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Münster, 23.4.2017
Lettische Kunstausstellungen im Dezember 2016 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 03. Dezember 2016 um 00:00 Uhr

Wie das scheinbar Surreale unsere scheinbare Realität entlarvt

Dimiters: Romeo und JuliaZwei Künstler, die Szenographie an der Rigaer Kunstakademie studierten, haben nun große Werkausstellungen. Der eine stellt das Thema Militär und Krieg zur Debatte, der andere vereint das Unvereinbare zu surrealistischen Visionen. Surreal, unlogisch und ein Ausdruck unseres Seelenlebens ist der Traum, sowohl als unbewusster Nacht- als auch als halbbewusster Tagtraum. Die Kuratoren des Mark-Rothko-Zentrums in Daugavpils motivierten zehn Künstler, ihr Verhältnis zum Traum künstlerisch zu verarbeiten. Im Nationalmuseum gedenkt man der Pastellzeichnerin Felicita Pauluka, die 2014 gestorben ist.

Juris Dimters: Romeo und Julia, Foto: LNMM

 

Kristians Brekte: Arsenals

Brektes bislang umfangreichste Werkausstellung thematisiert das, was Rigas größte Halle für moderne Kunst lange war: ein Arsenal, ein Waffenlager. Arsenals findet also in der Kunsthalle Arsenals (Torņa iela 1, Rīga) statt. Zu sehen sind bis zum 12.2.2017 großformatige Bilder, Fotografien, Siebdrucke, Skulpturen und multimediale Installationen. Der PR-Text nennt auch Readymade-Objekte. Ein solches war beispielsweise das Urinal, das Marcel Duchamps einst zum Kunstwerk erklärte, oder feiner französisch formuliert: ein Objet trouvé, das er Fountain nannte. Bei Brekte sind keine Wasserspiele, sondern Militärisches einst und jetzt zu sehen. Z.B. Fotos von Soldaten in Uniform, deren propagandistische Wirkung sich ins Gegenteil verkehrt, weil die Gesichter mit Totenköpfen überzeichnet sind. Kuratorin Elīna Sproģe beschreibt einen vielseitigen Künstler, dessen Schaffen Ab- und Aufbruch zugleich ist: “In Brektes visueller Sprache, die sich in mehr als zehn Jahren künstlerischer Tätigkeit herausgebildet hat, sind Bezüge zum Genre der Gotik, Black-Metal-Subkultur, Street Art, Religion, Kunstgeschichte und Popkultur. Der Künstler entschleiert die dunkle Seite der Gesellschaft, in seinen Arbeiten stellt er Begriffe des Todes, des Leidens, der Sexualität, des Glaubens und der Amoral zur Debatte. Der sujethafte Vandalismus in den gestalteten Installationen des Künstlers wechselt mit Formklarheit und technischer Ausführung, scharfen kritischen oder entblößenden Verweisen und Zitaten, um das zu Erkennende in einer Gebrauchsästhetik zu vereinen. Das schließt auch den Gebrauch von Farben, Materialien, Licht und Klängen ein, der stets von Neuem das Interesse Brektes aufzeigt, jene traditionellen Kunstformen wie Malerei, Bildhauerei oder Graphik zu dekonstruieren und Abstand vom tradtitionellen Verständnis über sie zu gewinnen.” Brekte studierte Szenographie an der Rigaer Kunstakademie. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, u.a. den Purvitis-Preis und den Preis des besten ausländischen Künstlers auf der Art Vilnius’ 12.

Brekts

Kristians Brekte bearbeitet u.a. Soldatenbilder, Foto: LNMM

 

Juris Dimiters: Versteckspiel des Vorhangs

Die Bilder der Ausstellung sind genauso surrealistisch wie der Titel. 350 von Dimiters` Traumvisionen füllen noch bis zum 29.1.2017 den Großen Saal im gerade renovierten Hauptgebäude des Nationalen Kunstmuseums (K. Valdemara iela 10, Rīga). Der Künstler wurde 1947 in Riga geboren. Sein Vater war Maler, die Mutter Schauspielerin. Der Sohn besuchte die auf Kunst spezialisierte Mittelschule Janis Rozentals und später die szenographische Abteilung der Rigaer Kunstakademie. Dimiters lernte die Techniken der Malerei, Graphik, Plakatkunst und Fotografie. Das Theater wurde ihm zur Werkstätte, er gestaltete die Kulissen verschiedener Theateraufführungen, u.a. des renommierten Dailes Theaters. Dimitris wurden bereits 20 Werkausstellungen gewidmet. Seine Bilder sind in vielen Sammlungen weltweit zu finden, u.a. im Museum Ludwig in Köln. Er malt und zeichnet Gegenstände realistisch und präzise, kombiniert sie aber auf unwirkliche Weise. “Alogische Bilder – bekannte Objekte in ungewöhnlicher Inszenierung – im Wesentlichen sind das Juris Dimiters` bildhafte Kommentare über die wechselseitigen Beziehungen zwischen Individuum, Gesellschaft und Macht, wie auch zwischen Menschen – besonders zwischen Mann und Frau,” kommentiert der LNMM-Text. Um den Betrachter von gewohnten Vorstellungen zu befreien, konfrontiert ihn Dimiters mit Überraschungsmomenten, die Metaphorisches, Paradoxes, Verrücktes, Humor und Ironie zum Ausdruck bringen.

