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Münster, 24.9.2017
Die Furcht vor Wiedergängern und Nachzehrern PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 15. April 2017 um 00:00 Uhr

Lettischer Friedhof

Auf einem lettischen Friedhof, Foto: LP

Auferstehen ja bitte – aber nicht im Diesseits!

Ostern ist das Fest der Auferstehung. Christen verbinden damit die Hoffnung, eines Tages wie Gottes Sohn aus dem Grab zu steigen. Doch bitte schön: In einer anderen, besseren Welt. Auf den Friedhöfen gedenken wir unseren nächsten Angehörigen, schmücken ihre Gräber zu Festtagen besonders festlich mit Blumen und Lichtern. Mancher Gläubige sehnt sich nach einem Wiedersehen mit ihnen im Jenseits. (Garstige Schwiegermütter und lieblose Stiefväter einmal ausgenommen). Doch was wäre, wenn die Lieben auf dem Kirchhof aus dem Grab stiegen? Diese Vorstellung, die doch eigentlich ein Moment der größten Freude sein müsste, war für unsere Vorfahren ein schlimmer Albtraum. Journalistin Angelika Franz sprach mit Lokalhistorikern und Archäologen, die Gräber rund um die norddeutsche Stadt Stade erforschen (spiegel.de). Die Verwandten der Toten mussten einiges beachten, um die befürchtete Wiederkehr zu verhindern: Die Nadel, mit der das Totenhemd genäht wurde, gehörte in den Sarg. Die Angehörigen mussten das Herdfeuer löschen und die Asche wegkippen, wenn der aufgebahrte Tote das Haus verließ. Auf keinen Fall durfte der oder die Verstorbene bestohlen oder die Gebeine geschändet werden. Die Forscher fanden zudem schwere Steine auf den Särgen, damit ja der Deckel zublieb. Doch weshalb war die Furcht vor einer Wiederkehr der Lieben größer als die Freude über ein Wiedersehen? Der bekannteste Untote Rumäniens namens Dracula liefert die Antwort: Die Wiedergänger zehren von den wirklich Lebenden, nähren sich von ihrem Blut oder von ihrer Kleidung. Das schwächt die Lebenskraft und droht, die Lebenden selbst ins Grab zu ziehen. Auch wenn die Leichen nur an der Kleidung der Lebenden nagten, schwächte es deren Lebenskraft. Franz berichtet über den Fall eines solchen toten Nachzehrers: Ihm legten die Bestatter einen fremden Oberarmknochen über das Gebiss, um ihn an der Verspeisung von Textilien zu hindern. Solcher Horror war in den früheren Jahrhunderten grenzenlos. Freund Hein mit seinen Helfershelfern wie Pest und Cholera machte vor Zollschranken nicht Halt. Eine überlieferte Geschichte, die in Pēteris Šmits` Sammlung „Lettische Märchen und Sagen“ überliefert ist, kündet davon, dass die Menschen an der Daugava Gleiches fürchteten. Das hat Jānis Alberts Jansons aus Nogale überliefert, dessen kleine Geschichte unter „weiterlesen“ auf Deutsch nacherzählt wird.

Die Untoten von Nogale

Es war noch sehr früh am Ostermorgen. Niemand befand sich auf den Wegen des kleinen Dorfes Nogale, das zum Schloss des christlichen Barons gehörte. Eine Frau war schon unterwegs und musste am Kirchhof vorbeigehen. Aus der Ferne bemerkte sie dort ein eigenartiges Treiben. Sie sah Lichter, die Leute in den Händen hielten. Sie wunderte sich, dass der Pfarrer bereits zu dieser Stunde den Verstorbenen die Messe lesen würde. Sie betrat den Friedhof, um an der Totenfeier teilzunehmen. Doch als sie den Versammelten näher kam, bemerkte sie, dass sie sich geirrt hatte. In der Menge erblickte sie ihre Eltern und ihre Schwester, die Freund Hein längst hinweggerafft hatte. Nun waren sie aus dem Grab gestiegen und hielten Lichter in der Hand. Freudig eilte die Frau auf ihre Schwester zu. Doch diese erschrak und rief: „Hau ab, Schwesterchen, bevor die anderen dich sehen! Sonst wirst du am Leben bald keinen Spaß mehr haben.“ Irritiert von dem, was ihr am Ostermorgen widerfuhr, lief die Frau schnell davon. Aber die anderen Untoten hatten sie schon bemerkt und stellten ihr nach. Verzweifelt warf sie ihnen ihr wollenes Schultertuch vor die Füße. So konnte sie sich fürs Erste retten. Das Tuch wurde zerfetzt, in viele Stücke gerissen, man fand auf jedem Grab einen Fetzen davon. Wie es der Frau danach erging, ist nicht überliefert. Jansons` Geschichte wurde originalgetreuer bereits übersetzt (mit ungeklärten Urheberrechten, daher hierhin nicht kopierbar) und ist auf der Webseite der lettischen Folkloresammlung zu finden: Veļi kapsētā / Die Manen (Veļi) auf dem Friedhof

 

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