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Münster, 24.6.2017
Lettische Kunstausstellungen im Februar 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 10. Februar 2017 um 00:00 Uhr

purvisabalva.lv

Am 17.2.2017 erfährt die Öffentlichkeit, wer den diesjährigen Purvītis-Preis (Purvīša balva) erhält. Dieser ist mit 28.500 Euro dotiert und damit die kapitalste Auszeichnung, mit der Lettland moderne Künstler ehrt. Der Wettbewerb findet seit 2008 statt. Alle zwei Jahre werden lettische Künstler ausgewählt, deren Ausstellungen das Wohlgefallen der Juroren weckte. Ziel des Preises ist es, neue Ideen in der lettischen Kunst zu fördern. Der Namensgeber ist Vilhelms Purvītis (1872–1945). Er war Lettlands bekanntester Landschaftsmaler und ein einflussreicher Kulturschaffender. Er leitete die Rigaer Kunstschule und das Kunstmuseum, war erster Rektor der Kunstakademie sowie Mitglied der Petersburger Kunstakademie. Der Rigaer Architekturstudent und spätere NSDAP-Ideologe Alfred Rosenberg war sein Zeichenschüler (Wären die Nazis doch beim Malen geblieben). Auch Purvītis förderte also den künstlerischen Nachwuchs und daher ist der Preis in seinem Sinne. Die Jury nominierte für die Ausstellungen der letzten beiden Jahre sieben Künstler und eine Künstlergruppe. Am Tag, an dem vor ausgewähltem Publikum die Gewinnerin oder der Gewinner bekanntgegeben wird, beginnt im Lettischen Nationalmuseum der Kunst (Riga, Jaņa Rozentāla laukumā 1, ab 19 Uhr) eine Ausstellung mit den Werken der Nominierten. Sie ist bis zum 9.4.2017 zu besichtigen. Die Museums-PR präsentiert schon mal Bilder und Jury-Kommentare der ausgewählten Künstler.

Das Logo des Purvītis-Preises, Foto: LNMM

 

Arturs Bērziņš wurde für seine beiden Ausstellungen „Bildwerke“ und „Bildwerke II“ nominiert. Die Jury begründet ihre Auswahl mit Bērziņš` Vermögen, unsere Wahrnehmung zu befragen, weshalb sehen wir so, wie wir sehen. Was unterscheidet die gestrige Wahrnehmung von der heutigen und wie unterscheiden sich Abbildungen unter verschiedenen Perspektiven und Umständen? „Bērziņš will die Welt verstehen. Er denkt über die Welt mittels seiner kleinen Zeichnungen auf Holzbrettchen nach, die in Lettland übliche Landschaftsmotive abbilden. Und gewiss ist das nicht einfach. Das bezeugen die erhabenen Philosophen der Vergangenheit, aus deren Abhandlungen der Künstler in seinen Arbeiten zitiert, sich unablässig mit diesem Problem beschäftigend. Es ist der Erfolg der Ausstellungen, dass die Konzeption vollständig der Form entspricht. Die volle Landschaft wird nach und nach bis auf das Holzskelett entkleidet und überraschenderweise gestaltet sich so ein Eindruck der Perfektion und Vollkommenheit,“ meint das Jury-Mitglied Elita Ansone.

Berzins

Werk von Bērziņš, Foto: LNMM

Ivars Drulle wurde wegen seiner Ausstellung “Für meine Heimat” berücksichtigt. “Die Ausstellung ist eine Saga über Lettlands aussterbendes Land, über alte Gutshöfe und Wohnhäuser, die ihrem Wesen nach Kulturerbe sind, doch unumkehrbar zugrunde gehen werden. Im Radius von 15 Kilometern von seinem Landhaus in Vidzeme registrierte der Künstler 350 verlassene Gebäude. Er fotografierte sie und zeichnete sie in einer Karte ein. Man kann nicht glauben, wie viele es sind! Neben der dokumentarischen Erhebung schuf der Autor Objekte, deren bildliche Struktur die besonderen Umrisse der verlassenen Häuser im abstrakten Raum gestalten, von Roststrukturen zerfressen. Der Rost als Zahn der Zeit, der an unseren Schätzen materieller Werte nagt. Das kinetische Objekt `Latvija` gestaltet wie in einem Endlosfilm eine gleitende Landschaft, vor deren Hintergrund ununterbrochen ein Radfahrer fährt. Das Objekt wendet wie jenes buddhistische Lebensrad Samsara unaufhörlich Lettlands Schicksal. Man könnte die Entlehnung des Ausstellungstitels aus einem Lied von Jānis Peters und Raimonds Pauls als Ironie werten, wenn es nicht so tragisch wäre,” meint Ansone.

 

Drulle

Werk von Drulle, Foto: Vents Āboltiņš

Kristaps Epners wird für die Ausstellung „Übungen“ nominiert. Der Künstler zeigt in Videos und Installationen das tägliche intensive Training junger Sportler. „Der inszenierte und zerlegende Dokumentarismus erlaubt als Methode dem Künstler nicht lediglich, leidenschaftslos zu fixieren, sondern auch die spezifische Umgebung, Zielstrebigkeit, Konzentration und Ausdauer zu bestaunen, die im monotonen Leben des Sportlers zu beobachten sind, nach klar definierten Idealen (scheinbar der Lebensart der Vertreter schöpferischer Berufe kontrastierend). Die interaktive und kommunikative Einrichtung der in der Ästhetik des Minimalismus gehaltenen Ausstellung gewinnt auch das jüngere Publikum für einen Besuch,“ meint die Kunstwissenschaftlerin Aiga Dzalbe.