Dimiters: Vorhang

Juris Dimiters: Vorhang, Foto: LNMM


Felicita Pauluka: Pastelle und Zeichnungen

Vom 8.12.2016 bis 5.3.2017 sind auf der vierten Etage des Nationalen Kunstmuseums (Valdemāra ielā 10, Riga) Porträt- und Aktzeichnungen der Künstlerin zu sehen, die im Jahr 2014 gestorben ist. Sie überraschte schon als Jugendliche mit ihrem Talent. 1940 waren die Professoren der Kunstakademie von ihren Bildern derart begeistert, dass sie die erst 15jährige vor ihrem Schulabschluss aufnahmen. Doch in der Kriegszeit unterbrach sie ihr Studium, heiratete den Künstlerkollegen Jānis Pauļuks, arbeitete als Illustratorin und Karikaturistin, beendete die Akademie 1949. Während der Sowjetzeit ermöglichten ihr die Behörden das Reisen durch die sozialistischen Republiken. Sie nutzte die Möglichkeit, um ihre zeichnerische Fertigkeit weiterzuentwickeln. So entstanden Zyklen wie “Lettische Fischer”, “Die Bauern von Georgien”, “Die Bergleute vom Donbass” oder “Die Fischer auf der Insel Sareema”. In den 60er Jahren wechselte sie zu Pastellfarben. Pauluka fand, dass in dieser Maltechnik ihre Subjektivität bestens zum Ausdruck komme. So konnte sie in knappen und scharfe Strichen zeichnen oder in einen weichen und zarten Stil wechseln. Ihr Thema wurde der Mensch. Sie porträtierte Kulturschaffende und bildete auch Aktmodelle ab. “Der Körper des Menschen drückt nicht nur das äußere, sondern auch das tiefere Sein aus, gleich dem Gesicht. Auch Hände und Füße haben ihre Lebensgeschichte. Deshalb ist für mich der Akt ein erweitertes Porträt, in dem der gesamte Körper einbezogen ist und das Sein des Menschen zum Ausdruck kommt,” zitiert der LNNM-Text die Künstlerin.

Pauluka: Akt

Felicita Pauluka: Akt, Foto: LNMM

Was gibts Neues in Daugavpils? Die Welt des Traumes und der Fantasie

Die Ausstellung im Mark-Rothko-Zentrum in Daugavpils ist noch bis zum 31.1.2017 zu besichtigen. Träume sind mehr als Schäume. Sie beschäftigen die Menschheit seit eh und je und gehören zu den Sonderbarkeiten des Lebens, die kaum entschlüsselbar sind. Im Mittelalter, als der Traum göttliche Botschaften vermittelte, wurden viele Manuskripte diesem Thema gewidmet. Sigmund Freud gewährten die nächtlichen Visionen Einblick ins Unterbewusstsein. Für Ernst Bloch waren die Tagträume bedeutsamer, in denen der Mensch sich eine bessere Zukunft vorstellt. “In irgendeiner mystischen Weise ist in den Kunstwerken das Unterbewusstsein stets präsent. In den Träumen kommen wir der Wahrheit näher, denn unser Seelenzustand `erhebt sich` auf eine höhere Seinsstufe. Solche eine aktive Wechselbeziehung zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein ist derart, dass wir uns als schaffende Wesen erweisen. Der Traum ist eine unfassbare Erscheinung. Indem Künstler ihre Träume in der Kunst visualisieren, gestalten sie die Unfassbarkeit der Träume,” meinen die Kuratoren Nour Nouri und Māris Čačka. Zehn Künstler visualisieren auf diese Weise – die Hälfte davon sprechen die Sprache von Freuds Traumdeutung. Denn vier kommen aus Deutschland, einer aus Österreich: Patrick Bubna-Litic (AU), Lisa Etterich (D), Michael Imhof (D), Ymmerwahr (D) und Janus Alphonso (D). Die übrigen fünf müssten wahrscheinlich eine Übersetzung zur Hand nehmen: Zhehu Li (China), Dminc (Italien), Natalja Nouri (Lettland), Jiang Haicang (China), Hou Guanbin (China).

 

 

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