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Münster, 26.6.2017
Konferenz an der Lettischen Universität: Reformation in der heutigen Welt PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Sonntag, den 19. März 2017 um 13:36 Uhr

Lutherische Identität heute: Brückenbauer und Friedensstifter

Plakat zur KonferenzVor 500 Jahren soll Martin Luther in Wittenberg seine 95 Thesen angenagelt haben. Ob dies wirklich so geschah, ist inzwischen umstritten. Fest steht dagegen, dass die neue Lehre zu beträchtlichen Umwälzungen in Europa führte. Riga war recht früh dabei. Bereits 1522 bestimmten der städtische Rat und die beiden Gilden, die Vertretungen der Kaufleute und Handwerker, dass der Reformator Andreas Knöpken zweiter Pfarrer der Petrikirche werden sollte. So fasste Luthers Lehre in der baltischen Region schnell Fuß. Sie gewann erheblichen Einfluss auf die weitere kulturelle, gesellschaftliche und historische Entwicklung. Ohne Luthers Bestreben, die Bibel dem Volk in der eigenen Sprache zu verkünden, wäre die Entwicklung der Nationalsprachen und die Herausbildung nationaler Identitäten nicht denkbar gewesen – im positiven wie im problematischen Sinne. Auch die lettische Nationalbewegung hat diese religiösen Wurzeln. In der Lettischen Universität trafen sich am 17.3.2017 Theologen und Historiker zur ganztägigen Konferenz: „Die Reformation in der heutigen Welt“. Am Vormittag versammelten sich die Teilnehmer im festlichen Großen Saal der Universität. Anwesend waren auch der lettische Erzbischof Janis Vanags und Gerhard Ulrich, der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Die beiden haben zu dem, was Reformation bedeutet, ziemlich unterschiedliche Auffassungen.

Plakat zur Konferenz

 

Fortschritt ist auch in schwieriger Zeit möglich

Markus Schoch ist Pastor der deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland. Das aufwändige Treffen hatte seine Gemeinde zusammen mit drei Fakultäten der Universität und der Hilfe der deutschen Botschaft organisiert. Schoch bedankte sich in seinem Grußwort bei den Veranstaltern. Er ist der Überzeugung, dass sich jede Zeit auf neue Weise auf Gottes Wort besinnen müsse. Denn es solle für die Zeitgenossen verständlich sein. Auch Politiker wünschten den Versammelten gutes Gelingen. In einer Videobotschaft wandte sich der EU-Abgeordnete Artis Pabriks auf Englisch ans Plenum. Er bezog sich auf einen Nachfahren Luthers, Martin Luther King, der Gott mit der Liebe identifiziert habe. Erst die Liebe führe zum wahren Frieden, der auf Gerechtigkeit basiere. In diesem Zusammenhang kritisierte Pabriks den Minsker Vertrag, der nicht hinreichend sei. Michael Roth, Staatssekretär im deutschen Außenministerium, folgerte aus den Ereignissen des 16. Jahrhunderts: „Die Reformation war nicht nur deutsch, nicht nur männlich. Die Reformation war eine Europäerin, eine Weltbürgerin.“ Sie habe gezeigt, dass Veränderungen zum Guten und Fortschritt möglich seien, auch in schwieriger Zeit. Heute müssten sich die Europäer kritische Fragen stellen, was eine und was trenne sie. Die Rolle der Kirchen sei es, den Zusammenhalt zu stärken, Verantwortung für Flüchtlinge und den Frieden in der Welt zu übernehmen. Kirche solle in Fragen der Toleranz und Gleichberechtigung vorangehen. Pfarrerinnen sollen predigen dürfen. Das sei ein Ergebnis der Reformation gewesen, die von beiden Geschlechtern betrieben wurde. (komplette Rede: riga.diplo.de) Auch Kulturministerin Dace Melbarde skizzierte ein positives Bild der Reformation. Sie habe tiefe Spuren in der europäischen Geschichte hinterlassen. Daran müsse man in der heutigen Krisenzeit erinnern.

