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Münster, 20.10.2017
Lettische Kunstausstellungen im Juni 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 08. Juni 2017 um 00:00 Uhr

Maija Tabaka, Valdis Abolins und die skandalöse Fluxus-Truppe

Künstlerhaus BethanienMaija Tabaka, eine der bekanntesten Malerinnen Lettlands, kam 1977 nach Westberlin und lernte dort eine recht bunte und forsche Kunstszene kennen. Ihr Landsmann Valdis Abolins, der 1984 in Berlin gestorben ist, hatte den Aufenthalt vermittelt. Tabaka porträtierte deutsche Künstler wie Wolf Vostell, dessen Happenings so manche in Rage versetzt hatten. Atis Ievins und Inga Meldere setzen sich mit den Farbbildern einst und jetzt auseinander. Liene Mackus und Arturs Arnis entwickeln mit Landschaftsbildern eine realistische Poetik. Hier die Zusammenfassung aus den PR-Texten der lettischen Kunstmuseen für den Juni.

Im Berliner Künstlerhaus Bethanien hatte Maija Tabaka 1979 eine Ausstellung, Foto: tian2992 from Guatemala, Guatemala - Künstlerhaus Bethanien, CC BY-SA 2.0, Link

 

“Maija Tabaka un Rietumberlīne/ Maija Tabaka und Westberlin”