Epners

Werk von Epners, Foto: LNMM

Atis Jākobsons kam mit der Ausstellung “Dark matter” in die engere Auswahl. Aiga Dzalbe begründet die Jury-Entscheidung: “Eine energetische, faszinierende Ausstellung, in welcher die Formperfektion erst die inhaltliche Tiefe schafft – wie dies in der Kunst vor dem gepflegten Akademismus funktionierte. So ist der Inhalt der Arbeiten irgendetwas, was außerhalb unseres Wissenshorizontes existiert, das mit dem Kontrast zwischen geometrischen und landschaftlichen Formen vertraut macht. mit der Materialität von Kohle und Maschinenöl, Wasseroberflächen und das Pulsieren tierischer Haut werden zu Toren zu einem dunklen Land. Atis Jākobsons bezieht sich in interessanter Weise mit seinem gleichzeitig romantisch konzeptionellen, sensitiv verfeinerten und kühl abstrakten Zugriff auf verschiedene erlebte Utopien in der Kunstgeschichte.”

Jakobsons

Werk von Jakobsons, Foto: Didzis Grodzs

Voldemārs Johansons wurde für seine Videoinstallation „Slāpes”nominiert. „Slāpes” bedeutet sowohl Durst als auch Wissbegierde. Der Jury gefällt Johansons Art, verschiedene Wellenformen künstlerisch und mit moderner Technik darzustellen. Seine Arbeit sei innovatorisch und für die Kunst des 21. Jahrhunderts angemessen. „Die Kraft und Gewalt der Natur als klassisches Thema des romantischen Zeitalters gestaltet sich in Voldemārs Johansons` grandioser Videoarbeit mit der im Wind wogenden Meeresfläche als neue, auf heutige Technik basierende visuelle und emotionale Erfahrung. Die Größe der Projektion, die qualitative optische Ausführung und tonale Begleitung fasziniert mit der Möglichkeit aus sicherer Entfernung die innere Struktur und Ästhetik höherer Gewalt zu betrachten,“ meint Kunstwissenschaftlerin Daina Auziņa.

Johansons

Werk von Johansons, Foto: Andrejs Strokins


Maija Kurševa wurde für ihre Arbeit “Lebensfreude“ nominiert. Kunstkritikerin Ieva Astahovska meint dazu: „Die Wand eines beweglichen Bildes, vorn noch weitere bewegliche und statische Bilder. Fragmente der Realität und Formspiele, deren Bewegung sich nirgends bewegt. Es ist wie etwas Allgemeines, Abstraktes oder gerade das Gegenteil: detailreich, zu konkret. Nachzuerzählen (selbst mit Verstand), was es wirklich ist, erscheint unmöglich oder verrückt. Falls man es rational erklärt, bedeutet es dem Sichtbaren noch Unvernünftigeres. Aber trotzdem ist es gerade anders, der Unfassbarkeit halber arbeitet meiner Auffassung nach die ausgeführte Arbeit mit magnetisierender Reaktion. In gewisser Hinsicht ist es auch Bewegung, in welcher gleichzeitig etwas verlockendes und abstoßendes ist. Im Versuch, dieses „irgendetwas“ zu formulieren, behilft sich der Kommentar der Urheberin zur eigenen Werkbeschreibung, eine Art Unruhe als existenzieller Zustand.“

 

Kurseva

Werk von Kurševa, Foto: LNMM

Anda Lāce führte am 10.6.2016 nachts am Kunstmueum „Atindēšana“ (Entgiftung) auf. Ihre Arbeit basiert auf einem Mythos über Katzen, denen Heilkraft nachgesagt wurde, wenn sie Gifte in sich aufnahmen. Auf YouTube ist ein Ausschnitt dieser Performance zu sehen. Jānis Taurens, Philosoph und Professor an der Lettischen Kunstakademie, begründet Lāces Nominierung: “In der lettischen Performance-Kunst gibt es eine glänzende Erscheinung und diese ist Anda Lāce. Ihre letzte Performance „Atindēšana“ ist wie eine vielstufige ökologisch feminine Rakete (Duchamps und Bruce Naumans Springbrunnen, Zitate, musikalisches Geflüster, Individuum und Gesellschaft, Kunst und Öffentlichkeit...), die „auf dem Dach der Kunst“ landet (in echter und übertragener Bedeutung). Diese Arbeit kann man nicht unbeachtet lassen, obwohl sie nur ein paar Stunden zu sehen war.“

Lace

Werk von Lace, Foto: Foto: Anna Siliņa

Krišs Salmanis, Anna Salmane und Kristaps Pētersons wurden wegen ihrer Ausstellung “Dziesma” (Lied) ausgewählt. Die Gruppe erforschte die Abschlusskonzerte der großen lettischen Liederfeste in der Zeit zwischen 1990 und 2013. Sie ermittelte die Substantive, die am häufigsten gesungen wurden: Saule (Sonne), Meita (Tochter) und Dievs (Gott). Für die Ausstellung erarbeitete Pētersons für das Wort „Gott“ die Collage „Gottesländchen I“ mit 184 Liederfragmenten. „In der Ausstellung ertönt eine Komposition, die aus Einträgen der Liederfeste gebildet ist. Obwohl sich keine klingende Melodie ergibt, kommt doch eine Kakophonie zustande, in der das Erklingen kurzer Fragmente dieselben übersteigerten Emotionen wie in den Liederfesten hervorruft,“ kommentiert Elita Ansone.

Salmani

Werk von Krišs Salmanis, Anna Salmane und Kristaps Pētersons, Foto: Foto: Monta Ezerlīce

 

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