12 Artikel

Druckschrift mit den zwölf Artikeln, eine Folge der Reformation, Foto: http://www.bauernkriege.de/artikel.jpg, Gemeinfrei, Link

Die Reformation war politisch nützlich

Luise Schorn-Schütte rückte das Image der Reformation als einigendes Band aus Frieden, Toleranz und Gleichberechtigung, an das sich die Europäer in der Krise erinnern sollten, dekonstruierend zurecht. Luthers Lehre habe auch Spaltung und Krieg verursacht. Die Frankfurter Professorin betonte, dass sie als Historikerin und nicht als Theologin das 16. Jahrhundert untersuche. Die religiöse Umwälzung zeitigte politische Folgen, obwohl Luther selbst „völlig unpolitisch“ gewesen sei. Seine Lehre, dass der Gläubige in seiner Beziehung zu Gott keine professionellen Vermittler, also keine katholischen Priester und Bischöfe benötige, habe politische Auswirkungen gehabt. Fortan war die Einheit von Kaisertum und Kirche und damit die bisherige Herrschaftsform in Frage gestellt. Der neue Glaube vermischte sich mit Politischem. Für die Städter bot die Forderung, selbst den Pfarrer auszuwählen, die Möglichkeit, die Macht der Landesherren zu beschränken. Schorn-Schütte betonte, dass die reformatorischen Impulse meistens von der ganzen Gemeinde, nicht nur vom Stadtrat ausgingen. Dem Adel bot die Reformation Argumente, die eigene Macht zulasten des Kaisers zu erweitern. In diesem Sinne stritten sich die Fürsten auf den Reichstagen mit Karl V. Die Reformation lieferte außerdem den Bauern Argumente, sich gegen willkürliche Feudalherrschaft zur Wehr zu setzen. Die Historikerin erinnerte an die zwölf Memminger Artikel von 1525, die den blutigen Krieg der Bauern gegen die Grundbesitzer entfachten. Die Bauern begründeten ihre Ansprüche mit der Rückbesinnung auf Gottes Wort. Die Landbevölkerung forderte u.a., die Allmende, also das Gemeindeeigentum, wieder zurückzubekommen. Einst konnten alle Dorfbewohner diese Flächen nutzen. Diese Allmenden waren ihnen von den Feudalherren nach und nach genommen worden. Artikel 5 beklagte die Aneignung der Wälder durch die Herrschaften, Artikel 10 der Wiesen und Äcker. Seitdem mussten die Bauern das Bau- und Brennholz von den Adeligen kaufen, auf deren Feldern arbeiten und Frondienste verrichten. Der Kampf kostete vielen Beteiligten das Leben, die Feudalherren rächten sich bitter und Luther distanzierte sich von „mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“. Er wollte „sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich“ und wie „einen tollen Hund erschlagen.“ In Zeiten, in denen die Herrscher von Besitz und Macht nicht lassen können, sind Frieden und soziale Gerechtigkeit schwer verträglich – folgerte nicht Schorn-Schütte, sondern der Autor dieser Zeilen.


Spanischer Grenzzaun

Spanischer Grenzzaun gegen afrikanische Flüchtlinge und Immigranten, Foto: Ongayo - Eigenes Werk, GFDL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4824689