9.6. bis 20.8.2017, Kunsthalle Arsenals, Torna iela 1, Riga

Die prominente lettische Malerin lebte von 1977 bis 1978 in Westberlin. Sie lernte im kapitalistischen Westen eine Künstlergruppe kennen, die sich viel revolutionärer gebärdete als der biedere, aus bürgerlicher Ästhetik hervorgegangene sozialistische Realismus, der noch in ihrer Heimat propagiert wurde. Tabaka arbeitete in dieser Zeit für die Kreuzberger “neue Gesellschaft für Bildende Kunst” (ngbk.de), die sich 1969 als basisdemokratisch organisierter Kunstverein gegründet hatte. Dass die NGBK als “linke” Organisation am Anfang mehr einem hergebrachten Realismus verhaftet gewesen sei, ist ein Missverständnis, das die Rigaer Museums-PR verbreitet, weil man iń Osteuropa das Linkssein mit sozialistischem Realismus gleichsetzt. Künstlerisch “links” sein bedeutete auf dieser westdeutschen Insel inmitten des Ostens eher das Gegenteil: experimentell und gesellschaftskritisch sein, das Publikum mit Unerwartetem und mit Antikunst provozieren, dessen genießende passive Konsumentenhaltung herausfordern, es selbst zur Tat anregen und sei es durch wütenden Protest gegen das Dargebotene. Zu den Provokation nicht scheuenden Künstlern zählten der Dadaist John Heartfield ebenso wie der politische Plakatkünstler Klaus Staeck oder Vertreter der Fluxus-Bewegung, unter ihnen Wolf Vostell, der von Tabaka mehrmals porträtiert wurde. Der NGBK-Geschäftsführer Valdis Abolins vermittelte Tabaka ein DAAD-Stipendium und künstlerische Bekanntschaften in der Westberliner Szene. Der Exillette hatte als Kulturreferent des Aachener Allgemeinen Studentenausschusses (Asta) die skandalöse Fluxus-Truppe schon in den 60er Jahren kennengelernt. Zu ihr gehörten neben Vostell auch Joseph Beuys und Bazon Brock. Abolins wollte 1964 den 20. Juli als Gedenktag des antifaschistischen Widerstandes auf neue künstlerische Art begehen. Acht Männer, unter ihnen Vostell, Beuys und Brock, veranstalteten vor fast 1000 Studierenden ein Happening, das im programmierten Tumult endete - ein fester Bestandteil dieser Kunstform. Es liest sich genüsslich, was Zeit-Journalist Peter Squenz damals über diese Darbietung formulierte, die mit Goebbels` berüchtigter Frage “Wollt ihr den totalen Krieg?” begann: “Im größten Hörsaal der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen schienen die schweren Fälle einer `geschlossenen Abteilung` ihren Kameradschaftsabend zu feiern: Ein Mann mit Gasmaske und blauer Glühbirne auf dem Kopf schleppte keuchend Säcke mit gelbem Farbpulver herbei und entleerte sie auf die Bühne des Hörsaals. Acht junge Männer wälzten sich in der Farbe. Strohballen flogen durch das Auditorium, einer der Akteure biß in einen Blumenstrauß, ein anderer sprang barfüßig über die Pulte und versprühte Tannenduft. Papierflugzeuge schwebten durch die Luft, schrille Töne, auf kleinen Trillerpfeifen geblasen, mischten sich mit sinnlosen Lautsprecherdurchsagen: `Den Speck in Streifen zerteilen und kreuzweise garnieren ... Immer noch schmeckt das Bier... Man darf die Kartoffeln nicht mit dem Messer schneiden...` Auf einem Elektrokocher bruzzelte Margarine. Der Geruch des Fettes zog durch den Hörsaal. Die vom Allgemeinen Studentenausschuß an der Technischen Hochschule veranstaltete Gedenkfeier für die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 war in vollem Gange.” Tatsächlich erreichten die Künstler ihr Ziel: Das Publikum reagierte tatkräftig: Es pfiff, empörte sich, schließlich gipfelte der Abend in einer Schlägerei, Polizisten beendeten das Spektakel, Beuys holte sich eine blutige Nase (zeit.de, dazu auch ein YouTube-Video). Der Asta hielt seine Veranstaltung für missglückt. Doch treffender hätte sich die Heuchelei der westdeutschen Gesellschaft kaum entlarven lassen, eine sich gleichsam biedermeierlich wie scheindemokratisch gebende Gesellschaft, die den nationalkonservativen Widerstand gegen Hitler feierte und verklärte, dagegen den linken und kommunistischen verdrängte. Joseph Beuys, Bazon Brock und ihre Fluxuskollegen dürften den Studenten Abolins erheblich ins Schwitzen gebracht haben  – der Asta-Vorsitzende ließ den Abend vorzeitig beenden, danach mussten die Asta-Mitglieder den reichlich verdreckten Hörsaal reinigen. Dennoch verteidigte der lettische Kulturreferent die Fluxus-Akteure und blieb mit ihnen in Kontakt. So lernte auch Tabaka vierzehn Jahre später diese und andere Vertreter neuer westlicher Kunstrichtungen im experimentierfreudigen Westberlin kennen. Die Berliner Zeit bedeutete einen Wendepunkt in ihrem künstlerischen Schaffen. Kuratorin Ivonna Veiherte meint, Tabaka, deren Bilder im Westen zuvor schon vielfach ausgestellt worden waren, habe zwar nicht von vorn begonnen, aber ihre Darstellungen hätten in dieser Zeit eine neue Qualität erreicht, sich von den heimischen Kunsttendenzen befreit, sich der westlichen und amerikanischen Kunst zugewandt. Sie habe neue Arten der Farbgestaltung kennengelernt, verbunden mit einem Visionsstrom, der Natur und Einbildungskraft verschmolz. Sie habe intensive Konfliktsituationen des Lebens abgebildet, darunter Ansichten des Drogenproblems, das damals ein großes öffentliches Thema der Westdeutschen und Westberliner war. In Tabakas Kunst jener Tage erkenne man Berührungspunkte zum Schaffen ihrer jungen deutschen Kollegen, in der Dramaturgie der Ideen und der Vielfältigkeit der Ausdrucksmittel. “Maija Tabaka und Westberlin” ist eine Interpretation von Tabakas` Ausstellung im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien von 1979, in der sie 35 Bilder aus den Jahren 1962 bis 1978 präsentiert hatte. Zudem soll die Arsenals-Ausstellung einen Eindruck von den kulturellen Prozessen liefern, die sich damals im geteilten Berlin abspielten. An manchen von ihnen nahm Tabaka teil, von anderen hielt sie sich fern. Gezeigt werden Tabakas Werke aus der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, darunter Porträts der deutschen Künstlerkollegen: Wolf Vostell, Salome alias Wolfgang Ludwig Cihlarz, Dieter Masuhr, Reiner Fetting und anderen. Am Tag der Ausstellungseröffnung halten die Kuratoren Eckhart Gillen und Ivonna Veiherte Vorträge zum Thema “Maija Tabaka im Kontext der Westberliner Kunst” und zwar am 9.6.2017 um 11 Uhr am Ort der Ausstellung, der Kunsthalle Arsenals.

