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Münster, 20.10.2017
Krišs Salmanis, Anna Salmane und Kristaps Pētersons erhalten den Purvītis-Preis 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 18. Februar 2017 um 10:18 Uhr

Das “nationale Wertesystem” infrage gestellt

SalmaniMāra Lāce, Leiterin des Lettischen Nationalmuseums der Kunst und Jānis Zuzāns, Vertreter eines Museumssponsors, verkündeten am 17.2.2017 die diesjährigen Gewinner des Purvītis-Preises. Dieser wird seit 2009 alle zwei Jahre vergeben. Mit 28.500 Euro ist er der höchst dotierte Preis für moderne lettische Kunst. Krišs Salmanis, Anna Salmane und Kristaps Pētersons erhielten die Auszeichnung für ihre Ausstellung “Dziesma” (Lied). Die Künstler interessierten sich für die traditionellen Liedertexte, die auf den Abschlusskonzerten der großen Chorfestivals zwischen 1990 und 2013 gesungen wurden. Sie zählten, welche Substantive am häufigsten vertont wurden. Das meist verwendete Hauptwort in diesen Liedern ist demnach “Saule” (Sonne), gefolgt von “Meita” (Tochter) und “Dievs” (Gott). Für ihre Ausstellung wählte die Gruppe das Wort “Gott” aus. Kristaps Pētersons gestaltete aus 184 Liederfragmenten die Collage “Gottesländchen I”. Zudem wurde aus den “Gott” begleitenden Tönen eine Komposition zusammengestellt, die gleiche laut Kunstexpertin Elita Ansone zwar einer Kakophonie, also einer missklingenden Tonreihe, doch sie gebe die exaltierten Emotionen der Liederfeste wieder. “Die Komposition schafft einen surrealen Effekt, als ob ein Gespenst über uns komme oder eine beschädigte Platte erklingt,” meint Ansone. Der Jury gefiel diese neue Kunstidee. Māra Lāce begründete, weshalb die Juroren die Ausstellung des Künstler-Trios auswählten.

Werk von Krišs Salmanis, Anna Salmane und Kristaps Pētersons, Foto: Monta Ezerlīce

 

Eine filigrane Dekonstruktion

Die Jury entschied sich nach sehr intensiven Diskussionen in zweifacher Abstimmung, und der Preisträger - oder in diesem Falle muss man richtiger sagen: die Preisträger - wurden mit einer überzeugenden Stimmenmehrheit ermittelt. Die Arbeit von Krišs Salmanis, Anna Salmane und Kristaps Pētersons fordert in gewisser Hinsicht dazu auf, das im 20. Jahrhundert gefestigte `Nationale Wertesystem` zu überprüfen und überlässt dem Betrachter die Antwort auf die Frage, ob dieses auch dem 21. Jahrhundert entspricht,” begründet Lāce das Ergebnis. “Um diese Schlussfolgerungen schöpferisch zu bearbeiten, wurde eine filigrane Dekonstruktion des konkreten Materials unternommen, ein nach unserer Einschätzung in Hinsicht auf die Idee, der künstlerischen und technischen Ausführung wesentliches Kunstwerk, die diese Entscheidung begründet,” fügt sie hinzu. “Dievs, svētī Latviju“ (Gott, segne Lettland) – so beginnt die Nationalhymne eines Landes, in dem Kirchgänger ähnlich selten sind wie in anderen postsozialistischen Ländern. Das Künstler-Trio und die Jury demonstrieren, welche Bedeutung moderne Kunst hat: Sie stellt die fragwürdigen Mythen des Gemeinschaftslebens zur Debatte, dekonstruiert das Selbstverständliche, das sonst kaum jemand zu hinterfragen wagt. Was rührt weshalb unsere Emotionen? Worüber sollen wir Freude, Trauer und Stolz empfinden? Gehen wir melodramatischen Inszenierungen auf den Leim? Lenken diese vom Wesentlichen ab? Neben Māra Lāce und Jānis Zuzāns gehörten der österreichische Galerist Thaddaeus Ropac, Juliet Bingham, Kuratorin der Tate-Modern-Galerie, der Niederländer Hedwig Fijen, Direktor des Fonds “Manifest”, die italienische Kunstsammlerin Rebecca Russo und der us-amerikanische Kunstwissenschaftler Mark Allen Svede zu den Juroren. Sie wählten zwischen acht nominierten Ausstellungen bzw. Aktionskunstdarbietungen aus, die in den letzten zwei Jahren in Lettland gezeigt wurden. Die Arbeiten der Nominierten sind bis zum 9.4.2017 im Lettischen Nationalmuseum der Kunst (Riga, Jaņa Rozentāla laukumā 1) zu besichtigen.

 

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