Identität des Wandels oder des Erhalts

Danach erläuterte Wilfried Härle zur Themenrunde „Wer sind wir? Identitäten und Reformation“ sein Verständnis der Reformation aus theologischer Sicht. Der Heidelberger Professor betonte, dass die Gründung einer neuen Kirche nicht in der Absicht Luthers lag. Er habe eine Re-Formation, eine Erneuerung beabsichtigt, sich dabei insbesondere auf die Briefe des Apostels Paulus bezogen. Jesus sei der einzige Grund der Kirche und die Bibel die einzige Quelle. Es gebe einen Verkündigungsauftrag, das Evangelium sei allen zu bringen. Nicht im Kloster, nur im Alltag könne der Christ wirken und sich vor Gott bewähren. Wie schon die Vorredner betonte Härle die Bildung. Luther wollte die Kinder zur Schule schicken, zur Ehre Gottes und zum Nutzen der Menschen. Er habe die Bedeutung der Sprachen erkannt, dem Volk aufs Maul geschaut. Die Bejahung der Schöpfung habe den Naturwissenschaften Impulse verliehen. Die Reformation sei aber auch eine radikale Rede vom Bösen gewesen, die Härle mit der Entfernung von Gott gleichsetzte. Härle machte zudem eine protestantische Schwäche aus: Die Betonung der Innerlichkeit führe zur Vernachlässigung des Äußeren. Danach trat Janis Vanags, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands, ans Mikrofon. Der Interpretation, dass Reformation Erneuerung bedeute, stellte er die Warnung entgegen, dass dies auch Deformation heißen könne. Dass in jeder Zeit sich die Frage nach der gemäßen Verkündigung neu stelle, bedeutet für Vanags eine Forderung nach Beliebigkeit. Er erinnerte daran, dass sich auch Nationalsozialisten ihr Bild von Luther machten. Doch der zweifelnde Augustinermönch habe das katholische Erbe nicht überwinden, sondern nur kritisch überprüfen wollen. Für den Rigaer Erzbischof sind lettische Werte christliche Werte, die von den Baptisten in Kurland, den Herrnhutern in Livland und den Katholiken in Lettgallen gestiftet worden seien. Dann hielt Gerhard Ulrich, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, seinen Vortrag. Er verband das Thema Identität mit persönlichen Erfahrungen. Als junger Mensch sei er aus der Kirche ausgetreten. Ausgerechnet eine seiner Freundinnen, eine atheistische Kommunistin, habe ihn zur Bibel zurückgeführt, als sie auf der Bühne einen religiösen Text zitiert habe. Für ihn wurde die Bibel zum zentralen Haltepunkt und Identität brauche Haltepunkte. Zudem identifiziert sich Ulrich mit der Freiheit des Christenmenschen, die Luther postulierte, gegen eine Kirche, die sich anmaßt, immer Recht zu haben. Freiheit sei eine Wurzel der Gleichberechtigung. Freiheit bedeute aber nicht, sich aus Bindungen zu lösen. Aus den Briefen Paulus` könne man erkennen, wie Jesus seine Gemeinde gebaut habe – als Abbau von Feindschaft und von Zäunen. „Zäune sollen nicht errichtet werden, sondern fallen, auch in Europa,“ folgerte der norddeutsche Landesbischof. Heutzutage sei eine Angst vor der Vielfalt, dem Fremden und vor Flüchtlingen festzustellen. Den selbst ernannten Verteidigern des christlichen Abendlands - damit meinte er die Dresdener Pegida-Bewegung - rief Ulrich ins Gedächtnis, dass das christliche Abendland einem Kulturengemisch entsprungen sei. Europa solle ein Raum der Versöhnung werden. Lutherische Identität heute bedeute, sich als Brückenbauer und Friedensstifter zu betätigen. Die Furcht vor den anderen entstehe, weil man von der eigenen Identität zu wenig wisse. Zwischen den Ausführungen Ulrichs und jenen Vanags` waren also deutliche Unterschiede vernehmbar. In der anschließenden Fragerunde mit dem Plenum wurden diese noch deutlicher. Während die Deutschen aufgrund des reformatorischen Prinzips der Gleichberechtigung sich zur Frauenordination bekannten, lehnte Vanags sie mit dem Hinweis auf Bibelstellen ab. Während Ulrich die Freiheit des Christenmenschen betonte, bekannte sich Vanags zu Hierarchie und Ordnung. Vanags hält die Gegenwart von einem kriegerischen und postmodernen Säkularismus verdorben, von Mainstream-Ideologien, die sich gegen christliche Werte richteten. Auf die Frage, ob er an der reformierten Kirche gerade das Katholische schätze, antwortete Vanags, er verstehe Katholizität nicht im römisch-katholischen Sinne. So glich der Abschluss der Plenumssitzung im Großen Saal einer kleinen Disputation, die Luther gefallen hätte, zumal sie theologisch friedlich und mit Respekt für die Meinung des Andersdenkenden geführt wurde.


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