Vostell-Porträt von Tabaka

Abolins-Porträt* von Maija Tabaka, 1978, Foto: Jānis Pipars. LNMM

„Divdabis (Partizip). Atis Ievins/ Inga Meldere”

3.6. bis 2.7.2017 im Hauptgebäude des Lettischen Nationalen Kunstmuseums, Jana Rozentala laukums 1, Riga, 4. Etage

Das Lettische Zentrum für zeitgenössische Kunst (LCCA.lv) setzt mit dieser Ausstellung die Reihe “Divdabis” fort. Diese führt jeweils zwei Kunstschaffende aus unterschiedlichen Generationen zusammen. Diesmal präsentiert Kuratorin Inga Lace Arbeiten von Atis Ievins und Inga Meldere. Ievins verband zur Sowjetzeit die Fotografie mit einer speziellen Silberätztechnik. Seine derart entwickelten Porträts näherten sich dem Ausdruck von Gemälden. Auch Inga Meldere nutzt eine spezielle Technik. Sie druckt ihre Motive zunächst auf Textilien, die sie danach übermalt, dieser Vorgang kann sich mehrmals wiederholen. So entstehen zarte und durchsichtige Collagen. Inga Lace zu den Berührungspunkten der beiden Künstler: “Der Anfangspunkt ist Atis Ievins` in Fotosiebdrucktechnik gestaltete Arbeit `TV` (1980), wo auf der Mattscheibe eines Farbfernsehers leere Hockeytore zu sehen sind. Die Arbeit kennzeichnet sowohl das Interesse des Künstlers für das damals im sowjetischen Lettland noch kaum zugängliche Farbfernsehen und seinen Bildern als auch für die Farblosigkeit des alltäglichen Lebens, in dem das Fernsehen eine kurze Atempause von der Realität bot. In ihren neuen, speziell für die Ausstellung angefertigten Arbeiten beschäftigt sich Inga Meldere weiterhin mit Bildschirmen, mit den gezeigten Bildern und Zuschauern aus heutiger Perspektive, in Anbetracht der visuellen Überfülle an Material, das für die heutige Zeit charakteristisch ist.”

Atis Ievins

Artis Ievins` "TV" von 1980, Foto: LCCA

"Saullekts/ Sonnenaufgang - Liene Mackus und Arturs Arnis. Werkausstellung"

10.6. bis 9.7.2017 in der zweiten Etage der Kunsthalle Arsenals, Riga, Torna iela 1

Mackus und Arnis fixieren die Gedanken und Einbildungen, die mit visuellen Mitteln erzählt werden können. Der Titel Sonnenaufgang weist dabei auf den Beginn und auf primäre Quellen. Sie orientieren sich an der Kunst des Fotografen Henri Cartier-Bresson, der vermocht habe, Abbilder der Ewigkeit in einer einzelnen Fotografie festzuhalten. Auf ähnliche Weise fixieren sie im Raum einen Augenblick der Landschaft und übertragen ihn in drei Dimensionen. Ihre Kunstform nennen Mackus und Arnis realistische Poetik. Diese wollen sie für einen Monat in die Kunsthalle übertragen, mit großformatigen Bildern, die Landschaften aus romantischer Perspektive zeigen. Die beiden Künstler studierten an der Lettischen Kunstakademie. Liene Mackus lernte dort die Bildhauerei, sie nahm an mehreren Ausstellungen teil, darunter auch am Festival Survival Kit. Artus Arnis wurde Bühnenbildner und erhielt Aufträge von Lettlands bekanntesten Theaterbühnen.

*Dieses Bild wurde hier ursprünglich als Porträt Tabakas von Wolf Vostell bezeichnet. Bitte um Nachsicht.

 

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