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Münster, 20.11.2017
Lettische Kunstausstellungen im Juli 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 01. Juli 2017 um 16:22 Uhr

Künstler, die Feuer spucken, den ruhenden Punkt suchen oder sich elegisch erinnern

Vedron, FilipovicsAuch im Juli präsentieren die lettischen Kuratorinnen Künstler, die schon mal in Deutschland ausgestellt haben. Oļegs Tillbergs kam in der wechselvollen Zeit der achtziger Jahre nach Westberlin, um den Deutschen erstmals lettische Avantgarde-Kunst zu zeigen. Die Fotografin Iveta Vaivode hat ebenfalls Deutschland-Erfahrung. Sie erhielt von der C/O Berlin Foundation im Jahr 2013 einen Förderpreis. In ihrer aktuellen Ausstellung “Schwertlilien” lichtet sie die Überreste ihrer Kindheit auf elegischen Bildern ab. Die Malerin Paula Zariņa-Zēmane sucht nach dem ruhenden Punkt, an dem sich die Gegensätze dieser Welt annähern und ausgleichen. Hier die Zusammenfassung aus PR-Texten lettischer Museen zu neuen Kunstausstellungen im Juli 2017.

"Vedron" von Jānis Filipovičs, Foto: laac.lv

Zyklus Divdabis (Partizip): Oļegs Tillbergs und Jānis Filipovičs

8.7. bis 6.8.2017 im Hauptgebäude des Lettischen Nationalen Kunstmuseums, Jana Rozentala laukums 1, Riga, 4. Etage, Eröffnung 7.7.2017, 18 Uhr

Der Ausstellungszyklus Divdabis (Partizip) wird vom Lettischen Zentrum für zeitgenössische Kunst organisiert. Einen Monat lang werden jeweils die Arbeiten zweier Künstler gezeigt, die unterschiedlichen Generationen angehören. Diesmal präsentieren die Kuratorinnen Solvita Krese and Diāna Popova das Duett Oļegs Tillbergs / Jānis Filipovičs, welches sie im Hinblick auf Anspruch und Materialität als höchst ambitioniert betrachten. Oļegs Tillbergs, geboren 1956, gilt als Grenzverletzer, der in den späten achtziger und neunziger Jahren auch im Westen, auch in Deutschland bekannt wurde. 1988 war er an der Ausstellung „Riga – Lettische Avantgarde“ beteiligt, die damals in Westberlin und Bremen gezeigt wurde. Erstmals konnte man sich jenseits des Eisernen Vorhangs über aktuelle lettische Kunst informieren. Tillbergs meinte 2010 in einem Delfi-Interview, dass die ersten Erfahrungen im Westen ihn euphorisch stimmten, die Ausstellung sei fantastisch gewesen und habe neue Möglichkeiten eröffnet. Im Westen habe man Interesse an der neuen Kunst aus dem Osten gezeigt, gewiss sei das mit der politischen Situation verbunden gewesen, doch seien er und seine Gefährten auch scharf gewesen und hätten Feuer gespuckt (delfi.lv). Tillbergs und seine Kunstgefährten experimentierten damals mit monumentalen Installationen, sowjetischen Militärflugzeugen, Bagger, Walknochen usw. und arrangierten sie zu gleichsam soziopolitischen wie poetischen Aussagen. In den frühen 90er Jahren entstand die Installation „Fluten“, die aus hunderten verrosteter Eimer besteht, die Tillbergs auf den Streifzügen durch Rigas Kleingärten eingesammelt hatte und die er mit weißen Laken umrahmte. Die Kuratorinnen sehen darin ein Zeugnis kollektiver und individueller Erfahrung, welches über menschliche Schicksale und das Verrinnen der Zeit reflektiert. Der zweite im Kunst-Duett ist Jānis Filipovičs, geboren 1978. Er gestaltet ein ironisches Wechselspiel mit seinem Kollegen. Er nutzt die Vieldeutigkeit der Sprache, gibt alltäglichen Gegenständen eine neue Gestalt und Funktion. Krese meint zu seiner Kunst: „Jānis Filipovičs` Arbeit besticht mit überschäumendem Humor und lebendiger Veranschaulichung. In die Gestaltung witziger Objekte aus alltäglichen Materialien webt er politische und soziale Kritik. Indem der Künstler die drastische Änderung der politischen Weltsituation, die Verschärfung militärischer Konflikte und den gleichzeitigen Start der Grillsaison in unseren Breiten analysiert, wird er in einer seiner Installationen das `Braten` thematisieren“

Olegs Tillbergs, Floods

Die Installation "Fluten" von Oļegs Tillbergs, Foto: laac.lv

 

Paula Zariņa-Zēmane: Der Ruhepunkt in der wechselnden Welt

21.7. - 20.8.2017 in der Ausstellungshalle Arsenals, 2. Etage, Torna iela 1, Riga, Eröffnung 20.7.2017, 18 Uhr

