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Münster, 28.6.2017
Rätsel um die Pläne der deutschen Besatzer für die Lepra-Klinik in Stūrīši PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 23. März 2017 um 00:00 Uhr

Rettete Irma Ludzeniece ihren Patienten vor deutschen Soldaten das Leben?

Irma AronsÄrzte, Pfleger, Soldaten und Hilfspolizisten beteiligten sich in der Nazi-Zeit am Massenmord an Psychiatriepatienten in Deutschland und in den besetzten Gebieten, auch in Lettland. Das ist inzwischen bekannt. Wollten deutsche Soldaten auch die Insassen einer Leprastation in der Nähe von Talsi erschießen, weil die Wehrmacht Lazarette benötigte? Entsprechende Überlieferungen, die Agnese Lūse im Auftrag eines Buchprojekts recherchierte, deuten darauf hin, lassen aber Zweifel bestehen.

Passfoto von Irma Ārons vor ihrer Ehe mit Jānis Ludzenieks, Foto: Lettlands Historisches Staatsarchiv

 

Die Waldbewohner

Stūrīši, ein Flecken in der Nähe von Talsi, ist eine Lichtung mitten im Wald. Der Ort ist eine vom Verfall bedrohte Idylle inmitten von Bäumen, Wiesen und Gärten. Dort befindet sich ein kleines Viertel mit einer baufälligen Kapelle, mehrstöckigen Häusern aus Stein oder Holz, manche sind Ruinen, andere nutzt das kurländische Rote Kreuz seit 2007 als Heim für geistig Behinderte und psychisch Kranke. Es überrascht nicht, dass diese Bauten zuvor ein Leprosorium, also eine Lepra-Station waren. So wie damals die „Aussätzigen“, so wurden Lepra-Kranke einst genannt, setzt man heute die psychisch Auffälligen aus: In Mehrbettzimmer eines betagten Gebäudes mitten im Wald. Michel Foucault hat beschrieben, dass die Umwandlung von Leprosorien in psychiatrische Heime üblich war. Beide Gruppen wurden für gefährlich gehalten und sollten von der Gesellschaft entfernt leben und sterben. Für die Befürworter der NS-Euthanasie waren Psychiatriepatienten unwertes Leben, dessen Vermehrung bedrohte das gesunde Ariertum und wurde besonders in der Kriegszeit als Last angesehen. Für die Blitzkrieger war es effizienter, Lebensmittel, medizinische Pflege und Heilanstalten der „Irren“ den Frontsoldaten zu übereignen. Hatten die Deutschen aus diesem Grund die Absicht, auch Lepra-Kranke zu erschießen? Agnese Lūse recherchierte solche Hinweise.

Leprosorium in Sturisi

Das Leprosorium in Stūrīši in der damaligen Zeit, Foto: Agnese Lūse

Die international anerkannte Lepra-Klinik von Stūrīši

Im Juni 1941 wurde die westlettische Region Kurland Teil des Reichskommissariats Ostland. Deutsche Soldaten kamen nach Stūrīši. Hier war 1937 eine moderne Lepra-Station eingerichtet worden, mit Apotheke, Röntgenabteilung und Operationssaal. Seit den 20er Jahren war die Krankheit behandelbar. Aus Deutschland, das keine speziellen Lepra-Kliniken hatte, kamen Ärzte, um sich anzuschauen, wie die Patienten therapiert wurden. Doch im Krieg kamen die Besatzer mit anderen Absichten. Ein deutscher Befehlshaber habe die Angestellten von Stūrīši angewiesen, ein zweistöckiges Gebäude zu räumen. Alle Lepra-Kranken seien auf die Wiese getrieben worden. Soldaten hätten bereits ihre Gewehre angelegt. Plötzlich sei eine Ärztin im weißen Kittel herbeigestürzt und habe den Soldaten mit entschlossener Stimme auf Deutsch gesagt:Wenn schon, dann erschießt uns alle!“ Dann sei eine gespenstische Stille eingetreten und die Soldaten hätten ihre Gewehre sinken lassen und sich ins Haupthaus zurückgeschlichen. Jene, die so mutig gewesen sein soll, war die Ärztin Irma Ludzeniece. Sie leitete auf deutsche Anweisung die Anstalt, seitdem ihr Mann Jānis Ludzenieks von den vorhergehenden sowjetischen Besatzern verhaftet und deportiert worden war. Als Akademiker und Angehöriger des freiwilligen lettischen Schützenverbandes galt der Anstaltsleiter als Feind des Bolschewismus`. Später erfuhr sie, dass Tschekisten ihn getötet hatten. Ludzenieces kühner Satz ist allerdings nur im Buch “Lepra Ziemeļkurzemē” (Lepra in Nordkurland) aus anonymer Quelle überliefert. Hätten sich deutsche Soldaten wirklich von einer lettischen Ärztin von ihren Taten abhalten lassen?

