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Münster, 20.10.2017
Lettische Kunstausstellungen im Januar 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 07. Januar 2017 um 00:00 Uhr

Belcova im silbernen Kleid Die Pressequeen von 1927, eine halbe Tonne Silbergeschirr, energetische Salzkristalle und politisch unverdächtige Hakenkreuze

Die lettischen Kunstmuseen bieten zum Jahresanfang Traditionelles und Modernes. Das Angebot reicht von überlieferten Zeichen auf alten Textilien, einem kostbaren Service, das Katharina II. der Stadt Riga zur Verfügung stellte, den von Künstlern gestalteten Pressebällen der zwanziger und dreißiger Jahre bis zur Konzeptkunst von Juris Boiko.

Aleksandra Beļcova auf dem Presseball von 1927. Foto: Salon “Klio” (Vilis Rīdzenieks). SBM-Kollektion

 

Szenen vergangenen Vergnügens – Pressebälle in Riga in den 20er und 30er Jahren

Noch bis zum 18.3.2017 ist diese Ausstellung im Romans Suta and Aleksandra Beļcova Museum (Elizabetes iela 57a, Wohnung 26) zu besichtigen. Die Pressebälle waren ein Höhepunkt des lettischen Kulturlebens. Sie wurden zwischen 1922 und 1939 alljährlich im Februar oder Dezember organisiert. Journalisten hatten freien Eintritt. Prominente und Vertreter der Kulturszene kamen ebenfalls, auch wenn sie bezahlen mussten. Wenn ein Ball vorüber war, begann schon die Planung für den nächsten. Ein Organisationskomittee wurde gewählt. Firmen spendeten Preise für die Ball-Lotterie: Man konnte Häuser gewinnen, Reisen ins Ausland, Goldschmuck, ein VEF-Radio und viele weitere Kostbarkeiten. Romans Suta gewann einmal ein altes silbernes Tee-Service aus dem Antiquariat Rozentāls. Auf das Fest bereiteten sich die teilnehmenden Damen sorgfältig vor, denn die Presse begutachtete deren Kleider ohne Erbarmen. Sutas Lebensgefährtin Aleksandra Beļcova entwarf für den Ball von 1927 ihr Kostüm selbst. Zu ihrem Bubikopf trug sie ein silbernes, rückenfreies Kleid. Ob sie zur “Presse-Queen 1927” gewählt wurde, ist nicht überliefert. Die Ball-Säle wurden von namhaften lettischen Künstlern gestaltet, u.a. von Romans Suta selbst. Er kümmerte sich 1927 und 1933 um Design und Ausstattung. Davon sind noch Fotos erhalten. Kuratorin Natalya Yevseyev beschreibt ihre Auswahl so: “Die Ausstellung schlägt eine prachtvolle Seite lettischer Kulturgeschichte auf, die sich auf das Leben in Lettland in den 1920ern und 1930ern konzentriert. Dieses Leben bildete die Kulisse für Meisterwerke der modernen lettischen Kunst.” Der PR-Text zitiert aus dem Bericht eines teilnehmenden Journalisten: „Die Leute tanzen und tanzen. Vertreter des diplomatischen Korps sind anwesend. Das Gesetz zur Alkoholbekämpfung hat die Presselokale zerstört, aber die Leute vermissen sie nicht besonders [..]. Große Dinge sind geschehen. Frau Grebzde, eine Tanzlehrerin, hat ein Fahrrad in der Lotterie gewonnen, der Direktor der Nationaloper, Jānis Zālītis, gewann hingegen ein großes Stück Dörrfleisch. Die glücklichen Gewinner und das Publikum schienen zufrieden zu sein. Die Feierlichkeiten dauerten bis spät in den Morgen, bis die Gäste durch die nebligen Straßen heimgingen. Der Pressekalender sagt uns, dass der Frühling bald kommen wird. Gut so! Die Leute erwarten ihn im Sog des Presseballs begieriger.“

Sutas Presseball-Design von 1927

Romans Sutas Presseball-Design von 1927, Foto: Urheber unbekannt, SBM-Kollektion

Das Rigaer Silbergeschirr Katharina der Großen

Im internationalen Kunstmuseum Rīgas Birža (Doma laukums 6, Rīga) ist in der Galerie des Westens noch bis zum 31.7.2017 Silbergeschirr der Zarin Katharina II. zu sehen. Das festliche Mittags-Service erhielt am 4.4.1784 der Gouverneur von Riga, Georg Reichsgraf von Browne. Er ließ das kostbare Geschirr für 40 Gäste gut verstauen. Wer es benutzen wollte, musste einen Antrag stellen. Die Gabe Katharinas umfasste vier ovale Terrinen, acht Kerzenleuchter, 24 Kerzenständer, acht Weinkühler, Saucieren, Teller, Deckel und kleinere Gegenstände aus Silber. Das Gesamtgewicht beträgt 482 Kilogramm. Offenbar wurde die Benutzung nur selten genehmigt. Erst für das Jahr 1795 ist die erste Ausleihe dokumentiert. Damals stellte der Herzog von Kurland, Peter von Biron, einen Antrag für Katharinas Geschirr. Seit Kurzem befindet sich die feine Ware im Inventar des Kunstmuseums Rīgas Birža. Zwei Saucieren aus der Sammlung des lettischen Ehrenkonsuls von Philadelphia, John J. Medveckis, ergänzen seit Kurzem das Service. Der Augsburger Sebald Heinrich Blau hatte die silbernen Gefäße zwischen 1781 und 1783 angefertigt.

