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Münster, 26.7.2017
Die Johannisnacht in Riga PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 24. Juni 2017 um 09:27 Uhr

Feiern mit Eichenlaub, Blumenkränzen und Folkrock

Ligo-Schrift an der HaupttribühneAm Ligo-Tag, am 23. Juni, ist der ganzen Stadt anzumerken, dass sich die Einwohner auf ein großes Fest vorbereiten. Eichenlaub ziert den Kühlergrill mancher Autos, Busse und Bahnen sind mit dem Stadtwappen beflaggt, aus den Taschen der Frauen ragen Wiesenblumen. Man kann sie an den Marktständen kaufen. Diesmal haben die Städter Glück. Jene, die der eigentliche Star und Kultobjekt dieses Festes ist, strahlt, verbirgt sich diesmal nicht hinter dunklen Wolken: Die Sonne zeigt sich an einem ihrer längsten Tage, nur ist es windig und schon am frühen Abend recht frisch.

Ligo-Schriftzug an der Haupttribühne auf der Rigaer Großveranstaltung zum Johannisfest vom 23. bis 24. Juni 2017, Foto: LP

 

Auch Herder wird bekränzt

Doch diesmal können die Lettinnen und Letten die Nacht durchfeiern, den Sonnenaufgang erwarten, ohne dabei durchnässt zu werden. Die Blumenhändler in der Innenstadt verkaufen jetzt üppige Eichenlaubkränze. Die sollen Männer auf dem Kopf tragen. So ist dem Manne, dem keine Frau einen solchen zu flechten erbarmt, zumindest in dieser Hinsicht geholfen. Sogar der Philosoph der Volkskultur, Johann Gottfried Herder, der in der Nähe des Doms als Denkmal verewigt ist, trägt, so staunt man, heute Eiche. Für Rigas zentrale Feier zur Johannisnacht wurde die breite Uferstraße an der Daugava gesperrt. Zwischen der Technischen Universität und der Vansu-Brücke verwandeln Metallgitter den Asphalt in eine Fußgängerzone. Sicherheit in heutiger Zeit bedeutet polizeiliche Präsenz, Absperrungen, Taschenkontrollen an den Zugängen, die Uferstraße ist sogar mit quer gestellten Linienbussen blockiert. Diesmal rüsten sich die Letten damit nicht wie 1991 gegen die Sowjetmacht, sondern gegen eventuelle Terroristen, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Sicherheit bedeutet aber auch die Anwesenheit von Rettungswagen und Kolonnen von mobilen WC-Anlagen.

Bier an der Daugava

Bier an der Daugava, Foto: LP

Kranz auf dem Kopf, Bier in der Hand

Auf der Uferstraße des 11. Novembers versammeln sich schon am frühen Nachmittag die ersten Passanten. Sie stehen an den Buden Schlange, wo Bier und Gegrilltes angeboten wird. Allmählich füllt sich das Festgelände mit Tausenden. Sie sitzen am Rande auf den Stühlen der Imbissbuden, liegen im Gras oder besetzen die Tribünen in der Nähe der Hauptbühne oder sie flanieren einfach hin und her. Kinder spielen, tanzen, kegeln. Manche Erwachsene haben Kränze auf dem Kopf und einen Becher Bier in der Hand. Das Volk verdichtet sich an der Hauptbühne, wo um 19 Uhr das Konzert der Band "Brāļi un māsas" beginnt. Sängerin Kristīne Kārkle und die anderen Mitglieder ihrer Gruppe demonstrieren mit ihren Ligo-Liedern, wieso lettische Volksmusik nicht veraltet. Die Band spielt mit traditionellen und modernen Instrumenten. Das verwandelt hergebrachtes Liedgut in einen sehr hörenswerten Folkrock. Wem dies zu jugendlich ist, der kann auf den kleineren Bühnen traditionellere Klänge oder Schlager vernehmen. Nach "Brāļi un māsas" tritt Intars Busulis auf, Lettlands bekanntester Jazz-Sänger. Er weiß das Publikum nicht nur mit seiner Stimme, sondern auch mit seinen Späßen und seiner Zuversicht zu begeistern. Diesmal fordert er die Menge mehrmals dazu auf, mit den Händen ein großes Herz in die Luft zu malen. Allmählich überstrahlt das bunte Scheinwerferlicht die Sonne, die hinter der Daugava-Mündung rosarot verschwindet. Es wird Zeit, die beiden großen, ordentlich aufgestapelten Türme aus Holzscheiten anzuzünden. Ein Mann im traditionellen Bauernkostüm erklimmt den Stapel, benässt ihn mit Brandbeschleuniger, zündet das Ligo-Feuer an. Viele werden bis zum Sonnenaufgang weiter essen und trinken, den Musikgruppen zuhören, sich auf der Tanzfläche bewegen. Andere eilen zur Haltestelle, um den letzten Bus nicht zu verpassen, der sie heute umsonst nach Hause bringen wird.

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