logo
Münster, 11.12.2017
Lettische Kunstausstellungen im Mai 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 05. Mai 2017 um 00:00 Uhr

Künstlerisches aus der Zeit, als Heikles “palmiert” wurde

Borgs, EnergieKunst, die provoziert und herausfordert, überdauert nicht selten ihre Spötter und Kritiker. “Divdabis” zeigt Werke von Jānis Borgs, der bereits in den 70er Jahren sich mit Konzeptkunst vom sozialistischen Realismus entfernte. Lettische Kunstfreunde gedenken des 125. bzw. 120. Geburtstags des Künstlerpaars Romans Suta und Aleksandra Beļcova, dem das gleichnamige Museum in der Elizabetes ielā in Riga gewidmet ist. Derzeit sind soviele Exponate von ihnen zu sehen, dass dieses Etagenmuseum nicht ausreicht. Und das Mark-Rothko-Museum in Daugavpils zeigt 30 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe, wie sich Künstler mit dieser neuen Etappe der Menschheitsgeschichte auseinandersetzen. Hier die Zusammenfassung von PR-Texten lettischer Museen für den Mai.

Jānis Borgs` "Energie" 1978, Foto: Aus dem Archiv von Jānis Borgs, LNMM

 

Divdabis (Partizip)

Bis zum 28.5.2017 präsentiert das Nationale Kunstmuseum in Riga, Jaņa Rozentāla laukums 1, auf der 4. Etage den ersten Teil des dreifachen Zyklus` “Divdabis” (Partizip). Die Kuratorinnen wollen jeweils eine Wechselbeziehung zwischen zwei Künstlern aus unterschiedlichen Generationen herstellen. Den Anfang machen Jānis Borgs, geboren 1946, und Kaspars Groševs, geboren 1983. Borgs` Künstlerbiographie begann in der sowjetischen Zeit. Er gestaltete eine Kunstform, die nicht dem sozialistischen Realismus entsprach: Bereits in den 70er Jahren widmete er sich der Konzeptkunst. Bei dieser steht die Idee, nicht die Ausführung im Mittelpunkt. So plante Borgs damals vor einem Umspannwerk die abstrakte Großskulptur “Energie”. Diese konnte nicht verwirklicht werden, weil das Material fehlte: Rostfreier Stahl war militärischen Zwecken vorbehalten. Nach den erhaltenen Plänen können sich die Ausstellungsbesucher nun zumindest ein virtuelles Bild von diesem Konzept machen. Der jüngere Kollege Kaspars Groševs thematisiert die sowjetische Zensur, bei der beispielsweise auf den Bildern und Fotografien unerwünschte Personen und Themen verschwanden. Der Macht Ungefälliges wurde übermalt. Das nannte man “Palmierungsmethode”, weil beispielsweise Palmen heikle Motive ersetzten. Groševs verdeckt eine Zeichnung seines Großvaters mit einem Palmenzweig: Sein Großvater hatte sie als Deportierter in Sibirien angefertigt. Zu den Kuratorinnen gehört Solvita Krese, die Leiterin des Zentrums für zeitgenössische Kunst (LLMC). Sie befindet zum dreiteiligen  “Divdabis”-Zyklus: “Im Ausstellungssaal begegnen sich die Künstler zweier unterschiedlicher Zeiten und Generationen und das erlaubt uns, Augenzeuge einer geschaffenen Wechselbeziehung zu werden. Jetzt, wo gerade Lettlands zeitgenössisches Kunstmuseum entsteht, ist es besonders wichtig, unsere jüngste Kunstgeschichte zu mustern und gewahr zu werden, welche Künstler und Arbeiten aktualisiert werden müssen, damit wir nicht nur ein neues Gebäude, sondern auch eine wertvolle Sammlung bekommen.”

Grosevs

Kaspars Groševs, ohne Titel, Foto: Aus dem Archiv von Kaspars Groševs, LNMM

Romans Suta – 120. Universālā mākslas formula (Romans Suta – 120. Die universelle Kunstformel)

Dem vielfältigen Künstler sind zum 120. Geburtstag gleich zwei Ausstellungen gewidmet: Die eine “Malerei, Grafik, Bühnenmalerei” im großen Ausstellungssaal des Nationalen Kunstmuseums in Riga, Jaņa Rozentāla laukums 1 (bis zum 9.7.2017), die andere “Gebrauchskunst, Design” im Großen Saal des Museums für dekorative Kunst und Design, Skārņu iela 10/20 in Riga (bis zum 18.6.2017). Sutas Schaffen wird umfassend dokumentiert, dabei bislang Unbekanntes aus Privatsammlungen präsentiert. Nach dem Ersten Weltkrieg war er Mitglied einer expressionistischen Künstlergruppe. Er heiratete 1922 Aleksandra Beļcova. Das Künstlerpaar begab sich auf eine Bildungsreise nach Berlin, Dresden und Paris. Suta wurde zum Vorreiter der lettischen Moderne. Er arbeitete nicht nur als Maler, Grafiker, Illustrator und Bühnenbildner. Er wurde auch Mitbegründer einer Werkstätte für Porzellanmalerei und lehrte als Kunstpädagoge in einer Volkshochschule. Zudem schrieb er über Kunst in Fachzeitschriften. 1943 wurde er bezichtigt, Lebensmittelkarten gefälscht zu haben und ein Jahr später hingerichtet. 1959 wurde er rehabilitiert. Die Kuratorinnen Nataļja Jevsejeva und Inese Baranovska erklären den Ausstellungstitel: “Romans Suta erprobte seine Fähigkeiten in verschiedenen Kunstbereichen und gestaltete künstlerische Arbeiten unterschiedlicher Art. So vermochte er, mit einer spezifischen Handschrift und einem speziellen Stil bekannt zu werden. Es scheint so, als ob der Künstler eine universelle Kunstformel entdeckt hatte, die ihm half, sein Talent zugleich vielfältig und doch einheitlich zu entwickeln.”

