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Münster, 21.8.2017
Streit um die Besitzverhältnisse der Rigaer Petrikirche PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Sonntag, den 18. Juni 2017 um 00:00 Uhr

Nationalkonservative geben der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands (LELB) den Vorzug

Petrikirche in RigaIhr schlanker, zierlicher Turm ist mit 123 Metern der höchste in der Rigaer Altstadt und ein markanter Punkt in deren Skyline. Er überragt den Rigaer Dom, den ehemaligen Sitz des katholischen Bischofs. Der Bau der Petrikirche im 13. Jahrhundert war ein architektonisches Zeichen der Kaufleute, der bischöflichen Macht etwas entgegenzusetzen. Hier wurde Andreas Knöpken 1524 Archidiakon und damit begann hierzulande die Reformation. Zur selben Zeit wurden die Gotteshäuser von Bilderstürmern heimgesucht. Auch der Altar der Petrikirche wurde zerstört. Ein Altarbild des Luther-Fans Albrecht Dürer ging entweder bei dieser Gelegenheit oder bei den späteren Kalenderunruhen verloren. Überhaupt war das gotische Bauwerk Objekt mancher Zerstörungen und Umbauten. Der hölzerne Turm wurde durch Blitzeinschlag, Brand und zuletzt beim Angriff der deutschen Wehrmacht 1941 zerstört. In der Sowjetzeit wurde die Kirche wieder aufgebaut, der Turm als sichere Metallkonstruktion neu errichtet. Fortan diente die Petrikirche nicht sakralen, sondern profanen Zwecken: Für Konzerte und Ausstellungen. Seit der Unabhängigkeit ist nicht endgültig geklärt, wer der Besitzer dieses historischen Bauwerks ist. Derzeit ist lediglich die Stadt Riga im Grundbuch eingetragen. Das Dezernat für Bildung, Kultur und Sport organisiert die Veranstaltungen, der lettische Staat finanziert Restaurierungsarbeiten. Nun schlug die Nationale Allianz vor, die Kirche der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands (LELB) zu übereignen. Doch dieser Plan stößt auf Widerstand.

Die Petrikirche in Riga mit ihrem markanten Turm, dahinter der Dom, Foto: By User:Moralist - Paša darbs, Neaizsargāts darbs, Saite

 

Nähe der Nationalkonservativen zu Vanags` Kirche

Kulturell bedeutsame Gebäude wurden nach der Unabhängigkeit den Kirchen nicht automatisch zurückgegeben. Die Besitzverhältnisse der Petrikirche sollte ein spezielles Gesetz klären, das in der Saeima bis heute nicht beschlossen wurde. Politiker der Nationalen Allianz, unter ihnen Justizminister Dzintars Rasnačs und Gaidis Bērziņš, Vorsitzender der Saeima-Rechtskommission, wollen Rigas Kulturerbe der LELB zusprechen. Man kann davon ausgehen, dass die Nationalkonservativen und die vom Bischof Jānis Vanags geführte LELB in vielen Fragen Gesinnungsgefährten sind. So empfängt Vanags die SS-Legionäre am 16. März in seinem Dom, bevor Parteimitglieder der Nationalen Allianz sie durch die Innenstadt zum Nationaldenkmal geleiten. Auch Vanags` Kritik an gelebter Homosexualität dürfte den Nationalkonservativen gefallen. Zudem sorgte die LELB im letzten Jahr für Aufsehen, weil sie das Verbot der Frauenordination in ihre Verfassung aufnahm, damit riskiert Vanags` Evangelisch-Lutherische Kirche die internationale Isolation. Rasnačs schlug nun vor, die Saeima-Rechtskommission mit der Ausarbeitung eines Gesetzes für die Petrikirche zu befassen. In ihr besteht offenbar Einigkeit darüber, dass die LELB zukünftiger Besitzer werden soll. Doch bislang ist die Saeima-Kommission für Bildung, Kultur und Wissenschaft zuständig. Deren Vorsitzende Ilze Vinkele widerspricht dem Vorhaben ihrer nationalkonservativen Regierungspartner.

Brand der Petrikirche 1941

Brand der Petrikirche 1941 beim Überfall der deutschen Wehrmacht auf Riga, die deutsche Propaganda machte "Bolschewiken und Juden" für den Brand verantwortlich, Foto: Neaizsargāts darbs, Saite

LELB nicht zu Kompromissen bereit

Die Koalition lehnte Rasnačs` Vorschlag ab, die Kommission für Bildung, Kultur und Wissenschaft bleibt zuständig. Māris Klūga berichtete am 16.6.2017 (lsm.lv), dass in ihr die Abgeordneten unterschiedlicher Meinung seien. Vinkele, Mitglied der Regierungsfraktion Vienotiba, äußerte sich zur Absicht des Justizministers. Rasnačs habe sich wohl gedacht, die reservierte Haltung ihrer Kommission umgehen zu können, indem man die Zuständigkeit wechsele. Zwischen den Kirchen bestünden erhebliche Meinungsunterschiede. Ihre Partei sei der Ansicht, dass einem Anwärter, also der LELB, nicht der Vorzug gewährt werden könne. Es sei ein schlechtes Signal, wenn jemand versuche, sich nur mit einer Kirche zu einigen und das Parlament sei nicht der Ort, wo man Streit über Besitzverhältnisse entscheide. Das müsse entweder ein Gericht tun oder eine Entscheidung bewirken, die allen Anwärtern gerecht werde. Mit der LELB konkurriert die – liberalere - Evangelisch-Lutherische Kirche außerhalb Lettlands (LELBaL), die inzwischen auch innerhalb von Lettland Gemeinden unterhält. Sie hatte Vinkeles Kommission den Vorschlag unterbreitet, die Petrikirche unter vier Besitzern zu teilen: Neben der Stadt Riga, LELB und LELBaL soll auch die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Lettland gleichberechtigte Miteigentümerin werden. Augusts Brigmanis, Vorsitzender der Union der Grünen und Bauern, teilt Vinkeles Auffassung. In dieser Frage sei vieles ungeklärt. Seine Partei wolle tolerant sein gegenüber der breiten lutherischen Glaubensfamilie und wolle sich nicht vorwerfen lassen, einen Beschluss gefasst zu haben, der in der Mitte der Gläubigen als uneindeutig aufgefasst werde. Vinkele fügte hinzu, dass keine Kirche rechtlichen Anspruch auf das Gebäude habe, denn keine könne vom Grundbuch her oder aus historischen Quellen einen solchen Anspruch ableiten. Sie ist zudem skeptisch, dass die Kirchen eine Einigung erzielen, weil die LELB zu Kompromissen nicht bereit sei. Wie berichtet (lp.de), streitet sich die LELB gerichtlich auch um die Immobilien der Kreuzkirchengemeinde in Liepaja, nachdem diese im letzten Jahr zur LELBaL wechselte.

 

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