Zariņa-Zēmane ließ sich vom englischsprachigen Schriftsteller Thomas Stearns Eliot inspirieren. Der hatte 1943 seine Gedichtsammlung „Vier Quartette“ veröffentlicht. Darin erwähnt er einen Punkt des Gleichgewichts, in dem sich die Gegensätze und Widersprüche der ganzen Welt harmonisch begegnen. Die Künstlerin sucht nach diesem Punkt in ihren Bildern, das mittlere Maß zwischen Gegensätzen. Eine zu große Bewegung beunruhigt den Menschen, Stillstand hingegen langweilt ihn. Die Malerin gestaltet Orte, die dem Menschen gestatten, Ruhe und Frieden zu genießen, auch wenn sich die Welt um ihn schneller dreht als jemals zuvor. Līna Birzaka-Priekule beschreibt die künstlerische Entwicklung Zariņa-Zēmanes, die 1988 die Lettische Kunstakademie absolvierte und schon einige Ausstellungen präsentiert hat: „Paulas Zariņas-Zēmanes neueste Arbeiten entfernen sich von der Nachahmung der Natur, indem sie dem Betrachter im zunehmendem Maß gestatten, sich mit seiner Einbildungskraft zu beteiligen. Das liegt an den von der Künstlerin wahrgenommenen Assoziationen innerhalb der Landschaft – mystische Momente, großformatig gestaltete, feinfühlig abgestufte Ölgemälde, in welchen sich zuweilen ein Umriss abbildet. Jeder Pinselstrich ist ein gleichsam emotionaler wie zielgerichteter Prozess, der die Leinwand mit feinen, bisweilen sogar unmerklichen Reflexionen erlebter Augenblicke bedeckt, so einen unendlichen und tiefen Bewusstseinsstrom schaffend.“

Mark-Rothko-Zentrum

Das Mark-Rothko-Zentrum in der Zitadelle von Daugavpils, Foto:  Laima Gūtmane (simka) - Daugavpils Mark Rothko art center, CC BY-SA 3.0, Saite

Daugavpils: Iveta Vaivode - Schwertlilien

7.7. bis 10.9.2017, Mark-Rothko-Zentrum, Daugavpils

Vaivode studierte Fotografie in Bournemouth und Helsinki. Seit 2008 gestaltete sie zahlreiche Ausstellungen. Im Berliner Amerika-Haus präsentierte sie 2015 „Somewhere On Disappearing Path“ und in der Schweiz beteiligte sie sich im selben Jahr am Verzasca Foto Festival in Sonogno. Die Fotografin hat bereits einige Preise gewonnen, u.a. den Förderpreis der C/O Berlin Foundation. Kostproben ihrer Serie „Schwertlinien“ sind auf ihrer Webseite (ievetavaivode.lv) zu betrachten. Das Thema und die Stimmung beschreibt Vaivode in poetischen Worten selbst. „An einem warmen Sommertag gehe ich meinen Weg durch hohes Gras und Gebüsch, bis ich das Haus meiner Kindheit erreiche. Ich bemerke ein zerbrochenes Fenster und benutze es als Eintritt in meine eigene Vergangenheit. Dort ist ein gedeckter Tisch mit Kaffeetassen und ein nicht angerührtes Tablett mit Marmelade in der Küche. Ich spüre, dass das Haus jemanden erwartet, vielleicht mich. Trotz der Leere in den Zimmern kann ich einzelne Möbelstücke erkennen. Einen Stuhl, der wie ein Bett benutzt wurde, als ich klein war, und eine alte Uhr an der Wand. Doch alles wirkt entstellt, klein und vergessen, ich sehe, wie alles seine Zeit hat; Ereignisse und sogar Menschen wurden durch meine Erinnerungen neu erfunden.“ Gern würde der Autor dieser Zeilen dieses schöne Englisch weiter übersetzen, er fürchtet aber die Urheberrechtsgesetze. Kurzum, die Fotografin und Poetin beschreibt die Unmöglichkeit, zur Vergangenheit zurückzukehren. Dies sei wie der Versuch, sich Überreste eines Speisetisches anzueignen. Man bekomme zwar eine Vorstellung davon, wie es mal war, doch man könne die verzehrten Speisen nicht noch einmal probieren. Vaivodes Eltern stammen aus Lettgallen. Jedes Jahr kehre sie zurück, um einen Blick auf die vertraute Landschaft zu werfen. Bei jedem Besuch sehe sie mit an, wie sie verschwinde und sich verwandle. So sei Lettgallen zu einer Metapher für alles geworden, was sie verloren habe. By the way: Am 7.7.2017 um 16 Uhr wird im Mark-Rothko-Zentrum die Saison der Sommerausstellungen eröffnet. Neben Vaivodes „Schwertlinien“ können Besucher dann fünf weitere Ausstellungen besichtigen, darunter eine Retrospektive zum Werk des israelischen Künstlers Moshe Kupferman.

 

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