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Münster, 11.12.2017
Maija Tabaka und ihre Zeit in Westberlin PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 10. Juni 2017 um 14:16 Uhr

Kosmopolitisch und lettisch zugleich

Vostell porträtiert TabakaTabaka wurde am 5.11.1939 in Jelgava geboren. Ihr Vater war Bauingenieur, die Mutter Näherin. Im Krieg musste die Familie mehrmals den Wohnort wechseln, schließlich zog sie nach Riga. Maija Tabaka bezeichnete sich im Interview mit Viestarts Gailītis als ausgezeichnete Schülerin (arterritory.com). Doch ausgerechnet im Zeichnen erhielt sie schlechte Noten. An den Wochenenden gab Auseklis Bauskenieks der Zwölfjährigen Nachhilfe. Sie ging zunächst aus Mitleid zu ihm, damit er wenigstens eine Schülerin hatte. Ihr gefiel es, dass er sie nicht von oben herab behandelte. Allmählich fand sie Gefallen am Zeichnen. Bauskenieks lehrte sie die Grundlagen des Impressionismus`, an dem sie sich fortan bei der Farbgebung orientierte. Zugleich interessierte sie sich für Psychologie, Porträts und für linearen Rhythmus. Ihre Werdegang an der Rigaer Kunstakademie war holprig. Sie begann mit einem Studium in der Grafik-Abteilung, wechselte dann zur Malerei. Agnese Pundina und Paula Luse (arterritory.com) schildern in ihrem Artikel über Tabaka, weshalb sie als Studentin die Kunstakademie 1961 verlassen musste: Ihr Bild “Die Ananas-Esser” sei formal fehlerhaft gewesen, die Urheberin des Bildes unbegabt. Das war ein Schock für die experimentierfreudige Studentin. Sie stritt sich mit ihrem Vater, der den Ausschluss mit ihrer angeblichen Faulheit begründete. Tabaka schlug sich in Riga durch, ging dann für fünf Monate nach Moskau. Danach kehrte sie zurück und wurde an der Kunstakademie wieder aufgenommen. Sie entwickelte sich zu einer der bekanntesten zeitgenössischen Künstlerinnen Lettlands. Ihr Weg zur internationalen Anerkennung führte über Westberlin.

Wolf Vostell porträtiert Maija Tabaka mit Kamera, 1978, Zuzānu kolekcija. Foto: Jānis Pipars

