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Münster, 16.8.2017
Taizé-Jugendtreffen 2016 in Riga PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Montag, den 02. Januar 2017 um 13:56 Uhr

Frère Alois: „Es ist höchste Zeit, dass die Menschen in den westlichen Ländern ihre Angst vor Fremden und vor anderen Kulturen überwinden“

Taize-Kreuz„Es ist eine große Freude, hier in Riga zu Gast zu sein! Wir kommen aus ganz Europa, aus vielen Ländern, die zwischen Portugal und Russland liegen, aus Polen und der Ukraine. Einige kommen sogar von noch weiter her, von anderen Kontinenten, wie zum Beispiel aus Südkorea und Hongkong. Angesichts der instabilen Lage der heutigen Welt ist es wichtig, sich über die Grenzen hinweg wie Geschwister zu begegnen. Es ist ein ermutigendes Zeichen der Hoffnung, dass Jugendliche aus ganz Europa in Lettland, einem der drei baltischen Länder, zusammenkommen können,“ sagte Frère Alois nach dem Abendgebet am 28.12.2016 zu den Versammelten. (taize.fr) Der Prior leitet seit 2005 die Gemeinschaft von Taizé. Damals wurde sein Vorgänger Roger Schütz ermordet. Der Schweizer hatte in diesem kleinen französischen Dorf den ersten Männerorden gegründet, der sowohl protestantische als auch katholische Mitglieder hat. Das war nach Kriegsende. Die Brüder kümmerten sich um Kriegsgefangene und Flüchtlinge. Taizé entwickelte sich später zum Treffpunkt für Jugendliche aus aller Welt. Nun fand vom 28.12.2016 bis zum 1.1.2017 zum 39. Mal das alljährliche Jugendtreffen statt, zum ersten Mal in einem baltischen Land.

Das Taizé-Kreuz, Foto: Surfnico - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

 

Flüchtlinge als Gelegenheit, offener und solidarischer zu werden

Solch ein Großtreffen ist für die Mitarbeiter der Stadtverwaltung und die Bürger eine Herausforderung. 15.000 Jugendliche und junge Erwachsene hatten ihre Teilnahme angekündigt. Die Letten stellten Betten in ihren Wohnungen oder notfalls in Schulen bereit. Straßen wurden für den Verkehr gesperrt. Eine Französin beschrieb beim Empfang auf dem Rathausplatz in Riga ihren ersten Eindruck: „Kalt. Nein, das ist nicht alles. Die Menschen sind entgegenkommend. Wir wohnen alle bei Familien in Riga oder Jelgava und wir freuen uns sehr darüber, hier zu sein.“ (lsm.lv) Gottesdienste, Konzerte, Filmvorführungen, Museumsbesuche und Diskussionsrunden ermöglichten internationale Begegnungen. Die Brüder von Taizé ermunterten dazu, über die aktuellen europäischen Streitfragen zu reden. „Europa heute: Was können wir zum Wohle der Einigung des Kontinents tun?“, „Entgegen einer besseren Integration aller Mitglieder der Gesellschaft,“ oder „Die Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten“ - so lauteten die Themen der Podiumsrunden im Rathaus, in der Nationalbibliothek und in der anglikanischen Kirche. (delfi.lv) Auf der Webseite seines Ordens (taize.fr) formulierte Frère Alois die Ziele der Veranstalter: Die Menschen sollen zusammenkommen, um sich besser kennen und verstehen zu lernen. So könnten die Europäer noch mehr entdecken, „dass ihre gemeinsamen Wurzeln tiefer gehen als ihre Unterschiede!“ In Europa müsse jedem Land, ob groß oder klein, Gehör geschenkt werden: „Nur wenn wir uns bemühen, uns in den anderen hineinzuversetzen, können wir auch gegensätzliche Haltungen verstehen und emotionale Reaktionen vermeiden.“ Der Prior erinnert die reichen Länder daran, dass sie für das Flüchtlingselend mitverantwortlich sind: „Es ist notwendig und auch legitim, den Strom der Flüchtlinge zu steuern. Sie Schleusern zu überlassen, die sie unter Todesgefahr über das Mittelmeer schicken, steht im Widerspruch zu allen menschlichen Werten.“ Doch kriminelle Schleuser sind nicht die Ursache, weshalb Menschen ihre Heimat verlassen: „Man kann nicht leugnen, dass die reichen Länder mitverantwortlich sind an den geschichtlichen Wunden und den Störungen des ökologischen Gleichgewichts, die heute und auch in nächster Zukunft beträchtliche Bevölkerungsbewegungen in Afrika, dem Nahen Osten, Mittelamerika und anderen Gebieten auslösen. In den reichen Ländern werden auch heute noch politische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen, die auf anderen Erdteilen zu Instabilität führen. Es ist höchste Zeit, dass die Menschen in den westlichen Ländern ihre Angst vor Fremden und vor anderen Kulturen überwinden und sich entschlossen daranmachen, ihr Gemeinwesen so umzugestalten, dass es den Zuwanderern entgegenkommt. Der Zustrom von Flüchtlingen bringt große Herausforderungen mit sich, aber er kann für Europa auch eine Gelegenheit sein, noch offener und solidarischer zu werden.“ Frère Alois rief Muslime und Christen zur Zusammenarbeit auf. Sie sollen sich gemeinsam einer „Gewalt im Namen Gottes“ entgegenstellen: „Franz von Assisi hat schon vor 800 Jahren nicht gezögert, den Sultan in Ägypten zu besuchen, um auf diese Weise den Frieden zu fördern.“


Taize-Pilger

Auf dem Weg nach Taizé, Foto: Sabine Leutenegger - Taizé, Attribution, Link

Taizé als Ort lettischer Geistesfreiheit

Das Treffen in Riga bot den Teilnehmern die Möglichkeit, Kultur und Geschichte Lettlands kennenzulernen. Für Letten hat ihrerseits der Name Taizé seit ihrer Unabhängigkeit einen besonderen Klang. Daran erinnerten Solvita Krese, Leiterin des Lettischen Zentrums für zeitgenössische Kunst und die Französisch-Philologin Dr. Simona Valke in der Radiosendung Kultūras Rondo. Anfang der neunziger Jahre pilgerten die Frauen nach Taizé. Das war der Weg zu neuen Erfahrungen, neuen Inspirationen. Das war ein neues Gefühl der Freiheit. „Es herrschte eine außergewöhnliche Zuversicht: Du konntest dich an der Bauskas Chaussee mit dem Schild `Paris` in den Händen hinstellen und es gab überhaupt keinen Zweifel, dass du ankommen würdest,“ erinnerte sich Krese. „Das war eine Zeit geistiger Suche,“ ergänzte Valke: „Das hatte vor der Reise nach Taizé begonnen. Man wendete sich nun der Religion, der Philosophie und der Suche nach einem Weltmodell zu. Der Weg nach Taizé war die im Raum verwirklichte Reise als Vollendung der inneren.“ Nach Kreses Ansicht hat sich die Welt fundamental verändert, aber die Bewegung von Taizé erscheint ihr heutzutage genauso wichtig. „Heutzutage ist sie für andere Menschen wichtig, die ein Obdach suchen, die aus Kriegsgebieten fliehen. Auch für uns ist sie bedeutend, denn dieses Jahr war ein durch drastische Veränderungen zerrissenes, durch vieles, was uns darüber nachdenken lässt, wohin sich die Welt entwickeln wird.“

 

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