Blau, Saucieren

Die Saucieren des Augsburger Silberschmieds Sebald Heinrich Blau (1739-1788) aus der Sammlung von John J. Medveckis, Foto: Kristīne Jansone, LNMM

Juris Boiko, Salzkristalle

Das Lettische Zentrum für zeitgenössische Kunst (LLMC) organisiert diese Ausstellung im Kuppelsaal des Nationalmuseums in Riga (Valdemāra ielā 10). Sie ist noch bis zum 5.2.2017 zu besichtigen. Juris Boiko wurde 1954 in einer Familie Deportierter geboren. Sie kehrte 1958 nach Lettland zurück. Aufgrund des politischen Misstrauens durfte Juris nicht studieren. Statt dessen besuchte er Biruta Delles Zeichen-Studio „Zemūdene”, lernte beim Maler Ansis Stunda und erhielt das Diplom für künstlerische Gestaltung von der Volkshochschule. Später, in den 80er Jahren, arbeitete er als Kunstgestalter des Botanischen Gartens in Salaspils. Boikos Freundschaft mit Hardijs Lediņš erwies sich als künstlerisch fruchtbar. Sie gründeten die Vereinigung „Das nicht vergangene Gefühl der Restaurierungswerkstatt“ (NSRD), welche in der Zeit ihres Bestehens von 1982 bis 1989 maßgeblich das lettische Kunstverständnis erweitert hat. Dort arbeiteten sie mit Künstlern aus anderen Sparten zusammen: Mit Musikern, Architekten und Kulturschaffenden organisierten sie Kunstaktionen, produzierten Videoinstallationen und neue Musikstücke. Nach der Auflösung des NSRD arbeitete Boiko individuell weiter. Neben der Videokunst widmete er sich der Kunstkritik und war als Kurator tätig. Er übersetzte moderne und barocke Autoren aus dem Deutschen und Englischen und schrieb selbst Gedichte. Im Kuppelsaal sind fünf Boiko-Werke zum Thema Salzkristalle ausgestellt. Sie stammen aus den 90er Jahren. Nach Auffassung des PR-Textes beeinflusst das Salz und seine kristalline Struktur auf sanfte Art die energetischen Prozesse des Menschen und der Umwelt. Zugleich kennzeichnet das Material Salz Boikos Verständnis von Konzeptkunst. Die Familie des 2002 verstorbenen Künstlers stellte dem LLMC Arbeiten und Materialien zur Verfügung. Kuratorin Māra Žeikare beschreibt ihr Bemühen, den Absichten des Urhebers zu entsprechen: „Ich musste mir eine Reihe von Fragen stellen, um diese Ausstellung zu planen. Sie sind verbunden mit Installationskunst, zeitbedingten Medien und der Rekonstruktion ortsspezifischer Werke, dabei musste man die Antworten auf diese Fragen ohne Beteiligung des Urhebers finden. Juris Boiko war ein Künstler-Konzeptualist. In seinen Werken hatte die Idee Vorrang, das Konzept beherrschte das Material. Auch wenn Juris Boikos stoffliche Ausführung der Arbeit variabel war, versuchte ich gemeinsam mit der Restauratorin Evita Melbārde, uns den Originallösungen so weit wie möglich anzunähern.“

Juris Boiko, Salzkristalle

Juris Boiko, Salzkristalle, Foto: Archiv des Lettischen Zentrums für zeitgenössische Kunst

Was gibt’s Neues in Daugavpils? Traditionelle und aktuelle baltische Zeichen auf Textilien

Die Filiale in Kaunas der litauischen Künstlervereinigung arbeitet seit 2009 am Projekt „Verschiedene Textilien“. Ziel ist es, die Ideen der Textilkunst, die selten das Thema von Museen sind, in Litauen und in den Nachbarländern zu verbreiten. Kuratorin Birutė Sarapienė zeigt in ihrer Ausstellung, die noch bis zum 6.2.2017 im Mark-Rotko-Zentrum in Daugavpils zu sehen ist, den Bedeutungswandel der Zeichen und Muster, die auf baltischen Textilien überliefert sind. Für Deutsche ein Schocker: Auch das Hakenkreuz ist oftmals zu sehen. Doch dieses Zeichen benutzten baltische Weber und Näher lange bevor es das Symbol rechtsextremistischer Bewegungen wurde. Die Ausstellungsmacher appellieren an die Besucher, die codierten Zeichen zu entschlüsseln und sie dabei nicht nur aus der heutigen Sichtweise, sondern auch aus historischer Perspektive zu betrachten.

 

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