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Münster, 21.8.2017
Letten und Russen bewerten die Historie weiterhin unterschiedlich PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 25. Mai 2017 um 00:00 Uhr

Mehr Verständnis für die Andersdenkenden

gut oder schlechtWie war es in der Sowjetunion? War Karlis Ulmanis ein guter Politiker? Ist der 9. Mai ein Tag des antifaschistischen Sieges? Je nach dem, ob man einen lettisch- oder russischsprachigen Einwohner fragt, fallen die Antworten wahrscheinlich ziemlich unterschiedlich aus. Die lettische Mehrheitsgesellschaft trennt noch so manches von der russischsprachigen Minderheit im eigenen Land. Dazu gehört die gegensätzliche Bewertung der verschiedenen Herrschaftsphasen der letzten hundert Jahre. Am besten wird jeweils die Regierungsform bewertet, die die eigene ethnische Gruppe bevorzugte: Letten die Zeit unter der nationalistischen Ulmanis-Diktatur, als es hieß „Lettland den Letten“ und Russischsprachige die Sowjetzeit, als man hierzulande Karriere machen konnte, ohne ein Wort Lettisch zu lernen. Doch insgesamt erkennen die Forscher einen positiven Trend: Mit den gegensätzlichen Einschätzungen der anderen ethnischen Gruppe gehen Lettlands Einwohner immer gelassener um. Das ergab die diesjährige Umfrage jenes Forschungszentrums der Lettischen Universität, welche das Soziale Gedächtnis erkundet (lsm.lv).

Gut oder schlecht? Das ist die zweisprachige Frage, Foto LP

 

Gute Zeiten gleich schlechte Zeiten

Die Forscher teilten Lettlands jüngere Geschichte in fünf Phasen: Lettlands erste Zeit der Unabhängigkeit und repräsentativen Demokratie (1918-1934), die Ulmanis-Diktatur (1934-1940), die Zeit, als Lettland zwangsweise in die Sowjetunion integriert wurde (1940-1986), die revolutionäre Umbruchszeit (1986-1991) und die Zeit der erneuten nationalen Unabhängigkeit von 1991 bis heute. Auffällig ist, dass die Sozialwissenschaftler die Jahre der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944 auslassen. Deren Beurteilung wäre ebenfalls von Interesse. Auf die Frage: „Wie bewerten sie Lettlands historische Zeitabschnitte?“ halten von 100 Prozent der Lettischsprachigen bzw. 100 Prozent der Russischsprachigen die fünf Zeitabschnitte für "gut":

1918-1934

1934-1940

1940-1986

1986-1991

seit 1991

LV

RU

LV

RU

LV

RU

LV

RU

LV

RU

2010

64

42

76

41

44

70

67

34

43

23

2017

66

38

72

42

36

71

71

32

63

31

In beiden Gruppen schneiden nicht die Phasen der repräsentativen Demokratie am besten ab, sondern jene Regierungszeiten, die die eigene Ethnie am meisten begünstigte: Bei jenen mit lettischer Muttersprache ist es mit 72 Prozent im Jahr 2017 immer noch die Ulmanis-Zeit, dicht gefolgt von den Jahren der Singenden Revolution, aktuell 71 Prozent. Unter Gorbatschow setzten die Letten große Hoffnungen auf die zukünftige Unabhängigkeit. Im Jahr 2010, als viele Letten verschuldet und erwerbslos waren, sank die positive Bewertung der aktuellen Staats- und Regierungsform auf 43 Prozent, ist aber mittlerweile wieder auf 63 Prozent gestiegen. Jene mit russischer Muttersprache halten die Sowjetzeit mit Abstand für die beste, aktuell mit 71 Prozent. Der Anteil der zufriedenen Russischstämmigen im unabhängigen Lettland ist noch gering, aber 2017 deutlich angestiegen, auf 31 Prozent. Letten und Russen haben unterschiedliche, teils gegensätzliche Erinnerungskulturen. Diesbezüglich sind die Ergebnisse der LU-Forscher nicht überraschend: Lettischsprachige gedenken den Tagen der nationalen Unabhängigkeit (18. November und 4. Mai), die russischsprachigen Mitbürger erinnern sich lieber an den 9. Mai, an den Sieg über Nazi-Deutschland. Dieser Tag bedeutet für Letten wiederum die Fortsetzung totalitärer Herrschaft. Die Umfragemehrheiten sollten nicht zu Pauschalurteilen verleiten: Neben Letten wurden in der Stalin-Ära auch Russen verfolgt und neben Russen wurden auch Letten KP-Mitglied, um Karriere zu machen. Die Spaltung im sozialen Gedächtnis Lettlands wird durch die unterschiedlichen Erinnerungskulturen gefördert: Letten rufen sich die UdSSR als repressives Regime ins Gedächtnis. Angehörige wurden verfolgt, hingerichtet oder deportiert. Russisch, die Sprache der Besatzer, hatte Vorrang, die eigene Kultur wurde marginalisiert, teils verboten. Während der Sowjetzeit ließ die Moskauer Zentralregierung viele russische Arbeiter in Riga und anderen lettischen Städten ansiedeln. Am Ende der Gorbatschow-Ära hatte der russische Anteil fast die Hälfte der Einwohnerschaft erreicht. Menschen russischer Abstammung erinnern sich nicht nur an den Sieg über den Faschismus ("Gitler kaputt"), sondern auch an kostenlose medizinische Versorgung und Bildung, sichere Arbeitsplätze, moderne Wohnungen mit Bad, WC und Fernheizung - wenn auch in scheußlichen Plattenbauten. Die lettische Unabhängigkeit im Jahr 1991 bedeutete dagegen für Russischsprachige, die sich nicht befleißigt hatten, Lettisch zu lernen, den Verlust der Arbeitsstelle und der Staatsbürgerschaft.

 

Mehr Verständnis zwischen den Ethnien

Erfreulich ist, dass das wechselseitige Verständnis für unterschiedliche Erinnerungen offenbar zunimmt. Der Anteil der Befragten, die andere Geschichtsinterpretationen tolerieren können, vergrößert sich allmählich. Auf die Frage, ob man unterschiedliche Geschichtsinterpretationen verschiedener Gruppen akzeptieren könne, zeigen sich beide Seiten immer toleranter:

stimme voll zu

stimme teilweise zu

stimme eher nicht zu

stimme gar nicht zu

weiß nicht

LV

RU

LV

RU

LV

RU

LV

RU

LV

RU

2012

11

23

31

36

20

19

22

8

16

14

2017

14

26

36

37

2

16

14

6

14

15

 

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