Das Leprosorium von innen

Ein Innenraum des Leprosoriums, Foto: Agnese Lūse

„In der deutschen Zeit vor der Tötung bewahrt...“

Agnese Lūse machte sich daran, die Geschichte zu überprüfen. Sie machte Irma Ludzenieces Tochter Ieva Briedis ausfindig, die in Chicago lebt. Sie bestätigte, dass ihre Mutter recht gut Deutsch gesprochen, Zentas Mauriņas sämtliche Werke auf Deutsch gelesen habe. Der Mann von Irmas Schwester, Georgs Krieviņš, schrieb ihr 1985 einen Brief. Darin forderte er, dass man zum Gedenken an die vier Jahre zuvor gestorbene Verwandte aufschreiben müsse, „wie sie ihre Patienten im Leprosorium von Talsi in der deutschen Zeit vor der Tötung bewahrte“. Mehr ist in Krieviņš` Brief nicht zu finden. Der Teilsatz bleibt vieldeutig, ob damit tatsächlich die zuvor beschriebene Szene gemeint ist, bleibt unklar. Weitere Hinweise, keine endgültigen Beweise, fand Agnese Lūse im Lettischen Historischen Staatsarchiv. Dort aufbewahrte Dokumente zeigen, dass die Deutschen mit Stūrīši vorübergehend Pläne hatten. Hier wollten sie im Herbst 1943 – wie in den lettischen Psychiatrien – ein Lazarett für die eigenen Soldaten einrichten. Die Angestellten der Lepra-Klinik sollten alle Gebäude des Geländes beschreiben, es waren 18 und alle wurden genutzt. Davon kündet ein im Archiv aufbewahrter Brief vom Dezember 1943, den Irma Ludzeniece dem Leiter des Gesundheitsdepartments schrieb: „Vor einigen Wochen fanden sich bei uns im Leprosorium einige deutsche Armeeangehörige ein, sie verlangten den Plan unserer Anstalt und musterten alle unsere Gebäude. Wie ich verstanden habe, wird über die Möglichkeit nachgedacht, in unseren Räumen ein Kriegslazarett einzurichten, das Leprosorium könnte dann nicht an Ort und Stelle bleiben. Ich habe nicht die geringste Hoffnung, das unter den jetzigen Umständen das Leprosorium mit 96 ständigen Kranken irgendwo sonst geeignete Räume finden könnte. Deshalb bitte ich Sie sehr, im Bedarfsfall alles Mögliche zu tun, um für die Interessen des Leprosoriums einzustehen.“

Lepra-Patienten

Lepra-Kranke in Kurland, Foto: Z. Kalmaņs-Archiv

„Keine Meinungsverschiedenheiten mit der Klinikleitung erwähnt“

Weitere Briefwechsel mit den Behörden, die im Archiv zu finden sind, bekunden, dass die Deutschen im Herbst 1943 einige Anstaltsräume für ein Lazarett beschlagnahmten. In einem Schreiben vom 15.1.1944 an den Direktor des Gesundheitsdepartments schlug Ludzeniece vor, das Lazarett in einem dreistöckigen Neubau unterzubringen und die dortigen Lepra-Kranken in drei leerstehende Holzbaracken zu verlegen. Die Ärztin hielt dies für die beste Lösung, damit man die Kranken im Winter nicht weit transportieren müsse. Doch im März des Jahres schrieb ein Dr. Carlile im Auftrag des deutschen Generalkommissariats, dass Bezirksverwaltung und SS von ihrem Vorhaben in Talsi absehen. Agnese Lūse schließt aus dem Recherchierten: „In den zugänglichen Dokumenten sind keine Meinungsverschiedenheiten mit der Klinikleitung erwähnt, deshalb ist es schwer zu beurteilen, ob tatsächlich eine Zeit lang die Bedürfnisse der Armee mit dem ärztlichen Auftrag kollidierten. Dennoch bleibt als nicht bestreitbare Tatsache, dass die Patienten des Leprosoriums von Talsi nur auf natürliche Weise starben und nicht getötet wurden wie beispielsweise die Geisteskranken der Rigaer Klinik Sarkankalns, der Anstalt Ģintermuiža in Jelgava oder des Krankenhauses von Daugavpils.“ 1944 floh Irma Ludzeniece vor der rückkehrenden Roten Armee nach Deutschland, von dort aus weiter in die USA, wo sie zuletzt in Chicago lebte und am 26.8.1981 gestorben ist. Agnese Lūse erforschte ihre Geschichte im Rahmen des Projekts „Lettlands stille Helden“ (Latvijas klusie varoņi). Das Buch ist eine Sammlung von 15 Texten über Personen, die während der sowjetischen und deutschen Besatzung sich unter hohem Risiko für andere eingesetzt haben. Außer Agnese Lūse lieferten Pēteris Bolšaitis und Anna Žīgure die Beiträge. Das Lettische Radio (lsm.lv) sendet derzeit eine Doku-Serie zum Buch.

 

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