Romans Suta, Ausverkauf

Romans Suta: Ausverkauf, Foto:  SBM-Sammlung/ LNMM


“Vārds sievietei” (Der Frau das Wort)

In den nächsten Monaten werden im Romans-Suta-und-Aleksandra-Beļcova-Museum die Exponate des Ehemannes fehlen. Das schafft Platz für eine Ausstellung, mit der Aleksandra Beļcovas 125. Geburtstag gedacht wird. Sie ist noch bis zum 9.9.2017 zu sehen (Elizabetes ielā 57a, Wohnung 26 in Riga). Im Gegensatz zum redseligen Ehemann galt Beļcova als schüchtern und verschwiegen. Kunst bot ihr die Möglichkeit, sich mitzuteilen und Aufmerksamkeit zu verschaffen. Kuratorin Nataļja Jevsejeva beschreibt ihre Biographie: “Aleksandra Beļcova lebte ein langes Leben – 89 Jahre und sie beschäftigte sich aktiv mit der Kunst bis in die letzten Lebensjahre. In ihren Arbeiten war sie bestrebt, mit der Zeit Schritt zu halten, sie erprobte viele Stile und Richtungen, dennoch bewahrte sie stets das ihr Eigentümliche: Pietät, Ehre, Feingefühl für das Abgebildete – ob es ein porträtierter Mensch war, eine Landschaft oder ein Stillleben. Die Besucher haben die Möglichkeit, neben den Meisterwerken ihrer modernen Phase auch die Malereien zu betrachten, die unter dem Eindruck der Pariser Schule in den 30er Jahren und während der sowjetischen Zeit entstanden sind. Die Retrospektive wird mit der Erzählung kaum bekannter Tatsachen über  Aleksandra Beļcovas Biographie ergänzt.”


Belcova: Selbstporträt mit Tochter

Aleksandra Beļcova: Selbstporträt mit Tochter, 20er Jahre, Foto: Normunds Brasliņš, LNMM

Daugavpils: X: Kritiskā robeža – Černobiļa 30 (X: Kritische Grenze – Tschernobyl 30)

Das Mark-Rothko-Zentrum in Daugavpils zeigt noch bis zum 2.7.2017 diese Ausstellung, die sich künstlerisch mit der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 auseinandersetzt. Swetlana Alexijewitschs Buch “Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft” ist die Vorlage. Albinas Vološkevičius lud Künstler aus Panevėžys, sich mit Tschernobyl und den Folgen künstlerisch auseinanderzusetzen und in einen Dialog zu treten. Sie sollten paarweise Arbeiten zum Thema liefern. Kurator Virgīnijs Kinčinaitis beschreibt den doppelten Aspekt des Vorhabens: Einerseits bedeutet es eine Herausforderung für die beteiligten Künstler, die einen persönlichen Stil pflegen, hier aber zu einem konkreten Thema zusammen arbeiten sollen. Das führt zu unvorhersehbaren Ergebnissen. Andererseits ist es die Auseinandersetzung mit einem gewichtigen Thema, das eine neue Etappe in der Menschheitsgeschichte markiert. Laut Kinčinaitis ist Tschernobyl sowohl ein globales wie ein sehr persönliches Thema. Eine solche Apokalypse könne nicht lediglich mit rationaler Erörterung oder wissenschaftlichen Erklärungen abgehandelt werden. Es sei vielmehr ein Zustand stiller posttraumatischer Erfahrung, eine vergiftete existenzielle Selbstbeobachtung. Alexijewitsch habe in ihrem Text nicht die Katastrophe behandelt, sondern die Welt von Tschernobyl, über die wenig bekannt sei. Die Literatur-Nobelpreisträgerin interessiere sich nicht für einzelne Notfallmaßnahmen, sondern für die Wahrnehmungen und Empfindungen jener Menschen, die mit dieser unbekannten Situation umgehen mussten. Die Autorin rekonstruiere Gefühle und keine Abfolge von Ereignissen. Girmantas Rudokas, Mindaugas Breiva, Tomas Rudokas, Eugenijus Marcinkevičius Diana Rudokienė und Raimondas Gailiūnas stellten sich der anspruchsvollen Aufgabe.

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||