die eigene Gemeinschaft stärken, sondern auch das gesamte Land, die Kultur und Gesellschaft im Ganzen.“

 

Quelle:

1Anita Kugler: Scherwitz. Der jüdische SS-Offizier, Köln 2004, S. 201

2ebd. S. 202

3ebd. S. 202

4ebd. S. 204

5ebd. S. 205

6ebd. S. 205

7ebd. S. 206

8ebd. S. 214f.

 
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