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Münster, 26.7.2017
80 Teilnehmer des Deutschen Riga-Komitees trafen sich in der lettischen Hauptstadt PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 15. Juli 2017 um 00:00 Uhr

Holocaust-Gedenktag am 4.7.2017 in Lettland

Gedenkstääte Gogola iela in Riga„In einer Zeit, in der es kaum noch Zeitzeugen gibt, die über die grauenhaften Geschehnisse jener Zeit aus eigener Erfahrung berichten können, ist die Gedenk- und Erinnerungsarbeit umso wichtiger,“ mit diesen Worten empfing Rolf Schütte, deutscher Botschafter in Lettland, die Delegation des Riga-Komitees, das sich anlässlich des lettischen Holocaust-Gedenktages am 4. Juli in der lettischen Hauptstadt aufhielt (riga.diplo.de). Im Juli 1941, kurz, nachdem deutsche Soldaten Lettland erobert hatten, begannen SS-Angehörige und lettische Hilfspolizisten, Juden zusammenzutreiben, um sie im Wald von Bikernieki, später auch in Rumbula zu erschießen. Ab November 1941 wurden Juden aus dem Reichsgebiet ins Ghetto nach Riga deportiert. Passanten in deutschen Städten werden durch die messingfarbenen „Stolpersteine“ auf den Gehwegen an das Schicksal ihrer ermordeten Mitbürger erinnert: Auf vielen ist zu lesen, dass Riga die Endstation ihres Lebens war. Im Jahr 2000 gründeten 13 deutsche Städte zusammen mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge das Riga-Komitee (riga-komitee.de). Inzwischen beteiligen sich 56 deutsche Städte, zudem Wien und Brünn. 80 Komitee-Gesandte hielten sich vom 3. bis 5. 7.2017 in der lettischen Hauptstadt auf, um die Erinnerungsorte des Holocausts zu besuchen und an Gedenkveranstaltungen mit Juden und Letten teilzunehmen.

Gedenkstätte der zerstörten Synagoge an der Gogola iela in Riga, Foto: Reinis Inkēns, Saeimas Administrācija

 

Jagd auf Juden hinter der Front

In der Umgebung von Riga erschossen SS-Angehörige etwa 25.000 lettische und 26.500 Juden aus dem „großdeutschen“ Reichsgebiet. Die Mordaktionen, denen auch Sinti und Roma zum Opfer fielen, erfolgten in den Wäldern von Bikernieki und Rumbula, östlich bzw. südlich der lettischen Hauptstadt. Weitere Massentötungen organisierte die SS in Liepaja (Libau) und anderen lettischen Provinzstädten. Das Komitee besuchte die Gedenkstätte von Bikernieki, die der Volksbund gemeinsam mit dem lettischen Brüderfriedhofskomitee eingerichtet hat. Hier sind auf Stelen 55 Städtenamen zu lesen: Berlin, Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Hamburg, Hannover… Auch Jugendliche aus Lettland, Österreich und Deutschland nahmen teil. Sie sammeln für ein Projekt der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ Tagebucheinträge der Opfer. Zudem stand die Gedenkstätte Rumbula auf dem Programm (volksbund.de ). In diesem Waldgebiet südlich von Riga wurden die lettischen Juden des Rigaer Ghettos erschossen. Die deutschen Machthaber ließen danach die Deportierten aus dem Reichsgebiet im leeren Ghetto unterbringen. Seine neuen Bewohner verrichteten Zwangsarbeit, bevor auch sie abgeführt wurden und sich vor den ausgehobenen Massengräbern nackt aufstellen mussten. In der Umgebung befinden sich weitere Stätten des Holocaust, die das Komitee aufsuchte: Salaspils (Kirchholm) und Jumpravmuiža (Jungfernhof). Diese Orte bestanden aus einigen von Gefangenen hastig aufgestellten Baracken, welche Franz Walter Stahlecker als Lager ausgab, um nach Berlin zu melden, dass die deutschen Besatzer zur Aufnahme der Deportierten bereit sei. Stahlecker war Befehlshaber der Einsatzgruppe A, einer jener berüchtigten SS-Gruppen, die hinter der Front Jagd auf Juden und Regimegegnern machten. Wolfgang Scheffler hat solche und andere Details der Deportationen erforscht.

Margers Vestermanis und Inara Murniece

Inara Murniece begrüßt Margers Vestermanis, im Hintergrund Maris Kucinskis: Foto: Reinis Inkēns, Saeimas Administrācija

 

Lettische Politiker gedenken mit der jüdischen Gemeinde

Wie konnte es geschehen, dass in Lettland zur Zeit des Holocaust fast alle Juden ermordet wurden?” fragte der Historiker Margers Vestermanis auf der zentralen Gedenkveranstaltung auf dem Gelände der zerstörten Synagoge an der Gogolastraße. “Wie konnte es geschehen, dass Lettlands jüdische Gemeinde in der Zeit des Holocaust von allen jüdischen Gemeinden in Europa am meisten gelitten hat?” Vestermanis hatte als Jugendlicher das Rigaer KZ Kaiserwald überlebt. Für ihn lautet die Antwort: Die lettische Gesellschaft betrachtete die Juden nicht als ihren Teil. Juden seien einfach nur Juden gewesen, fremd und sonderbar. Doch der 30.11.2016 habe ihm Hoffnung gegeben. An diesem Tag trafen sich erstmals Letten am Nationaldenkmal, um den Toten des “Rigaer Blutsonntags” von 1941 zu gedenken, als lettische Hilfspolizisten ihre jüdischen Mitbürger aus dem Ghetto nach Rumbula trieben. Die Menschen hätten den jüdischen Opfern gedacht, als Teil ihrer Gesellschaft (jews.lv ). Zur Kranzniederlegung waren Mitglieder der jüdischen Gemeinde Rigas, die israelische Botschafterin Lironne Bar-Sade und lettische Politiker gekommen, unter ihnen Ministerpräsident Maris Kucinskis und einige seiner Kabinettsmitglieder. Parlamentspräsidentin Inara Murniece mahnte, dass die Verbrechen gegen das jüdische Volk nicht verjährten, dass der Genozid am jüdischen Volk nicht nur eine Tragödie Deutschlands und Lettlands, sondern der ganzen Menschheit sei. Das Gedenken an den Holocaust und seine historische Erforschung sei eine moralische und politische Verpflichtung. Krieg, Gewalt und Massenmord dürften sich nicht wiederholen. Das sei wesentlich in einer Zeit, in der Europa mit Schwierigkeiten und Herausforderungen kämpfe: “Jeder muss sich gegen das Schüren von Hass und Gewalt zwischen Völkern, Religionen und einzelnen Gruppen einsetzen (saeima.lv ).”


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