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Münster, 24.9.2017
Ausstellung „Malerische Reise von Serben bis Sizilien. Karl Gotthard Grass“ eröffnet PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 12. Juli 2017 um 07:33 Uhr

Selbstverwirklichung in der Zeit der Aufklärung

Vom 12.7. bis 24.9.2017 in der Lettischen Nationalbibliothek, Parterre, Mukusalas 3, Riga

Grass-AusstellungDie Kuratorin Edvarda Šmite eröffnete am 11.7.2017 die Ausstellung in der Lettischen Nationalbibliothek. Man könne darüber streiten, ob es sich um eine Kunstausstellung im engeren Sinne handelt. Von Grass` Arbeiten sind nur wenige Originale erhalten. Die gezeigten Exponate sind größtenteils Drucke und Kopien, die aus der Wissenschaftlichen Bibliothek Rigas stammen. Grass` dichterische und bildnerische Arbeiten gehören nicht zum Kanon der Literatur- und Kunstgeschichte. Seine Texte, Zeichnungen und Gemälde sind reizvoll, können sich sehen lassen, bilden aber keinen Meilenstein der kulturellen Entwicklung. Sie sind deshalb reizvoll, weil sie auf eine eigenartige und für die Zeit der Aufklärung typische Persönlichkeit weisen. Šmite würdigte Grass als Menschen, der sich nicht an einen vorgezeichneten Lebenslauf gebunden sah, sondern seinen eigenen Weg ging, bis nach Italien.

Die Karl-Gotthard-Grass-Ausstellung in der Nationalbibliothek, Foto: LP

 

Rastloses Künstlerleben statt sichere Pfarrstelle

Grass wurde im livländischen Flecken Dzerbene (deutschbaltisch: Serben) 1767 geboren. Sein Vater war evangelischer Pfarrer, der typische Beruf des bürgerlichen Intellektuellen damals. Auch der Sohn sollte einmal ein Pfarramt übernehmen, so studierte er Theologie in Jena, wie es sein Vater auch gemacht hatte. Dort lernte er Friedrich Schiller kennen, der historische Vorlesungen hielt. Solche Freundschaften und Bekanntschaften, die er auf seinen zahlreichen Fußreisen bis in die Schweiz schloss, inspirierten ihn, sich mehr für Kunst und Literatur als für sein Fach zu interessieren. Grass war am Kaiserlichen Lyzeum in Riga Schüler des Ethnographen Johann Christoph Brotze gewesen. Nach seiner Rückkehr aus der Schweiz durchstreifte er mit ihm die livländische Heimat. Sie zeichneten kulturelle Denkmäler, einige Zeichnungen des Schülers wurden in Brotzes „Sammlung verschiedener Liefländischer Monumente“ aufgenommen. Trotz seines Interesses an der bildenden Kunst schickte sich der junge Theologe dann doch an, das zu werden, was die gesellschaftlichen Verhältnisse für ihn vorsahen: Er wurde Pfarrer, vielleicht der Liebe halber, doch das Lexikon vermerkt: „1796 hatte er endlich kaum eine Stelle als Prediger bei einem Landedelmanne in Sunzel erhalten, als ihn die Untreue seiner Braut veranlaßte, nicht nur seinem Amte, sondern auch seinem ganzen Berufe den Rücken zu kehren und sich wieder ins Ausland zu begeben. Er ging wieder nach der Schweiz und widmete sich nun ganz seinen Lieblingsneigungen: der Malerei und der Poesie (…)“ (deutsche-biographie.de).

Grass-Ausstellung 2

Die Ausstellung zeigt Zeichnungen, Drucke und Kopien, Grass` Lebensstationen werden auf Lettisch und Englisch ausführlich beschrieben, Foto LP

Vorromantische Naturbetrachtungen

Grass entschloss sich, Livland zu verlassen, seinen wirklichen Interessen nachzugehen, in der Ferne seine Talente zu entwickeln, das Traumland seiner Jugend, Sizilien, selbst in Augenschein zu nehmen. Seine Stationen waren Chur, Paris und Rom, wo er Philipp Joseph von Rehfues traf. Der Schriftsteller plante damals eine Reise mit Karl Friedrich Schinkel, ausgerechnet nach Sizilien, Rehfues nahm Grass auf eigene Rechnung mit. Rehfues hielt das dichterische Talent seines Reisegefährten für begrenzt, doch dessen Zeichenkunst überzeugte mehr und mehr, hatte vorromantische Züge: Grass liebte, so schreibt er in seiner Autobiographie, die „große, reiche, herrliche Natur“, die „Thema seiner Seele“ war. In Sizilien blieb der Livländer mehrere Jahre, erotisches Glück war dem leidenschaftlichen Charakter auch als Künstler, so weiß das Lexikon, kaum beschieden: „In Rom glaubte G. doch noch durch ein Weib glücklich werden zu können, doch soll er sich darin abermals getäuscht haben. `Ein früher Tod`, sagt Rehfues, `entriß ihn einem Leben, das ihm viel schuldig geblieben war. Im Paroxysmus eines hitzigen Fiebers raffte er sich vom Lager auf und stürzte die Treppe hinunter.`" Die Ausstellung im Parterre der Nationalbibliothek ist noch bis zum 24.9.2017 zu sehen. Die Exponate sind nach Grass` Lebensetappen an den verschiedenen Aufenthaltsorten von Livland bis Italien angeordnet. Dazu wird seine Biographie auf Lettisch und Englisch ausführlich erläutert. Der Eintritt ist frei. Am 21. und 22.9.2017 wird eine Konferenz anlässlich des 250. Geburtstags von Grass stattfinden.

 

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