Valdis Abolins brachte Tabaka nach Westdeutschland

Valdis Abolins, der in Westberlin als Geschäftsführer der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) arbeitete, schätzte Tabakas Arbeiten. Der Exillette suchte sie in einer Märznacht des Jahres 1973 an ihrem Wohnort in Jurmala auf. Abolins war auf der Suche nach sowjetischen Künstlern. Er wollte deren Bilder in Düsseldorf ausstellen. Abolins erntete Widerspruch, weil Tabaka nicht die sowjetische Kunst repräsentiere. Doch er setzte sich durch, Tabakas Bilder wurden in Düsseldorf gezeigt. Die beiden befreundeten sich und es entstand eine fruchtbare Zusammenarbeit. 1976 vermittelte Abolins seiner Freundin ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Tabaka musste sich einer Jury stellen, die von der Kasseler Documenta kam. Sie war die erste Künstlerin aus der Sowjetunion, die den Wettbewerb gewann. Fortan durfte sie zwei Jahre im Westberliner Künstlerhaus Bethanien leben und arbeiten. Im Gegensatz zu anderen DAAD-Stipendiaten durfte Tabaka ihre Gemälde nicht von zuhause mitnehmen. Deshalb begann sie in Berlin gleich mit der Arbeit, um etwas vorweisen zu können. Das erste Bild, das in Westberlin entstand, nannte sie “Dschungel”. So hieß damals eine bekannte Discothek. Laut Tabakas Aussage verkehrten dort auch Drogenabhängige. Die Deutschen hätten ihr diesen Ort gezeigt. Sie sei als sowjetischer Mensch recht naiv gewesen. Ihr hätten die bunten und glänzenden Farben gefallen, aber da sei auch etwas gewesen, vor dem sie zurückgeschreckt sei, was sie nicht “an der eigenen Haut” erfahren wollte. In Westberlin lernte Tabaka eine Reihe namhafter Kollegen kennen, unter ihnen Wolf Vostell. Der Fluxus-Künstler und die Malerin aus der Sowjetunion porträtierten sich wechselseitig. Eberhard Roters, Direktor der Berlinischen Galerie, suchte sie eines Tages in ihrem Atelier auf. Er wollte ihr Bild “Wie heißt du?” kaufen. Doch Tabaka eröffnete ihm, dass er nicht einfach so ein Bild von ihr kaufen könne. Denn die Bilder gehörten der Sowjetunion, sie durften nicht verkauft werden. Tabaka benötigte eine Genehmigung des Moskauer Kulturministeriums, um der Galerie das Bild zu schenken. Roters wollte sich für dieses unerwartete Geschenk revanchieren. Deshalb machte er ihr den Vorschlag, ihre erste Werkausstellung in Berlin zu organisieren. So kam es 1979 zur Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien, auf die ihr aktuelles Pendant in der Rigaer Kunsthalle Bezug nimmt. Viestarts Gailītis fragte Tabaka, ob sie einen Widerspruch zwischen dem Lettischen und dem Kosmopolitismus sehe. Ihrer Meinung nach seien Letten viel mehr Kosmopoliten, als es auf den ersten Blick erscheine. Für sie sei es kein Problem, gleichzeitig kosmopolitisch und durch und durch lettisch zu sein. Die internationalen Kontakte bereicherten die lettische Kunst, die nie ohne westliche Einflüsse war.

 

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Fotonachweise:

1. Maija Tabaka. Notikums. (Ereignis) 1975. Latvijas Mākslinieku savienības muzeja kolekcija. Foto: Renārs Derrings

2. Maija Tabaka. Tatjanas Bēmas Porträt. 1975. Latvijas Mākslinieku savienības muzeja kolekcija. Foto: Normunds Brasliņš

3. Maija Tabaka. 1945. Rīga. 1975. Ludwig Forum für Internationale Kunst  Aachen. Foto: Carl Brunn

4. Maija Tabaka. Kā Tevi sauc? (Wie heißt du?) 1977. Berlinische Galerie.

5. Maija Tabaka. Džungļi. (Dschungel) 1977–2010. Zuzānu kolekcija. Foto: Jānis Pipars

6. Maija Tabaka. Mākslinieks Volfs Fostels ar ģimeni. (Künstler Wolf Vostell mit Familie) 1978. LNMM kolekcija. Foto: Normunds Brasliņš

7. Maija Tabaka. Valdis Ābolins Porträt. 1978. Latvijas Mākslinieku savienības muzeja kolekcija. Foto: Renārs Derrings

8. Maija Tabaka. Ģimenes koncerts. (Familienkonzert) 1980. Latvijas Mākslinieku savienības muzeja kolekcija. Foto: Normunds Brasliņš

9. Maija Tabaka. Skumjā Regīna. (Traurige Regina) 1986. Latvijas Mākslinieku savienības muzeja kolekcija. Foto: Normunds Brasliņš

10. Dieter Masuhr. Maija Tabaka. 1977. Privatkollektion

11. Wolf Vostell. Mirušais, kuru moka slāpes. (Sterbender, den der Durst quält) 1977. The Wolf Vostell Estate kolekcija. Foto no kolekcijas arhīva

12. Wolf Vostell. Maijas Tabakas Porträt. 1978. Zuzānu kolekcija. Foto: Jānis Pipars

13. Rainer Fetting. Van Gogh an der Berliner Mauer. 1979. Jutas un Manfreda Heinrihu kolekcija, Maulbronna. Foto: Erik Tchernow

 

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